SchleckerVerkäuferin ist nicht gleich Altenpflegerin

Die gekündigten Schlecker-Mitarbeiterinnen sollen umgeschult werden. Aber wollen sie das? Die Idee ist reiner Aktionismus, kommentiert Tina Groll.

Die gekündigten Schlecker-Mitarbeiterinnen sollen Erzieherinnen und Altenpflegerinnen werden. Vor allem in strukturschwachen Regionen, so der Plan von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, soll die Agentur für Arbeit Umschulungen anbieten.

Das klingt auf den ersten Blick plausibel: Kitas und Pflegeheime brauchen dringend Personal. Im Einzelhandel dagegen gibt es nur 25.000 offene Stellen – und 360.000 Jobsuchende. Auf den zweiten Blick entpuppt sich von der Leyens Vorschlag aber als Aktionismus.

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Denn die entlassenen Mitarbeiterinnen von Schlecker sind im Schnitt Ende 40. Ein Alter, in dem viele in der Pflege Beschäftigte aus ihrem Job aussteigen, weil sie körperlich nicht mehr können. Bliebe noch der Job als Erzieherin, der aber auch seine spezifischen körperlichen und psychischen Anforderungen hat.

Viele der Gekündigten sind qualifizierte Einzelhandelsfachkräfte mit wertvoller Berufserfahrung. Sie haben oft gerne als Verkäuferin gearbeitet. Aber würden sie ebenso gern und mit  Hingabe einem pflegerischen oder erzieherischen Beruf nachgehen?

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Natürlich steht es allen ehemaligen Schlecker-Beschäftigten frei, sich zur Erzieherin oder Altenpflegerin umschulen zu lassen. Doch wenn das so einfach wäre, warum herrscht in der Altenpflege immer noch Mangel?

Von der Leyen will mit ihrem Vorschlag aber vor allem etwas anderes erreichen: Sie will davon ablenken, dass die Bundesregierung nicht für eine Schlecker-Transfergesellschaft bürgen wollte. Für die Vermittlung von Arbeitslosen sei schließlich die Bundesagentur für Arbeit zuständig, lautete die Begründung der FDP.

Dabei wäre die Transfergesellschaft eine gute Idee gewesen. Sie hätte erstens den Beschäftigten die Möglichkeit gegeben, sich zu qualifizieren und mit mehr Zeit nach einem neuen Arbeitsplatz zu suchen. Sie wären nicht blindlings in beliebige Umschulung gesteckt worden.

Zweitens hätten die Beschäftigten in einer Transfergesellschaft auf Kündigungsschutzklagen verzichten müssen. Jetzt aber haben sie geklagt, was das Unternehmen für Investoren nicht attraktiver gemacht hat.

Die 25.000 Schlecker-Beschäftigten haben einen Anspruch darauf, dass der Staat sich um ihre Vermittlung kümmert, denn sie haben geschuftet, Steuern bezahlt und um ihre Jobs gekämpft. Für die Transfergesellschaft zu bürgen hat die Regierung mit der Begründung abgelehnt, das laufe den Prinzipien der Marktwirtschaft zuwider, schließlich sei Schlecker ein Privatunternehmen. Doch eine soziale Marktwirtschaft bedeutet neben Eigenverantwortung auch Solidarität.

 
Leserkommentare
  1. 105. Warum

    "Oder wollen wir beispielsweise jedem der vielen Jurastudenten auch einen "Gutverdienerposten" als Anwalt garantieren?"

    Warum spart man sich dann nicht das Mantra "Bildung, Bildung, Bildung!" Ist doch eh wurscht, ob mit oder ohne (Aus-)bildung. Wer keinen Job kriegt, ist halt nicht flexibel genug, irgendeinen Job von der Agentur oder eine dusselige Weiterbildungsmaßnahme, die nur eine neue überflüssige und kostspielige "Weiterbildungsindustrie" geschaffen hat, anzunehmen.

    Warum merken so viele immer noch nicht, wie völlig hirnrissig das ist?

    2 Leserempfehlungen
  2. Und davon betroffen sind nur die Frauen, das lässt mal wieder tief blicken. Die FDP redet der Staat soll sich nicht in die Wirtschaft einmischen. Sie tut es aber umgekehrt durch die neuerliche private Pflegeversicherung verschafft sie der privaten Versicherungswirtschaft viele Vorteile. Die Schleckerfrauen versucht man nun abzuschieben in den Altenpflegebereich und vergisst dabei, dass dieser Beruf unbedingt andere menschliche Qualitäten benötigt.

    Die FDP scheint mir lässt menschliche Wärme erfrieren.

    3 Leserempfehlungen
  3. Mit Ihrem Vorschlag, gekündigten Schlecker-Mitarbeitern verstärkt Umschulungen zu Pflegern und Erziehern anzubieten, liegt Frau von der Leyen goldrichtig. Dass sie die besonders in strukturschwachen Regionen plant, zeugt von einem durchdachten, auf Nachhaltigkeit ausgelegten Konzept. Gelingt ihr Vorhaben, wäre allen (die sich darauf einlassen) geholfen:
    Der Mangel an Pflegekräften, verschärft durch das Entfallen von Zivildienstleistenden, könnte gelindert werden. Und genauso der drastische Mangel an Erzieherinnen und Erziehern, der das Gelingen des Zukunftsprojekts Kita-Plätze für alle ab 2013, gefährdet. Die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiter haben so die Chance, am Aufbau der Zukunft unsere Gesellschaft mitzuarbeiten und ihn zu gestalten, Kindern und alten Menschen wäre geholfen. Zugleich wäre auch dem Staat und mithin uns allen dadurch geholfen, dass die Arbeitskraft der ehem. Schlecker-Mitarbeiter sinnvoll genutzt wird, anstatt dass ihre Arbeitslosigkeit verwaltet wird. Hier zeigt Frau von der Leyen nicht nur Pragmatismus, sondern auch Mut, weil sie einen längst fälligen Paradigmenwechsel anstößt. In Anbetracht dessen von Aktionismus zu sprechen, ist schlichtweg anachronistisch. So auch der Ruf nach der Staatlichen Transfergesellschaft, denn: Frau von der Leyen praktiziert Soziale Marktwirtschaft par excellence.

  4. nicht als arbeitslos in der Statistik. Das ist für die Regierung primär wichtig, denn die Arbeitslosenquote entscheidet hauptsächlich über das Wahlergebnis.
    Die Menschen, ob jetzt die Verkäuferinnen oder die Kinder und Alten scheinen dabei doch gleichgültig, denn allein wer auf eine solche abstruse Idee kommt entlarvt sich als Technokrat ohne Verantwortung und Gewissen. Diese Berufe sind meines Erachtens mit die psychisch am stärksten belasteten Ihrer Art die nicht nur eine Qualifikation erfordern sondern auch eine hohe Sensibilität und Liebe zu Ihrer Tätigkeit verlangen. Das scheint vielen Politikern abhanden gekommen zu sein wie dieses Beispiel zeigt.
    Meine Mutter war in einem Pflegeheim und ich habe seit der Zeit eine hohe Achtung vor diesen Berufen, zu den auch Krankenhaus- Personal etc. gehört, Da man sagt, daß ältere menschen wieder wie Kinder werden und ich das auch erlebt habe, gilt das genauso für die Kindergärten.
    Politiker haben scheinbar jegliche Bodenhaftung verloren und danmit auch ,das Mandat das Volk zu vertreten.

    3 Leserempfehlungen
    • cato29
    • 09.06.2012 um 10:08 Uhr
    Eine Leserempfehlung
  5. Es sind alles hilflose Gesten der Politik. Niemand interessiert sich ernsthaft für ein paar Verkäuferinnen!
    Ich finde dieses ganze Gebaren aber auch sehr übertrieben. Als das Unternehmen, in dem ich sehr lange beschäftigt war geschlossen wurde, hat sich niemand dafür intetressiert!! Ein klitzekleiner Artikel war es einer Zeitung wert. Sind Schlecker-Mitarbeiter etwa mehr wert? Jeder muss selber sehen, wo er bleibt! Jeden Tag verlieren Leute Ihren Job! Wacht endlich auf, Leute!!

    2 Leserempfehlungen
    • cvnde
    • 09.06.2012 um 10:14 Uhr
    111. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Wieso sollte sie? "
    • cato29
    • 09.06.2012 um 10:17 Uhr

    Der aktionistische Vorschlag der Frau von der Leyen beschränkt die Umschulung leider auf nur zwei Berufsgruppen.Dieser "leyenhafte" Vorschlag sollte vielleicht auch die Umschulung zur Arbeits/Familienministerin enthalten.

    3 Leserempfehlungen

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