Rentner mit Job Wir brauchen Modelle für ältere Arbeitnehmer
Wer im Rentenalter arbeiten will, sollte das können, sagt Arbeitspsychologe Deller im Interview. Denn Ältere seien eine Bereicherung für die Unternehmen.
ZEIT ONLINE: Herr Deller, was bedeutet es, in den Ruhestand zu gehen?
Jürgen Deller: Es bedeutet, dass die internale Kontrolle weg ist. Bei einer ganzen Reihe von Menschen spielt die Arbeit eine große Rolle. Arbeit macht zufrieden. Fehlt sie, muss der Mensch aus sich selbst heraus die Kraft aufbringen, zufrieden zu sein.
ZEIT ONLINE: Warum wächst die Zahl der Rentner , die arbeiten wollen? Sind deutsche Rentner arm?

Jürgen Deller ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg und forscht zum Thema Silver Workers – Menschen, die mit über 60 Jahren noch arbeiten, sei es bezahlt oder ehrenamtlich.
Deller: Nein. Die meisten arbeitenden Rentner in Deutschland arbeiten nicht, weil sie von Altersarmut bedroht sind. Wir haben mit vielen gesprochen, die arbeiten, weil sie noch fit genug sind und arbeiten möchten.
ZEIT ONLINE: Wird die Rente mit 67 dieser Gruppe gerecht?
Deller: Sie bedeutet ja nicht, dass man mit 67 nicht mehr arbeiten darf. Es gibt in Deutschland keine verbindliche Altersgrenze, es gibt nur in Verträgen vereinbarte Rentenalter: Zeitpunkte, um sich zu orientieren, um Planungssicherheit zu haben. Die werden einer Vielzahl der Menschen sicher nicht gerecht, denn sie tun so, als ob alle gleich wären.
ZEIT ONLINE: Was muss sich also ändern?
Deller: Wir haben von den Gesetzen her schon relativ flexible Regelungen. Was sich ändern muss, ist die Einstellung älteren Menschen gegenüber. Es ist in Deutschland eine jahrzehntelange Tradition, zu sagen: Die Älteren nehmen den Jüngeren die Arbeitsplätze weg. Aber die Idee, dass der Kuchen begrenzt ist, hilft uns nicht weiter.
ZEIT ONLINE: Sondern?
Deller: Wir brauchen Modelle, die auf ältere Arbeitnehmer zugeschnitten sind: Teilzeit, selbstbestimmtes Arbeiten. Wir müssen den Renteneintritt nach den Menschen richten und nicht nach allgemeinen Regeln. Der eine kann mit 60 nicht mehr arbeiten, der andere ist mit 70 noch topfit. Da muss man individuell planen, sich mit den Arbeitnehmern zusammensetzen. Darauf sind unsere Führungskräfte aber nicht eingestellt. Es fehlen die Modelle und die Vorbilder. Und es macht Führung komplexer, es ist mehr Aufwand.
ZEIT ONLINE: Was haben die Firmen dann davon?
Deller: Ältere Mitarbeiter zeichnen sich durch eine größere Gelassenheit bei Konflikten aus. Sie sind im Durchschnitt emotional stabiler und ordnen Probleme oft entspannter ein, so dass die Situation nicht eskaliert. Das kann der Leistung eines Teams sehr gut tun. Wir sehen schon jetzt in bestimmten Branchen die Vorteile, die die Arbeit mit Älteren bringt. Gerade da, wo junge Fachkräfte fehlen. Eine starke Automarke hat es wahrscheinlich noch nicht nötig, ältere Mitarbeiter zu halten; aber für den Automobilzulieferer im Schwarzwald ist der Arbeitsmarkt leergefegt. Der muss kreativ werden und sich überlegen, wie er seine älteren Arbeiter integriert. Da, wo sich Druck aufbaut, ist auch Bewegung.
- Datum 30.08.2011 - 11:14 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Es ist ja ganz toll, sich darüber Gedanken zu machen, wie Rentner auch noch was zu tun kriegen. Nur kann es auch passieren, dass man mit 57 oder 58 nach 20 Jahren in der Firma betriebsbedingt gekündigt wird - wie es mir passiert ist –, seinen sozialversicherungspflichtigen Job verliert ohne jede Chance auf gleichwertigen Ersatz, krasse Einbussen bei der Altersversorgung hinnehmen muss, die letzten Jahre bis zur Rente von Arbeitslosengeld und Hartz IV leben darf, wenn man nicht gleich per Depression in die Erwerbsminderungsrente rutscht, auch mit sauberen Abschlägen. Erst sagt man den Älteren, ihr seid uns zu teuer, tut uns leid, dann dürfen sie sich wieder hinten anstellen und um Minijobs betteln. Humane Appelle für eine schönere Arbeitswelt auch im Alter sind die eine Sache. Dass die Unternehmen die Altersarmut eher befördern als bekämpfen wollen, leider die traurige soziale Tendenz.
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