Leserartikel

DiskriminierungIch habe eben einen Makel im Gesicht

243 Bewerbungen hat Leser B. Matthes im vergangenen Jahr geschrieben. Keine war erfolgreich: Sein Verdacht: Er wird wegen seiner Behinderung im Gesicht diskriminiert. von 

Ich bin behindert. Ich habe beide Arme, zwei gesunde Füße, mein geistiges Vermögen ist im gesellschaftlichen Durchschnitt angesiedelt. Mein Handicap trage ich im Gesicht. Durch eine beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bin ich aussprachetechnisch und optisch benachteiligt. Ich habe einen Schwerbehindertenausweis, lebenslang gültig. Der Grad der Behinderung ist mit fünfzig Prozent angegeben. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz besagt, dass ich nicht aufgrund meiner Behinderungen diskriminiert werden darf.

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Allein 2012 habe ich 243 Bewerbungen geschrieben. Keine davon war erfolgreich. Offen gestanden weigere ich mich zu glauben, dass es an mir liegt. 243 Bewerbungen lassen nämlich Raum für allerlei Experimente: Wenn ich ein Passfoto beigelegt habe, erhielt ich in neun von zehn Fällen eine Absage oder gar keine Antwort. Wenn ich ein größeres Portraitfoto verwendet habe, fiel die Quote gleich hoch aus. Habe ich jedoch auf ein Foto verzichtet, wurde ich in sechs von zehn Fällen wenigstens zu einem Gespräch eingeladen.

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Ein Mitarbeiter einer Zeitarbeitsfirma gab mir einmal diesen unverblümten Ratschlag: Je besser meine Qualifikation sei, desto egaler sei es, wie ich aussehe. Deshalb schreibe ich in meinen Bewerbungen, ich sei zu Probearbeiten und Praktika bereit. Meine frühere Ausbildungsstelle habe ich allein dem Umstand zu verdanken, dass man mich zeigen ließ, was ich konnte. Oft genug bekomme ich diese Chance gar nicht.

Mehrere Anwälte und auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind eher pessimistisch, was Klagemöglichkeiten angeht. Ich will das auch nicht. Denn in den wenigsten Fällen bekommt man die Stelle, in die man sich hineinklagt. Bestenfalls kommt Schadenersatz dabei herum. Einen Job hat man dann immer noch nicht.

Wie wäre es, wenn ich den Spieß umdrehe? Bewerbt euch doch mal bei mir, verehrte Personaler. Ich bin Bürokaufmann, habe einen Führerschein, lerne schnell, bin gewissenhaft, ordentlich, gepflegt, gut gebildet und arbeitswillig. Und ja, verflixt nochmal: Ich habe einen Makel im Gesicht. Das sagt jedoch nichts über meine fachlichen, geschweige denn menschlichen Qualitäten aus. Das tut es niemals, egal um welche körperliche Beeinträchtigung es geht.

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Leserkommentare
  1. mMn in D so etwas von daneben. Bei den Geisteswissenschaftlern sind nur die Gehaltsforderungen zu hoch, wenn sie sich wie dt. Ing. mit Bruttogehältern zwischen 1200-2500 Euro/Monat bei 50+Stunden Wochen (inkl. WE arbeit) ohne Ü-Stundenausgleich und dem Fakt das sie alle ihre Aufträge selber akquirieren dürfen zufrieden geben und gleichzeitig zwie Sprachen berhandlunssicher sprechen, dann klappt es auch mit dem Job.

    @Thema
    So ich die Aussagen des Autors teilweise nachvollziehen kann und er noch das Glück als autochoner Deutscher nicht noch einen ausländisch klingenden Namen zu haben, kann man ihm nur raten, bewerben sie sich als Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst, da können sie sich schneller in den Job Klagen als sie denken und nur so funktionierts anscheinend in Deutschland, wo Vitamin B und Gender die dominanten Einstellungskriterien sind.

    Antwort auf "Stimmt nicht!"
  2. ersten welche Gehaltsvorstellungen hat er denn so, wenn er in D tätig werden will sollten die sich um 2200 brutto einpegeln und warum geht er nicht ins Ausland, denn er hat noch mindestens 20 Jahre vor sich und es ist gerade Halbzeit, dort wird gesucht.

    Antwort auf "Nach 23 Jahren..."
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    • Afa81
    • 30. November 2012 13:16 Uhr

    " Die Frage ist ersten welche Gehaltsvorstellungen hat er denn so, wenn er in D tätig werden will sollten die sich um 2200 brutto einpegeln..."

    Nein. 2200 Brutto ist kein Ingenieursgehalt - da verdient ein Hilfsarbeiter im produzierenden Gewerbe mehr. 2200 Netto, schon eher. Mit 23 Jahren Berufserfahrung ist aber auch das viel zu niedrig.
    Unter Wert verkaufen ist auch nicht unbedingt das, was die Firmen wollen.

  3. Dass Sie diesen Artikel verfasst haben, und den Spieß umdrehen, um zu fragen, wer Sie anstellen möchte, zeugt davon, dass Sie sich in ihrem Selbstbewusstsein nicht unterkriegen lassen. Das ist das wichtigste!
    Ich bin leider nicht kompetent, jemanden einzustellen. Sonst würde ich auf Sie zugehen.
    Für "normale" Menschen scheint es problematisch zu sein, durch so eine Behinderung im Gesicht hindurch jemanden zu erkennen. Aber, was normal ist, muss auch nicht gesund sein.
    "Zeige die Wunde" ist eine Aufforderung, die menschliche soziale Verhältnisse berührt und eigentlich auch erst weiterführt, wenn man es ernst meint miteinander. Die Masken mit denen wir mit unseren glatten Gesichtern herumlaufen, verhindern viel Echtes und Wahres. Nur dann kommt man wirklich im Guten weiter, wenn man die Behinderung zeigt, die man eigentlich hat, und wenn die, die sie dann sehen können, nicht noch draufhauen oder sich abwenden. Was ja meistens doch geschieht. Aber nicht bei allen. Sie können dieses handicap ja gar nicht verbergen. Das ist eine Chance für die anderen. Da fangen eigentlich die ganz besonders interessanten Prozesse an.
    Danke für Ihren Aufruf!

    • Afa81
    • 30. November 2012 13:16 Uhr

    " Die Frage ist ersten welche Gehaltsvorstellungen hat er denn so, wenn er in D tätig werden will sollten die sich um 2200 brutto einpegeln..."

    Nein. 2200 Brutto ist kein Ingenieursgehalt - da verdient ein Hilfsarbeiter im produzierenden Gewerbe mehr. 2200 Netto, schon eher. Mit 23 Jahren Berufserfahrung ist aber auch das viel zu niedrig.
    Unter Wert verkaufen ist auch nicht unbedingt das, was die Firmen wollen.

    Antwort auf "Die Frage ist "
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    mehrere internationaltätige Ing.büros (Hoch-, Wasser- und Tiefbau, Umweltschutz) in D nennen, wo sie Gehälter (bei geforderten 10+ Jahren Berufserfahrung, Mehrsprachigkeit) weit unter und nur geringfügig über dieser Grenze bekommen. Diese glauben auch noch damit Ings. aus dem Ausland wieder abzuwerben und dabei teilweise fragen ob man seine Kunden nicht mitbringen kann. Diese sind dann beleidigt, wenn man dankend ablehnt und wenn man ihnen sagt was man in der kleinen Klitsche (10 Leute) in den Canadian Prairies verdient, schauen sie einen ungläubig an und das obwohl man auf die selben Aufträge bietet.

  4. 14. Oh Mann

    "Wenn da dann die 20 jährige Blondine im Minirock auftaucht, wird’s eng."

    Sicher treffen Personaler auch mit dem Bauch ihre Entscheidungen, aber ein Personaler, der seinen Bauch (oder eine andere Körperregion) wie oben zitiert entscheiden lässt, ist dann doch wohl im falschen Beruf oder sogar in der falschen Branche.

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    • Afa81
    • 30. November 2012 13:44 Uhr

    ...ändert aber leider nichts an der Tatsache. Die 20jährige Blondine war auch das Paradebeispiel. Oft kommt es eben so: Ich kann einen ohne Behinderung einstellen oder einen mit Behinderung. So und das ist das Problem. Es spricht (aus Sicht des Betriebs) absolut nichts dafür, den Bewerber mit Behinderung einzustellen.

    ist wirklich im falschen Beruf - aber leider sieht so die Realität aus.
    Ich hatte mal einen Abteilungsleiter, der alle jungen hübschen Frauen um sich herum hofierte - und den älteren, nicht mehr so ansehnlichen, jeglichen Wunsch und jegliche Bitte abschlug. Das führte dann zu Auseinandersetzungen bis zum Betriebsrat (die er verlor), was seine Launen eher noch verschlimmerte. Natürlich bekam die Belegschaft alles mit.
    Interessant war eigentlich, daß er auch von den jungen und hübschen Frauen nicht wirklich geschätzt wurde - aber das verschloß sich seiner Einsicht.

    • Afa81
    • 30. November 2012 13:44 Uhr

    ...ändert aber leider nichts an der Tatsache. Die 20jährige Blondine war auch das Paradebeispiel. Oft kommt es eben so: Ich kann einen ohne Behinderung einstellen oder einen mit Behinderung. So und das ist das Problem. Es spricht (aus Sicht des Betriebs) absolut nichts dafür, den Bewerber mit Behinderung einzustellen.

    Antwort auf "Oh Mann"
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    Für Betriebe ab einer gewissen Größe, die mir nicht bekannt ist und die ich zu faul bin zu googlen, spricht durchaus einiges für die Einstellung eines Menschen mit Handicap, insbesondere dann, wenn sich dieses nicht auf die Leistungsfähigkeit bei den vorgesehenen Tätigkeiten auswirkt. Diese Betriebe müssen nämlich eine bestimmte Quote einhalten und andernfalls eine Strafe zahlen, die ab einer gewissen Betriebsgröße durchaus empfindlich werden kann. So weiß ich, dass H&M einst gezielt jeden MA angesprochen hat, ob evtl. eine chronische Erkrankung vorliegt, und später sogar damit begonnen hat, Gehörlose für Lagertätigkeiten einzustellen.

  5. ist wirklich im falschen Beruf - aber leider sieht so die Realität aus.
    Ich hatte mal einen Abteilungsleiter, der alle jungen hübschen Frauen um sich herum hofierte - und den älteren, nicht mehr so ansehnlichen, jeglichen Wunsch und jegliche Bitte abschlug. Das führte dann zu Auseinandersetzungen bis zum Betriebsrat (die er verlor), was seine Launen eher noch verschlimmerte. Natürlich bekam die Belegschaft alles mit.
    Interessant war eigentlich, daß er auch von den jungen und hübschen Frauen nicht wirklich geschätzt wurde - aber das verschloß sich seiner Einsicht.

    Antwort auf "Oh Mann"

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