Burn-outBundeswehrverband warnt vor Überlastung der Soldaten

Die vielen Reformen strapazieren die Soldaten zu sehr, kritisiert der Bundeswehrverband. Besonders Überstunden und Zukunftsängste setzten ihnen zu. von dpa

Bundeswehrsoldaten warten während einer Vereidigung in Berlin (Archiv).

Bundeswehrsoldaten warten während einer Vereidigung in Berlin (Archiv).  |  © Andreas Rentz/Getty Images

Bundeswehrsoldaten sind wegen der stetigen Reformen zunehmend von Burn-out bedroht. Der Bundeswehrverband hat vor einer "noch nie dagewesenen Belastungsprobe" gewarnt.

Laut dem Vorsitzenden Ulrich Kirsch "ist der Dienst in der Bundeswehr zu einem Dauerprovisorium geworden". Es gebe keine verlässlichen Strukturen mehr, nach denen die Männer und Frauen planen könnten. Das sorge bei den Soldaten und ihren Familien für Frust, Unruhe und Erschöpfung, die Motivation gehe verloren, die Effektivität der Arbeit sinke. Konkrete Zahlen darüber, wie viele Soldaten bereits an einem Burn-out leiden, nannte Kirsch nicht. Es handele sich um eine "Grauzone".

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Soldaten seien laut Kirsch besonders hinsichtlich ihrer Zukunft unsicher. Auch seien viele unzufrieden mit dem täglichen Dienst. Es sei viel Vertrauen verlorengegangen, viele überlegten, die Truppe zu verlassen. Kirsch kritisierte, dass die Zahl der Soldaten zwar massiv abgebaut werde, die Aufgaben aber dieselben blieben. Damit die Soldaten die Umstrukturierung als Chance sähen, müsse es jetzt Signale geben, allen voran einen besseren Ausgleich für Überstunden, forderte er. "Es darf keine Reformverlierer geben", sagte der Kirsch.

Burn-out

Weltweit nimmt bei Erwerbstätigen die Zahl der seelischen Krankheiten zu. Das sogenannte Burn-out ist ein Zustand emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit. Ausgebranntsein wird auch als Erschöpfungsdepression bezeichnet. Die Betroffenen sind desillusioniert, oft apathisch, depressiv oder aggressiv und haben eine erhöhte Suchtgefährdung. Burn-out wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht mehr bewältigt werden kann.

So arbeitet in Deutschland jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden in der Woche; viele leiden zudem unter ihren Chefs, intriganten Kollegen oder dem eigenen Perfektionismus. Wer dann noch seine sozialen Bindungen verliert, etwa den Kontakt zu Freunden, ist hochgradig gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken.

Glossar

Tinnitus
Rund drei Millionen Deutsche leiden unter dem chronischen Klingeln im Ohr. Tinnitus kann mit psychischen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depression einhergehen. Eine allgemein anerkannte Therapie gibt es nicht. In Versuchen an Ratten konnten Wissenschaftler der University of Texas die Tiere heilen, indem sie bestimmte Nerven des Gehirns per Elektrostimulation reizten.

Phantomschmerz
Zwischen 50 und 80 Prozent der Patienten mit Amputationen haben diese Empfindungen: Ein fehlendes Körperteil fühlt sich so an, als sei es noch da. In zahlreichen Studien konnte nach dem Verlust eines Körperteils eine Veränderung von jenen Gehirnfunktionen festgestellt werden, die für die Verarbeitung von Schmerzempfindungen verantwortlich sind. Es existieren einige vielversprechende Therapieansätze, die die Gehirnfunktionen normalisieren sollen.

Volkskrankheit
So werden nicht epidemische Krankheiten bezeichnet, die aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen sozial ins Gewicht fallen. Dazu zählen heute etwa die Folgeerkrankungen von Bewegungsmangel und Überernährung. Der Begriff wurde erstmals 1832 von dem Medizinhistoriker Justus Hecker verwandt. Er bezeichnete damit die im Mittelalter grassierende Tanzwut.

Protektoren
Das Wort stammt vom lateinischen »protector«, Angehöriger der Leibgarde. Bestimmte persönliche Umstände wie familiärer Rückhalt oder finanzielle Sicherheit können als Protektoren gegen psychische Erkrankungen wirken.

Sechs Bundeswehrreformen seit 1990

Die Bundeswehr hat nach Kirschs Angaben seit 1990 sechs Reformen erlebt. Aus jeder Reform gebe es noch heute "Altlasten" abzuarbeiten, was aber immer schwieriger werde. Auch die Aussetzung der Wehrpflicht sei "politisch unglücklich gelaufen". Über einen ganz kurzen Zeitraum hinweg hätten sich die Streitkräfte dadurch völlig verändert. Zum 1. Juli war nach mehr als 50 Jahren die Wehrpflicht offiziell ausgesetzt worden und die Bundeswehr zu einer Freiwilligenarmee geworden.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) will die Truppe von derzeit 200.000 auf 175.000 bis 185.000 Soldaten verkleinern. Die Entscheidung darüber, welche Standorte geschlossen werden, soll am 26. Oktober veröffentlicht werden.

Stress ist zunehmend der Grund für Arbeitsausfälle. Während klassische Unfälle wie Stürze oder Quetschungen seltener werden, nehmen einer Studie der Dekra zufolge Burn-out und innere Kündigungen zu. Durch Ausfallzeiten entstehe der deutschen Wirtschaft jährlich ein Schaden von 43 Milliarden Euro.

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Leserkommentare
  1. Mir kommen echt die Tränen, denn in dem jungen Alter und dann mit einem Sold, den so mancher ältere Arbeitnehmer nicht verdient, der rund um die Uhr für seinen Chef in "Hab-Acht-Stellung" verbringen muss, würde so mancher "Alte" sicherlich tauschen.

    Na ja, solange in den meisten Teilen der Bundeswehr von Freitag 13.00 Uhr bis Montag 08.00 Uhr sowieso kein Kriegsausbruch geplant ist, können unsere Salon-Soldaten wenigstens in der Heimat ihren Streß abbauen - vielen Angestellten in den Dienstleistungssektoren und im Verkehrswesen ist das nicht gegönnt.

    Ein Berufskraftfahrer hat nach 6 Arbeitstagen lediglich 45 Stunden frei, wenn überhaupt und er noch auf "Scheibe" und nicht auf "Karte" fährt!

    • Harzer
    • 06. Oktober 2011 18:23 Uhr

    ... man sollte immer VORHER gut nachdenken !!

    Wer sich für einen Job bei der Müllabfuhr entscheidet, darf sich hinterher nicht wundern, wenn er auch schmutzige Hände bekommt ... .

  2. Wenn man sich heutzutage mal so in den Medien umschaut, könnte man meinen, dass inzwischen 90% aller Arbeitnehmer burnout- und depressionsgefährdet sind.

    "Es gebe keine verlässlichen Strukturen mehr, nach denen die Männer und Frauen planen könnten. Das sorge bei den [HIER BELIEBIGE BERUFSGRUPPPE EINSETZEN] und ihren Familien für Frust, Unruhe und Erschöpfung, die Motivation gehe verloren, die Effektivität der Arbeit sinke. Konkrete Zahlen darüber, wie viele [HIER BELIEBIGE BERUFSGRUPPPE EINSETZEN] bereits an einem Burn-out leiden, nannte Kirsch nicht. Es handele sich um eine "Grauzone".[HIER BELIEBIGE BERUFSGRUPPPE EINSETZEN] seien laut Kirsch besonders hinsichtlich ihrer Zukunft unsicher. Auch seien viele unzufrieden mit dem täglichen Dienst."

  3. Dass die Betroffenen unter der Erkrankung leiden ist eine schlimme Sache und man sollte sie ernst nehmen und die notwendigen Schritte zur Linderung des Problemes ergreifen.

    Trotzdem frage ich mich, wieso plötzlich jeder mit diesem Modewort um die Ecke kommt? Wieso nennt keiner die wirklichen Krankheiten, die sich dahinter verbergen?

    Mir kommt diese ganze Burn-out Diskussion so vor, als ob es um die Verleihung eines Ordens ginge. Sozusagen als Auszeichnung für besonders leistungsstarke und engagierte Menschen, denn andere bekommen ja keinen Burn-out, sondern eher eine Depression oder Angststörung. Mich erinnert das an die Sichtweise des Herzinfarktes als Indikator für hohe Leistung.

    Sagt man, man habe eine Angststörung oder Depression wird man eher ausgelacht oder vielleicht sogar verachtet, spricht man hingegen von Burn-out erhält man dafür eher Anerkennung.

    Dass sich hinter dem Begriff Burn-out nichts anderes verbirgt als eine Depression oder Angststörung und dass Burn-out nicht notwendigerweise die Folge einer hohen Arbeitsleistung sein muss, das verschweigt man besser, denn es könnte dem guten Image des Begriffes abträglich sein.

  4. Soldaten müssen sich nun mit Jobunsicherheit, hoher Belastung, und organisationalen Veränderungen auseinandersetzen. Zusätzlich wird ordentlich downsizing betrieben und es fehlt der Truppe an qualifiziertem Nachwuchs (Fachkräftemangel).

    Klingt wie fast alle anderen Berufsgruppen. Willkommen in der Wirklichkeit.
    Außerdem noch Daumen hoch für Beitrag Nummer 4.

  5. Vielleicht sollte man den Herrn Ulrich Kirsch und seine Jungs mal in eine Krisenregion schicken - Burn out bei der Bundeswehr - ich habe lange nicht mehr so gelacht.
    Da ist jeder "erwerbstätige" in Deutschland mehr gefordert und wohl nicht ganz so gut abgesichert.

  6. Die Lehrer dieser Republik sind ausgebrannt, denn ihr Halbtagsjob mit etwa 12 Wochen Ferien im Jahr ist natürlich schon zerstörerisch, noch mehr sind es gewiss die ewigen Trockenübungen unserer Armee. Sorry, ich habe wirklich allen Respekt vor den Soldaten, die ihr Leben in Auslandseinsätzen riskieren, aber nicht für wehleidige Trittbrettfahrer. Andere Menschen in diesem Land müssen vielleicht auch hart arbeiten und viel an Willkür grenzendes in ihrem Arbeitsleben erdulden, aber sie haben die Kraft und den Stolz, das zu ertragen. Was bitte haben wir von dieser wehleidigen Truppe denn erst im Ernstfall zu erwarten?

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    .. allzu groß schreiben sich dies all zu viele auf ihre Fahnen, die sie dann nicht mal mehr tragen können.
    Kommentar 7 möchte ich folglich so unterschreiben und folgendes anmerken:

    Zu leicht verwechselt wohl manch einer Burn-Out mit Langeweile. Die BW ist in weiten Teilen unfassbar ineffizient. Ich bin Wehrübender und betrachte das Dienstgeschehen folglich mit einer gewissen Distanz - die Selbstbeweihräucherung zum letzten Antreten à la "harter und fordernder Dienst" konnte ich nur lächerlich bezeichnen. Und das sage ich nicht aus Opportunismus heraus, nein, vielmehr aus einer persönlichen Enttäuschung über den erbarmungswürdigen Dienstalltag in einem Bataillon, das trotz 50% verfügbarer Kräfte noch längst nicht ausgelastet zu sein scheint.

    Zugegeben: Oberst Kirsch überspitzt mit seinen Ausführungen verständlicherweise - er will ja gehört werden. Und ja, es gibt auch viele Einheiten, die ihre Aufträge gewissenhaft ausführen, aber diese sind mMn in der Unterzahl.

  7. Burnout bei der Bundeswehr das ist höchst amüsant. Ich habe diesen Kasperleverein sehr lange ertragen und das mit dem Burnout läuft so: Soldat kommt von 4 Monaten Kosovo wieder wo seine Hauptbeschäftigung das trinken war. Soldat weiss das es für Burnout 4 Wochen Krankschreibung gibt. Soldat geht zum Arzt und sagt das er sich völlig verausgabt hat und bekommt 4 Wochen extra Urlaub.(Burnout + 1 in der Statistik) Nach dem Urlaub geht er wieder in den regulären Dienst wo er die grösste Zeit damit verbringt sich darüber zu ärgern das ihm furchtbar langweilig ist, den Rest der Zeit mit wahlweise rauchen, Frühstücken oder Mittagessen. Sry aber genau das ist die Realität ! Da hilft auch kein schönreden.

    Bitte achten Sie trotz eigenem Erfahrungsbericht darauf, Verallgemeinerungen zu vermeiden. Danke, die Redaktion/jz

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte CDU | Bundeswehr | Bundeswehrreform | Bundeswehrsoldat | Dekra | Euro
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