Streitgespräch: Brauchen wir Chefs?
Der Unternehmer Gernot Pflüger lehnt Hierarchien ab. Der Soziologe Stefan Kühl sagt: Ohne sie wird die Arbeitswelt brutal. Wir haben beide zum Video-Streitgespräch gebeten.
Gernot Pflüger wird ärgerlich, wenn man ihn Chef nennt. Er hält das für ein schlechtes Zeichen. Pflüger war jahrelang selbst Angestellter, bis er "die Arschkriecherei" satthatte. Er kündigte und gründete sein eigenes Unternehmen, die Event-Agentur CPP in Offenbach. Jeder verdient dort das gleiche Geld, jeder darf mit entscheiden. "Wer Erfolg will, braucht keinen Chef", sagt Pflüger.
Stefan Kühl glaubt, dass das ein Irrtum ist. Der Soziologieprofessor forscht in Bielefeld am Innenleben von Organisationen. Das Gerede von flachen Hierarchien hält er für eine beliebte Werbebotschaft von Unternehmen. In der Realität aber bringen sie Probleme. Denn wo es keine offiziellen Chefs gäbe, bildeten sich schnell informelle Machtstrukturen, die oft "viel grausamer sind als eine straffe Hierarchie", sagt Kühl.
Für das neue Heft von ZEIT CAMPUS, das in dieser Woche erscheint, haben sich die Autoren Caterina Lobenstein und Philip Faigle mit Pflüger und Kühl in Hamburg getroffen. Herausgekommen ist ein Streit über die Frage: Brauchen wir Chefs? Für ZEIT ONLINE haben sich die beiden Kontrahenten vor die Kamera gesetzt, um ihre zentralen Argumente vorzutragen. Klicken Sie auf die Videos, um die Diskussion zu starten.








Es geht um mehr als ein Management-System, wenn ich Herrn Pflüger richtig verstehe. Daher geht der Widerspruch von Herrn Kühl, auf einer rein funktionellen Ebene, an der Sache vorbei.
Ein Unternehmen ist Teil unserer Gesellschaft, und da wir da mit Sicherheit noch nicht den Gipfel der Evolution erreicht haben, sondern es noch stark voran gehen muss was Respekt, Vertrauen, Gerechtigkeit, wird sich das auch in Unternehmen ausdrücken müssen. So einfach ist das. Dieser Wandel kommt offensichtlich nicht von "oben", sondern wird getrieben davon "dass sich immer mehr Menschen so etwas vorstellen können", wie Götz Werner sagt.
- dass dadurch Kräfte frei gesetzt werden können, die auch die Ökonomen erfreuen, davon darf man überzeugt sein.
Korrektur: "was Respekt... angeht." Sorry
Hier werden mal wieder Äpfel mit Birnen verglichen. Eine generelle Aussage ist hier garnicht möglich, denn Unternehmen sind unterschiedlich, allein schon von ihren Charakteren und grundsätzlich von ihren Aufgaben.
Dass kreative Akademiker ohne Chef besser in einer kleinen Agentur zusammenarbeiten, kann ich gut glauben und verstehen. Doch der Soziologe hat ebenso richitg beobachtet, denn was für eine kleine Beraterfirma oder Werbeagentur funktioniert kann nicht unbedingt auf einen Baubetrieb oder Maschinenbau übertragen werden.
gebe ich ehr dem Hr. Pflüger recht, auch wenn ich die Videos nicht angeguckt habe;
denn man kann ja auch Entscheidungen, die nun mal in vielen Bereichen getroffen werden müssen, auch ohne Hierarchie zu Wege bringen;
indem man vorher eindeutig klärt:
wie gute Entscheidungen gefällt werden;
dazu kann man noch bestimmte Vorgehensweisen festlegen etc.
Ich denke, hier wird vieles gewaltig durcheinander gebracht. Allein die Position Chef nimmt vielfältige Formen ein. Deutliche Unterschiede in der Führung bestehen doch schon, wenn der höchste Entscheidungsträger ein engagierter Manager ist oder noch der Firmengründer selber. Es haben beide Seiten vollkommen recht, dabei ist immer wichtig die Unternehmen in ihrer Größe zu betrachten. Der Firmenchef eines Konzerns hat nun einmal weniger Nähe zur ausführenden Ebene als der Chef einer Agentur mit 25 Mitarbeitern.
Wichtig ist die Kommunikationskultur innerhalb des Unternehmens, wie kann Nähe und Wissen zwischen Entscheidung und Ausführung geschaffen werden, wie verteilen sich die Verantwortungen. Ein weiterer Punkt sind die vielfältigen Persönlichkeitsbilder der Mitarbeiter. Die einen wollen mitbestimmen, andere wollen dies nicht und lassen sich eher gern führen.
Auch dahinter erscheint mir ein richtige Kommunikationskultur erstrebenswert, statt plakativ nur von Chef oder Nicht-Chef zu sprechen. Herr Pflüger hat zwar in einigen Punkten Recht, sollte aber auch mal eine reflektierte Sicht einnehmen.
Wichtig ist es einfach sich von den unsinnigen Kategorisierungen zu verabschieden. Die Persönlichkeiten der Mitarbeiter müssen erkennbar sein, um ihnen eine passende Umgebung für ihre Arbeitsleistung zu schaffen. Mehr Blick für die Menschen, die beschäftigt werden.
auf diese meine ueberschrift werden wohl die meisten deutlich ein nein sagen. vertraege, auftraege usw benoetigen eine oder zwei unterschriften und irgendwann wird dann eine hierarchische person auftreten
auf der andere seite ist natuerlich die mitarbeiter motivation heute viel besser verstanden als in alten zeiten hat aber noch viel spielraum nach oben bei vielen der heutigen organisationen
mein wusch ware: eine offenere betriebsorganization wobei jeder als 'wertvoll' erkannt und behandelt wird und dabei ist das einkommen eins der letzten bindeglieder, respekt, unterstuetzung, weiterbildung usw sind wichtigere themen
Über Hierarchien kann man sicherlich streiten, ich finde es mit deutlich angenehmer (als Angestellte), aber Zuständigkeiten braucht es. Wenn z.B. das Template für Geschäftsbriefe und ähnlicher Kram anstehen, dann muss das ein jemand entscheiden, weil sowas bei Diskussion mit allen Angestellten udn Abstimmung den Betrieb aufhält. Bei Verträgen muss jemand zuständig sein, wie oben schon genannt, aber dieser jemand muss es dann auch entscheiden können, denn er ist ja für das, was im vertrag steht, anschließend auch verantwortlich, und in gewisser Weise ist da dann auch schon wieder eine Hierarchie.
Genauso: Wenn es Probleme gibt, braucht man einen konkreten Ansprechpartner, der dann auch zuständig ist. Schwammiges Rumfragen in der Gruppe bringt zumeist wenig Ergebnisse. Wieder eine Hierarchie.
Hierarchien sind einfach praktisch. Jeder weiß sofort, was er wie weit entscheiden darf und wer wofür zuständig ist. Ich schätze es gar nicht, wenn alle irgendwie alles machen, weil dann Entscheidungen ewig dauern und am ende sich gar keiner mehr zuständig fühlt.
Beispiel: Ein Kunde ruft an, und fragt, ob man auch die doppelte Menge liefern könnte und muss das sofort wissen. Chef kann dann entscheiden, dass Auftrag x zurückgestellt wird und er seine doppelte Menge bekommt - oder eben nicht. Wenn es keinen gibt, der das entscheiden kann, geht der kunde mglw. zur konkurrenz.
Hierarchie heißt ja auch nicht, dass niedriger gestellte weniger respektiert oder schlechter behandelt werden.
denn Hierarchien, auch in Unternehmen, sind vordemokratische Ordnungsprinzipien. In der Politik haben sich demokratische Ordnungsprinzipien bewaehrt, jeder hat prinzipiell das gleiche Gewicht, das gilt auch fuer Vereine und andere gesellschaftliche Institutionen. Warum soll sich das nicht in Unternehmen realisieren lassen ?
Zudem ist heute der Bildungsgrad des Durchschnittsarbeiters oder Druchschnittsangestellten viel hoeher als frueher. Jeder Diplomingenieur oder Uniabgaenger hat prinzipiell denselben Bildungsgrad wie ein Vorstand eines Dax-Konzerns. Warum sollen sie nicht dasselbe Gewicht bei Entscheidungen im Unternehmen haben ?
>> ... denn Hierarchien, auch in Unternehmen, sind vordemokratische Ordnungsprinzipien. In der Politik haben sich demokratische Ordnungsprinzipien bewaehrt, jeder hat prinzipiell das gleiche Gewicht ... >>
Dann zeigen Sie mir mal eine gegenwärtige Demokratie, die wenigstens hierachiearm ist und in der jeder das prinzipiell gleiche Mitspracherecht hätte.
Denn tatsächlich ist es doch so, dass die allermeisten eigentlich gar kein Mitspracherecht haben und als Akt politischer Teilhabe stattdessen Stellvertreter wählen müssen, auf deren Handeln sie keinen Einfluss haben, d.h. schon das Grundkonzept der gegenwärtigen (bürgerlichen) Demokratie ist "vordemokratisch".
Dazu kommt, dass der Zugang zur politischen Entscheidungssphäre ebenfalls durch Hierachien abgeschirmt ist, wovon die 5% Hürde noch eine kleine ist.
Wer politische Macht will (wie z.B. Steinbrück) muss dabei weniger bei der eigenen Parteibasis kuschen, als sich beim Kapital mächtige Freunde und Unterstützer suchen, die v.a. mit medialer Macht politische Karrieren realisieren können.
Wir haben es gegenwärtig also nicht mit einer egalitären Volksherrschaft zu tun, sondern mit einer Geldmonarchie über dessen Könige auf Zeit der gemeine Pöbel abstimmen darf.
>> ... denn Hierarchien, auch in Unternehmen, sind vordemokratische Ordnungsprinzipien. In der Politik haben sich demokratische Ordnungsprinzipien bewaehrt, jeder hat prinzipiell das gleiche Gewicht ... >>
Dann zeigen Sie mir mal eine gegenwärtige Demokratie, die wenigstens hierachiearm ist und in der jeder das prinzipiell gleiche Mitspracherecht hätte.
Denn tatsächlich ist es doch so, dass die allermeisten eigentlich gar kein Mitspracherecht haben und als Akt politischer Teilhabe stattdessen Stellvertreter wählen müssen, auf deren Handeln sie keinen Einfluss haben, d.h. schon das Grundkonzept der gegenwärtigen (bürgerlichen) Demokratie ist "vordemokratisch".
Dazu kommt, dass der Zugang zur politischen Entscheidungssphäre ebenfalls durch Hierachien abgeschirmt ist, wovon die 5% Hürde noch eine kleine ist.
Wer politische Macht will (wie z.B. Steinbrück) muss dabei weniger bei der eigenen Parteibasis kuschen, als sich beim Kapital mächtige Freunde und Unterstützer suchen, die v.a. mit medialer Macht politische Karrieren realisieren können.
Wir haben es gegenwärtig also nicht mit einer egalitären Volksherrschaft zu tun, sondern mit einer Geldmonarchie über dessen Könige auf Zeit der gemeine Pöbel abstimmen darf.
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