ZEIT ONLINE: Herr Diekmann, die Allianz startet ein Programm zur strategischen Personalplanung. Warum erst jetzt?

Michael Diekmann: Die demografische Entwicklung hat das Thema aktuell werden lassen. Die Auswirkungen bekommen wir schon heute zu spüren, in der Altersvorsorge, im Gesundheitssystem und in der privaten Wirtschaft. Dieses Jahr sind in Europa zum ersten Mal mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden als neu dazugekommen.

ZEIT ONLINE: Das ist doch schon seit Jahren bekannt.

Diekmann: Natürlich ist das Thema auch für uns nicht neu. Wir haben jedoch festgestellt, dass es sinnvoll ist, über viel längere Zeitspannen zu planen. Das erfordert entsprechende Werkzeuge, mit denen wir Szenarien modellieren können, die für unterschiedliche Annahmen und Rahmenbedingungen passen. Diese Werkzeuge haben wir jetzt entwickelt und können so unsere Personalplanung von ursprünglich ein bis drei Jahren auf zehn Jahre ausweiten.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Diekmann: Im ersten Schritt haben wir untersucht, inwiefern wir als Allianz vom demografischen Wandel betroffen sind, also haben wir unsere Mitarbeiterschaft analysiert: Wie ist der Altersdurchschnitt, in welchen Bereichen werden wir Lücken bekommen? Zudem untersuchen wir auch die Produktivität verschiedener Altersklassen. Studien aus der deutschen Automobilindustrie haben beispielsweise gezeigt, dass ältere Mitarbeiter zwar mehr, aber deutlich weniger schwere Fehler machen. Wir können also gespannt auf unsere Ergebnisse sein.

ZEIT ONLINE: Was hat die Analyse bisher ergeben und welche Maßnahmen ergreift Ihr Unternehmen?

Diekmann: In der Allianz Deutschland haben wir beispielsweise festgestellt, dass sich der Anteil der über 50-Jährigen in den nächsten zehn Jahren verdoppeln wird, auch werden hierzulande rund 20 Prozent unserer angestellten Vertreter in diesem Zeitraum in den Ruhestand gehen. Darauf reagieren wir, indem wir spezielle Seminare und Programme für ältere Mitarbeiter anbieten. Auch einzelne Berufsgruppen wie IT-Fachkräfte und Aktuare sind schon heute schwer zu bekommen. Für letztere haben wir deshalb ein spezielles Entwicklungsprogramm aufgelegt. Ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung von Frauen im Unternehmen.

ZEIT ONLINE: Was kostet das?

Diekmann: Die Kosten sind schwer schätzbar, da es sich um vielfältige Maßnahmen handelt, die nicht nur unter dem Demografieaspekt zu sehen sind.

ZEIT ONLINE: Zielt die Personalpolitik auch darauf ab, akademischen Nachwuchs zu gewinnen?

Diekmann: Ja, um talentierte Absolventen zu finden, haben unsere deutschen Gesellschaften ihre Personalmarketing-Aktivitäten verstärkt und attraktive Einstiegsprogramme entwickelt. Natürlich versuchen wir auch den Nachwuchs selbst heranzuziehen und haben unser Angebot an dualen Studienplätzen in den letzten Jahren mehr als verdoppelt. Bei den Auszubildenden werden wir auch das Zusammenfallen der G8- und G9-Jahrgänge nutzen und in Bayern 2011 doppelt so viel Auszubildende einstellen als 2010.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie an den bisherigen Auswertungen am meisten überrascht?

Diekmann: Volkswirtschaftlich gesehen hat mich überrascht, dass der Wanderungssaldo – also die Anzahl der Menschen, die in unser Land ein- und auswandern – in Deutschland bereits seit 2008 negativ ist. Und weil der Bevölkerungsrückgang ganz Europa betrifft, können sich die westeuropäischen Länder nicht mehr auf die traditionelle Einwanderung aus Osteuropa verlassen. Das war neu für mich.