Leserartikel

DiskriminierungIch habe eben einen Makel im Gesicht

243 Bewerbungen hat Leser R. L. Herwig im vergangenen Jahr geschrieben. Keine war erfolgreich: Sein Verdacht: Er wird wegen seiner Behinderung im Gesicht diskriminiert. Ein Leserartikel von Robert L. Herwig

Ich bin behindert. Ich habe beide Arme, zwei gesunde Füße, mein geistiges Vermögen ist im gesellschaftlichen Durchschnitt angesiedelt. Mein Handicap trage ich im Gesicht. Durch eine beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bin ich aussprachetechnisch und optisch benachteiligt. Ich habe einen Schwerbehindertenausweis, lebenslang gültig. Der Grad der Behinderung ist mit fünfzig Prozent angegeben. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz besagt, dass ich nicht aufgrund meiner Behinderungen diskriminiert werden darf.

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Allein 2012 habe ich 243 Bewerbungen geschrieben. Keine davon war erfolgreich. Offen gestanden weigere ich mich zu glauben, dass es an mir liegt. 243 Bewerbungen lassen nämlich Raum für allerlei Experimente: Wenn ich ein Passfoto beigelegt habe, erhielt ich in neun von zehn Fällen eine Absage oder gar keine Antwort. Wenn ich ein größeres Portraitfoto verwendet habe, fiel die Quote gleich hoch aus. Habe ich jedoch auf ein Foto verzichtet, wurde ich in sechs von zehn Fällen wenigstens zu einem Gespräch eingeladen.

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Ein Mitarbeiter einer Zeitarbeitsfirma gab mir einmal diesen unverblümten Ratschlag: Je besser meine Qualifikation sei, desto egaler sei es, wie ich aussehe. Deshalb schreibe ich in meinen Bewerbungen, ich sei zu Probearbeiten und Praktika bereit. Meine frühere Ausbildungsstelle habe ich allein dem Umstand zu verdanken, dass man mich zeigen ließ, was ich konnte. Oft genug bekomme ich diese Chance gar nicht.

Mehrere Anwälte und auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind eher pessimistisch, was Klagemöglichkeiten angeht. Ich will das auch nicht. Denn in den wenigsten Fällen bekommt man die Stelle, in die man sich hineinklagt. Bestenfalls kommt Schadenersatz dabei herum. Einen Job hat man dann immer noch nicht.

Wie wäre es, wenn ich den Spieß umdrehe? Bewerbt euch doch mal bei mir, verehrte Personaler. Ich bin Bürokaufmann, habe einen Führerschein, lerne schnell, bin gewissenhaft, ordentlich, gepflegt, gut gebildet und arbeitswillig. Und ja, verflixt nochmal: Ich habe einen Makel im Gesicht. Das sagt jedoch nichts über meine fachlichen, geschweige denn menschlichen Qualitäten aus. Das tut es niemals, egal um welche körperliche Beeinträchtigung es geht.

Der Autor schreibt unter Pseudonym. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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Leserkommentare
  1. 25. Foto?

    Ich finde es sehr schade, dass dem Artikel kein Foto beigefügt ist - idealer Weise jenes, welches zur Bewerbungszwecken Verwendung findet. So kann ich mir als Leser leider kaum ein Bild machen.

  2. Man sollte nicht alles glauben was hier in Bundesdeutschland immer mal wieder niedergekritzelt wird. Ausnahmen bestätigen die Regel... Sicherlich gibt es Betriebe, die ältere Menschen aufgrund ihrer Erfahrung einstellen, die Regel ist das nicht.

    Wie sieht die Regel aus? In der Personalabteilung sitzen irgendwelche jungdynamischen Höchstleister, die grundsätzlich überhaupt keine Erfahrung haben, die aber seit dem Beginn ihres Studiums eingetrichtert bekommen haben, wie toll sie sind und wie die ganze Welt auf sie wartet. So, da sitzen sie nun, ohne Erfahrung, ohne Ahnung und sollen Stellen besetzen. Sie gehen zu allererst von sich aus und da passen Menschen über 40 nicht ins Weltbild.

    Bei den Firmen in denen es anders läuft, lohnt ein Blick in die Struktur der Firma. Ehrlich... dort stellt der Chef ein oder es sitzen wirklich Fachleute an diesen Stellen, die die Aufgabe bekommen haben, effiziente erfahrene Menschen zu rekruten.

    Antwort auf "Sagen sie das nicht"
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    • Nero11
    • 30. November 2012 16:08 Uhr

    Ich sage ja, die Wirtschaft sollte ihr enges Blickfeld etwas erweitern. Aber mit dem demographischen Wandel - so genativ er auch sein mag - ist zu hoffen, dass er zumindest eine positive Auswirkung auf Aurbeitssuchende über 40 auf dem Arbeitsmarkt haben wird. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Lebenserwartung immer höher wird. Es kann also unmöglich so weitergehen, dass man meint, auf Leute über 40 Jahren verzichten zu können. Ich hoffe, die Wirtschaft wird ihre Lektion noch lernen.

  3. "Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz besagt, dass ich nicht aufgrund meiner Behinderungen diskriminiert werden darf."
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    Effektiv bedeutet das aber, dass bei einer Absage nur der Grund verschwiegen wird, und der Bewerber nicht mal mehr weiß warum er den Job nicht bekommt. Leider wollte bei dieser Schwarz-Roten Superidee niemand auf mich hören.
    .
    .
    "Ich habe einen Schwerbehindertenausweis, lebenslang gültig. Der Grad der Behinderung ist mit fünfzig Prozent angegeben. "
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    Die Unternehmen wissen von der daraus resultierenden De Facto Unkünbarkeit und wenden sich oftmals deshalb dagegen. Ich kenne viele Menschen, die ihren SB-Ausweis deshalb nicht erwähnen. Leider wollte bei dieser Rot-Grünen Superidee niemand auf mich hören.
    .
    .
    .
    Sie sehen: Was die Sozen als sozial darstellen bewirkt oftmals genau das Gegenteil. Aber macht nichts: Hauptsache das Etikett stimmt.

  4. Ich halte es für ein allgemeineres Problem. Der Toleranz und Ästhetik westlicher Gesellschaften. Das ist kein Arbeitgeberproblem. Fast jeder der Kommentatoren hier, würde der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bei Nacht auf die anderen Straßenseite ausweichen...

    Das ist die miese Realität...

    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/au.

  5. ... für so einen sexistischen Beitrag?

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    • vonDü
    • 30. November 2012 17:34 Uhr

    ""Redaktionsempfehlung? ... für so einen sexistischen Beitrag?""

    Ist vielleicht nicht optimal formuliert, denn wenn die 20 jährige Blondine 120kg wiegt, Pickel hat und schwitzt, passt es nicht mehr.

    Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben dass die sogenannten Attraktivitätsmerkmale keine Rolle spielen, nur weil wir dazu eine Verordnung erlassen haben.
    Jeder Mensch diskriminiert (unterscheidet) andere Menschen nach solchen Kritierien. Zum großen Teil unbewusst, wobei "schöne" Menschen nachgewiesen Vorteile haben.
    Kann ich jemand gut riechen, oder stinkt er/sie mir; gerade Thema in der Sparte Lebensart/Parfum; kann auch über Erfolg und Scheitern entscheiden.

    Es ist Unsinn, anzunehmen, man könne diese Mechanismen am Firmeneingang abgeben, bzw. als Personaler, bewusst kontrollieren zu können.

    Dass Männer eher auf körperliche Attraktivitätsmerkmale anspringen ist bekannt seit der Steinzeit. Warum das verwerflicher sein soll, als die mehr auf das Erscheinungsbild fokussierte Diskriminierung, wie sie bei Frauen vorherrscht, habe ich nie verstanden.
    Sich über solcher Muster zu ärgern ist sinnlos, weil man nichts daran ändern kann. Cleverer ist es, sie zu nutzen, bzw. im vorliegenden Fall, in die Strategie mit einzubeziehen.

    Die Wirkung des nonverbalen Informationsaustausches bei der persönlichen Begegnung wird allgemein weit unterschätzt. Ihrer unbewussten Wirkung, kann sich auch ein Profi nicht völlig entziehen. Auf dem Gebiet ist also einiges zu machen.

  6. Antwort auf "Sagen sie das nicht"
    • Nero11
    • 30. November 2012 16:08 Uhr

    Ich sage ja, die Wirtschaft sollte ihr enges Blickfeld etwas erweitern. Aber mit dem demographischen Wandel - so genativ er auch sein mag - ist zu hoffen, dass er zumindest eine positive Auswirkung auf Aurbeitssuchende über 40 auf dem Arbeitsmarkt haben wird. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Lebenserwartung immer höher wird. Es kann also unmöglich so weitergehen, dass man meint, auf Leute über 40 Jahren verzichten zu können. Ich hoffe, die Wirtschaft wird ihre Lektion noch lernen.

    Antwort auf "Die Mär..."
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    Ich gebe ihnen Recht. Leider funktioniert der Arbeitsmarkt wie Hertie zu den besten Zeiten, ich brauche einen oder mehrere Mitarbeiter und die Hoffnung den letztmöglichen Jungdynamiker mit Krawatte zu erwischen stirbt zuletzt. Wenn 47 jährige Ingenieure nicht mehr eingestellt werden, dann kann es nicht soweit her sein mit dem Ingenieurmangel, vorallem unter der Prämisse, dass dieser Ing, wohl bis 67 arbeiten soll, also dem Unternehmen mindestens 20 Jahre zur Verfügung steht.

    Ich bin echt mal gespannt wie es weitergeht...

  7. mehrere internationaltätige Ing.büros (Hoch-, Wasser- und Tiefbau, Umweltschutz) in D nennen, wo sie Gehälter (bei geforderten 10+ Jahren Berufserfahrung, Mehrsprachigkeit) weit unter und nur geringfügig über dieser Grenze bekommen. Diese glauben auch noch damit Ings. aus dem Ausland wieder abzuwerben und dabei teilweise fragen ob man seine Kunden nicht mitbringen kann. Diese sind dann beleidigt, wenn man dankend ablehnt und wenn man ihnen sagt was man in der kleinen Klitsche (10 Leute) in den Canadian Prairies verdient, schauen sie einen ungläubig an und das obwohl man auf die selben Aufträge bietet.

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