Leserartikel

DiskriminierungIch habe eben einen Makel im Gesicht

243 Bewerbungen hat Leser B. Matthes im vergangenen Jahr geschrieben. Keine war erfolgreich: Sein Verdacht: Er wird wegen seiner Behinderung im Gesicht diskriminiert. von 

Ich bin behindert. Ich habe beide Arme, zwei gesunde Füße, mein geistiges Vermögen ist im gesellschaftlichen Durchschnitt angesiedelt. Mein Handicap trage ich im Gesicht. Durch eine beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bin ich aussprachetechnisch und optisch benachteiligt. Ich habe einen Schwerbehindertenausweis, lebenslang gültig. Der Grad der Behinderung ist mit fünfzig Prozent angegeben. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz besagt, dass ich nicht aufgrund meiner Behinderungen diskriminiert werden darf.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Allein 2012 habe ich 243 Bewerbungen geschrieben. Keine davon war erfolgreich. Offen gestanden weigere ich mich zu glauben, dass es an mir liegt. 243 Bewerbungen lassen nämlich Raum für allerlei Experimente: Wenn ich ein Passfoto beigelegt habe, erhielt ich in neun von zehn Fällen eine Absage oder gar keine Antwort. Wenn ich ein größeres Portraitfoto verwendet habe, fiel die Quote gleich hoch aus. Habe ich jedoch auf ein Foto verzichtet, wurde ich in sechs von zehn Fällen wenigstens zu einem Gespräch eingeladen.

Anzeige

Ein Mitarbeiter einer Zeitarbeitsfirma gab mir einmal diesen unverblümten Ratschlag: Je besser meine Qualifikation sei, desto egaler sei es, wie ich aussehe. Deshalb schreibe ich in meinen Bewerbungen, ich sei zu Probearbeiten und Praktika bereit. Meine frühere Ausbildungsstelle habe ich allein dem Umstand zu verdanken, dass man mich zeigen ließ, was ich konnte. Oft genug bekomme ich diese Chance gar nicht.

Mehrere Anwälte und auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind eher pessimistisch, was Klagemöglichkeiten angeht. Ich will das auch nicht. Denn in den wenigsten Fällen bekommt man die Stelle, in die man sich hineinklagt. Bestenfalls kommt Schadenersatz dabei herum. Einen Job hat man dann immer noch nicht.

Wie wäre es, wenn ich den Spieß umdrehe? Bewerbt euch doch mal bei mir, verehrte Personaler. Ich bin Bürokaufmann, habe einen Führerschein, lerne schnell, bin gewissenhaft, ordentlich, gepflegt, gut gebildet und arbeitswillig. Und ja, verflixt nochmal: Ich habe einen Makel im Gesicht. Das sagt jedoch nichts über meine fachlichen, geschweige denn menschlichen Qualitäten aus. Das tut es niemals, egal um welche körperliche Beeinträchtigung es geht.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Ohne die Misere Ihres Freundes kleinreden zu wollen: Es ist ein Unterschied, ob man mit 47 Jahren keinen neuen Job bekommt oder nach der Ausbildung nicht mal den ersten.

    In diesem Sinne geht es anderen durchaus besser, und nicht zuletzt den Ingenieuren (wenn ich das als Geisteswissenschaftler so sagen darf).

    23 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nach 23 Jahren..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mMn in D so etwas von daneben. Bei den Geisteswissenschaftlern sind nur die Gehaltsforderungen zu hoch, wenn sie sich wie dt. Ing. mit Bruttogehältern zwischen 1200-2500 Euro/Monat bei 50+Stunden Wochen (inkl. WE arbeit) ohne Ü-Stundenausgleich und dem Fakt das sie alle ihre Aufträge selber akquirieren dürfen zufrieden geben und gleichzeitig zwie Sprachen berhandlunssicher sprechen, dann klappt es auch mit dem Job.

    @Thema
    So ich die Aussagen des Autors teilweise nachvollziehen kann und er noch das Glück als autochoner Deutscher nicht noch einen ausländisch klingenden Namen zu haben, kann man ihm nur raten, bewerben sie sich als Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst, da können sie sich schneller in den Job Klagen als sie denken und nur so funktionierts anscheinend in Deutschland, wo Vitamin B und Gender die dominanten Einstellungskriterien sind.

  2. ...hat ein befreundeter Ingenieur seinen Job verloren. Er hat keine Schönheitsfehler irgendwelcher Art, aber er ist 47 Jahre alt.Er hat zwar noch keine 243 Bewerbungen geschrieben, aber genug, um zu erkennen, daß er nichts mehr wert ist !
    Trösten sie sich damit, daß es anderen nicht besser geht !

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ohne die Misere Ihres Freundes kleinreden zu wollen: Es ist ein Unterschied, ob man mit 47 Jahren keinen neuen Job bekommt oder nach der Ausbildung nicht mal den ersten.

    In diesem Sinne geht es anderen durchaus besser, und nicht zuletzt den Ingenieuren (wenn ich das als Geisteswissenschaftler so sagen darf).

    • Nero11
    • 30. November 2012 12:15 Uhr

    Warum soll man mit 47 nichts mehr wert sein - wo doch die Lebenserwartung immer höher wird? Eins ist klar, es wird sich an diesen Zuständen etwas ändern müssen, und außerdem darf man den demographischen Wandel nicht vergessen. In zehn Jahren werden fitte 47-Jährige vielleicht so gesucht wie heute 25-Jährige. Die Wirtschaft sollte mal der Realität ins Auge schauen. Wahrscheinlich haben sie noch eine zu große Auswahl, aber das wird nicht ewig so bleiben.

    ersten welche Gehaltsvorstellungen hat er denn so, wenn er in D tätig werden will sollten die sich um 2200 brutto einpegeln und warum geht er nicht ins Ausland, denn er hat noch mindestens 20 Jahre vor sich und es ist gerade Halbzeit, dort wird gesucht.

    ZITAT: "Trösten sie sich damit, daß es anderen nicht besser geht !"

    Lassen Sie sich von derartigen Phrasen unbetroffener Leute nicht mundtot machen. Sie haben das Recht für sich zu kämpfen. Ihnen wird Unrecht angetan und das haben Sie nicht zu dulden. Das Recht muss dem Unrecht nicht weichen!!!

    Lassen Sie sich nicht zum Schweigen bringen und schon gar nicht mit dem Verweis darauf, dass es andern "nicht besser" geht und auch nicht damit, dass es anderen sogar schlechter geht.

    Was für ein schwacher Trost ist das, den man Ihnen hier anbietet, ja wie Brotkrumen hinwirft, wenn Sie eigentlich Unterstützung bei Ihrem Kampf bräuchten?

  3. Als ich mit fast 59 Jahren arbeitslos wurde, da mein Arbeitgeber, bei dem ich 10 Jahre tätig gewesen war, insolvent wurde, ging es mir ähnlich. Auf Bewerbungen erhalte ich oft sehr schnell eine Absage (ein Blick auf das Alter reicht) und wurde bei über 260 Bewerbungen nur ganz selten eingeladen und landete dann immer auf dem zweiten Platz (da war eben doch eine gleich qualifizierte jüngere Mitbewerberin da). Nach 14 Monaten erhielt ich schließlich einen Jahresvertrag bei einer Firma, die dann bereits nach 6 Monaten zumachte. In den Zeitarbeitsfirmen bin ich eine Karteileiche, wenn ich nicht gleich eine Absage erhalte. Wo ist die Firma, die die Qualitäten einer älteren berufserfahrenen Mitarbeiterin (Assistentin, Office Managerin) zu schätzen weiß: Zuverlässigkeit, Qualitätsbewusstsein, Pünktlichkeit, ein Erfahrungsschatz von 30 Jahren - und ich habe immernoch Lust auf Neues!!!

    13 Leserempfehlungen
  4. Wie erklären Sie sich dann die so unterschiedliche Quote an Einladungen zum Gespräch je nach Foto oder nicht in der Bewerbungsmappe?

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "in 9 von 10 Fällen"
  5. 16. Oh Mann

    "Wenn da dann die 20 jährige Blondine im Minirock auftaucht, wird’s eng."

    Sicher treffen Personaler auch mit dem Bauch ihre Entscheidungen, aber ein Personaler, der seinen Bauch (oder eine andere Körperregion) wie oben zitiert entscheiden lässt, ist dann doch wohl im falschen Beruf oder sogar in der falschen Branche.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Afa81
    • 30. November 2012 13:44 Uhr

    ...ändert aber leider nichts an der Tatsache. Die 20jährige Blondine war auch das Paradebeispiel. Oft kommt es eben so: Ich kann einen ohne Behinderung einstellen oder einen mit Behinderung. So und das ist das Problem. Es spricht (aus Sicht des Betriebs) absolut nichts dafür, den Bewerber mit Behinderung einzustellen.

    ist wirklich im falschen Beruf - aber leider sieht so die Realität aus.
    Ich hatte mal einen Abteilungsleiter, der alle jungen hübschen Frauen um sich herum hofierte - und den älteren, nicht mehr so ansehnlichen, jeglichen Wunsch und jegliche Bitte abschlug. Das führte dann zu Auseinandersetzungen bis zum Betriebsrat (die er verlor), was seine Launen eher noch verschlimmerte. Natürlich bekam die Belegschaft alles mit.
    Interessant war eigentlich, daß er auch von den jungen und hübschen Frauen nicht wirklich geschätzt wurde - aber das verschloß sich seiner Einsicht.

  6. Blöde Frage: Geben sie ihren Behinderungsgrad in Bewerbungen an? Soweit ich weiß, müssen Unternehmen nämlich so eine Art "Strafe" zahlen, wenn sie nicht genügend Angestellte mit Behinderung haben, Unternehmen haben also durchaus einen finanziellen Anreiz, Behinderte einzustellen, insb. wenn sich wie in ihrem Fall die Behinderung nicht auf die Tätigkeit auswirkt.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    „Blöde Frage: Geben sie ihren Behinderungsgrad in Bewerbungen an? Soweit ich weiß, müssen Unternehmen nämlich so eine Art "Strafe" zahlen, wenn sie nicht genügend Angestellte mit Behinderung haben, Unternehmen haben also durchaus einen finanziellen Anreiz, Behinderte einzustellen, insb. wenn sich wie in ihrem Fall die Behinderung nicht auf die Tätigkeit auswirkt.“

    ---------
    Sie sprechen die sogenannte Ausgleichs- bzw. Schwerbehindertenabgabe an.Arbeitgeber (mit [vereinfacht] mehr als 20 Arbeitnehmer/innen) sind demnach verpflichtet, eine Sonderabgabe an das jeweilig zuständige Integrationsamt zu entrichten.
    Schwerer als diese „Strafe“ wiegt aber offensichtlich oftmals die Tatsache, dass man einen potentiellen Arbeitnehmer wie Herrn B. Matthes (GdB 50%) nicht so einfach entlassen kann. Zumindest nicht nach einer Probezeit von 6 Monaten. Hier sind die Hürden relativ hoch, was möglicherweise ein Grund dafür ist, warum es schwerbehinderte Menschen schwerer haben.
    Ich bin auch der Meinung, dass es Menschen mit „handicap“ grundsätzlich schwerer haben eine angemessene Akzeptanz und einen Arbeitsplatz zu finden.
    Natürlich gibt es viele Stellen, die nicht mit Behinderten besetzt werden können.
    Doch auch dort wo es ginge, haben diese Menschen es einfach schwerer.

    Im Kindergarten wird von Integration gesprochen (die aber am Gartentörchen oft aufhört).
    In der Schule nennt es sich wohl Inklusion; im Berufsleben dann Selektion.

  7. Dass Sie diesen Artikel verfasst haben, und den Spieß umdrehen, um zu fragen, wer Sie anstellen möchte, zeugt davon, dass Sie sich in ihrem Selbstbewusstsein nicht unterkriegen lassen. Das ist das wichtigste!
    Ich bin leider nicht kompetent, jemanden einzustellen. Sonst würde ich auf Sie zugehen.
    Für "normale" Menschen scheint es problematisch zu sein, durch so eine Behinderung im Gesicht hindurch jemanden zu erkennen. Aber, was normal ist, muss auch nicht gesund sein.
    "Zeige die Wunde" ist eine Aufforderung, die menschliche soziale Verhältnisse berührt und eigentlich auch erst weiterführt, wenn man es ernst meint miteinander. Die Masken mit denen wir mit unseren glatten Gesichtern herumlaufen, verhindern viel Echtes und Wahres. Nur dann kommt man wirklich im Guten weiter, wenn man die Behinderung zeigt, die man eigentlich hat, und wenn die, die sie dann sehen können, nicht noch draufhauen oder sich abwenden. Was ja meistens doch geschieht. Aber nicht bei allen. Sie können dieses handicap ja gar nicht verbergen. Das ist eine Chance für die anderen. Da fangen eigentlich die ganz besonders interessanten Prozesse an.
    Danke für Ihren Aufruf!

    9 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Diskriminierung | Ausbildungsstelle | Bewerbung | Führerschein | Gespräch | Praktikum
Service