Vor 20 Jahren war ich ein erfolgreicher Unternehmer mit eigenem Speditionsfachbetrieb und einer Familie mit vier Kindern. Für die spätere Rente hatte ich zusätzlich mit Lebensversicherungen vorgesorgt. Mein Vater hatte mir vorgelebt, wie das geht. Er hatte sich mit 65 Jahren aus dem Beruf zurückgezogen. Danach machte er ein paar Weltreisen, pflegte seine Hobbys und starb nach einem erfüllten Leben mit 71 Jahren. So hatte ich mir das auch vorgestellt, nur wollte ich ein paar Jährchen länger leben. Doch mein Plan ging nicht auf.

Zunächst kam zu meinen vier prächtigen Kindern noch ein heute 16 Jahre alter Sohn hinzu. Vor 15 Jahren gab es einen wirtschaftlichen Einbruch: Der größte Kunde mit 40 Prozent Anteil am Umsatz ging in Konkurs. Die Umstrukturierung kostete Nerven und Geld. Der neue Großkunde ging nach drei weiteren Jahren ebenfalls in die Insolvenz. Vor fünf Jahren, ich war gerade 62 und hatte den Ruhestand schon vor Augen, ging mein eigener Betrieb in Insolvenz.

Ich musste zusehen, wie mein Lebenswerk und ein erheblicher Teil unseres Privatvermögens verloren gingen. Es blieb genug zum Leben, aber nicht genug, um den Kindern eine Ausbildung zu finanzieren. Vier von fünf waren zu diesem Zeitpunkt noch in der Schule oder an der Universität. Aufgeben kam nicht in Frage.

Herausforderung statt Ruhestand

Ein paar finanzielle Reserven waren geblieben. Herausforderung statt Ruhestand war die neue Devise. Ich stellte alles um: Von 30 Fahrzeugen und 2.000 Quadratmetern Lagerfläche mit 50 Mitarbeitern auf nur zwei Fahrzeuge, 100 Quadratmeter Lager und einen Mitarbeiter. Früher führte ich Verhandlungen, machte Kundenbesuche, zeigte Präsentationen. Jetzt bin ich selbstfahrender Spediteur mit schwerer körperlicher Arbeit.

Zum Glück war ich körperlich fit und hatte immer Sport getrieben, nicht geraucht und kaum Alkohol genossen. Plötzlich reiste ich durch ganz Europa. Dabei war ich früher nie dazu gekommen, auch nur einen Transport selbst durchzuführen. Eine Lieferung nach England verband ich mit einem Besuch bei meiner dort lebenden Tochter. Bei einer Fahrt nach Wien nahm ich meinen Sohn mit, der in Dresden studiert. Gemeinsam besichtigten wir den Stephansdom.

Rente als Zusatzeinnahme

Die Jahre bis zum Rentenalter waren schnell vergangen und die Rente selbst war eine willkommene Zusatzeinnahme. Ich dachte aber nicht ans Aufhören, im Gegenteil, ich hatte Gefallen an meinem neuen Aufgabengebiet gefunden.

Heute kann ich noch nicht sagen, wann ich aufhöre. Ich fühle mich täglich geistig und körperlich gefordert, habe gute Laune. Vor allem, wenn mich ein Kunde fragt, wann ich in Rente ginge und ich verschmitzt antworte, ich sei seit fast drei Jahren Rentner. 70 plus ist meine Devise. So lange es Spaß macht, mache ich weiter.

Entscheidend ist wohl, dass ich nicht mehr arbeiten muss, aber mir die Freiheit nehmen kann, arbeiten zu dürfen. Ich glaube, dass mein Wohlbefinden den vielen sozialen Kontakten zu verdanken ist und dem Gefühl, noch nicht zum alten Eisen zu gehören. Die Rente mit 67 wird fast immer als Last dargestellt, das muss sie aber nicht sein.