Ich bin 20 und ich will nicht arbeiten. Die meisten halten das für einen schlechten Scherz, für jugendlichen Übermut oder für asozial. Einige reagieren noch negativer. Die Aussage "Ich möchte nicht arbeiten" ist für viele nicht nur politisch inkorrekt, sondern schlichtweg asozial.

Arbeit war nie wichtiger als heute. Der Beruf definiert den sozialen Status, Menschen ziehen für Jobs um die halbe Welt, 80-Stunden-Wochen dienen als Beweis des eigenen Erfolgs und bei MTV werden Praktika verlost – Arbeiten als Hauptgewinn! Arbeit ist zentraler Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft; je mehr desto besser.

Dabei ist Arbeit in ihrer jetzigen Form eine relativ moderne Erscheinung. Naturvölker arbeiten nicht mehr als drei bis vier Stunden täglich und Stämme wie die Nuer halten es sogar für ein böses Omen, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu arbeiten. Noch im frühen Mittelalter und in den Hochkulturen der Antike war Arbeit im heutigen Sinne meist unbekannt oder von geringem Wert. Aristoteles war beispielsweise der Ansicht, Lohnarbeit mache das Denken unruhig und niedrig. Nietzsche konstatierte: "Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave."

Der Tag hat 24 Stunden. Idealerweise schlafen wir acht davon. Drei Stunden gehen für unvermeidliche Dinge wie Hausarbeit, Toilettengänge, Duschen und Nahrungsaufnahme drauf. Zählt man noch Arbeitszeit und Anfahrtswege dazu, sind mindestens 20 Stunden des Tages verschwunden. Es bleiben noch vier Stunden zum Leben!

Ich möchte, dass im Zentrum meines Lebens Dinge stehen, die ich gerne mache, die mich bewegen oder begeistern. Davon gibt es mehr als genug. Klavier spielen, kochen, Squash, Theater und Konzerte besuchen, Tanzen, Freunde treffen, lesen, schwimmen, auch mal gar nichts tun, mich bilden und persönlich weiterentwickeln – man könnte auch sagen: leben. Zeitlich betrachtet ist Arbeit aber wichtiger als alle Interessen meines Lebens zusammengenommen.

Ich verteufle Arbeit nicht per se und bin weder faul noch ein Leistungsverweigerer. Arbeit ist wichtig und viele Annehmlichkeiten unserer Zivilisation sind nur möglich, weil Arbeit geleistet wird. Was mich stört, ist der Umfang und der Stellenwert, den Arbeit in unserer Gesellschaft einnimmt. Wenn ich arbeiten muss, um zu leben, einverstanden. Aber leben um zu arbeiten – nein danke!