FamilienpolitikBetreuungsgeld fördert die Armut von Alleinerziehenden

Leserin Christine Hagemann ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie ist gegen das Betreuungsgeld und fordert eine Kehrtwende in der Familienpolitik. von 

Neulich las ich einen Artikel darüber, wie schnell es nach einer Scheidung passieren kann, dass alleinerziehende Mütter von Armut bedroht werden. Auch ich habe eine Scheidung hinter mir und bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.

Ich hatte ein Riesenglück, denn nach meiner Trennung bekam ich für meine Kinder sofort einen Kita-Platz. Nur dadurch konnte ich ein Studium aufnehmen und die beiden – damals zwei und vier Jahre alt – waren versorgt. Durch das Studium habe ich mittlerweile einen gut bezahlten Vollzeitjob im öffentlichen Dienst. Die finanzielle Sicherheit sollte aber nicht dermaßen vom Zufall abhängig sein.

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Das Betreuungsgeld setzt hier ein völlig falsches Signal. Mütter hätten viel mehr Chancen auf ein finanziell eingeständiges Leben, gäbe es genügend Betreuungsplätze. Stattdessen wird die finanzielle Abhängigkeit von Frauen gefördert, wenn sie durch das Betreuungsgeld noch länger aus Beruf oder Studium aussteigen.

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Auch bei der Bildungsförderung sind Alleinerziehende im Nachteil, das gilt für sowohl für Mütter als auch Väter, die eine Babypause einlegen. Diejenigen, die den konventionellen Weg gehen, haben keine Schwierigkeiten, Bafög bis zum Ende des Studiums zu erhalten. Ich habe mich aber dafür entschieden, mich erst für einige Zeit der Kindererziehung zu widmen. Deshalb überschritt ich die Altersgrenze für Bafög, denn mein Masterstudiengang galt als Zweitstudium. Mir wurde das Bafög gestrichen und ich wurde zum Sozialamt geschickt. Dort bekam ich allen Ernstes den Rat, dass ich mein Studium abbrechen solle. Dann könnte ich Hartz IV beantragen, als Student ginge das nicht.

Deutschland hat den Wandel der Familienstrukturen noch nicht verstanden: Vierzig Prozent der Ehen werden geschieden, alleinerziehenden Elternteilen droht die Armut, doch es wird nichts dagegen unternommen.

Im Gegenteil: Auf allen Ebenen wird das archaische Bild der Hausfrau und Mutter gepflegt, die vom arbeitenden Vater versorgt wird. Sei es im Berufsleben, wo die Arbeit von Frauen weniger gut bezahlt wird. Oder sei es bei der Steuergesetzgebung, die auf die Alleinverdiener-Ehe fixiert ist: Eheleute werden steuerlich gefördert, die Steuervorteile für Alleinerziehende sind nur gering. Das geht völlig an der Realität in Deutschland vorbei.

Zu guter Letzt mangelt es in vielen Unternehmen an Kinderfreundlichkeit. Da wundert es mich nicht, dass in Deutschland seit Jahrzehnten die Geburtenraten stärker zurückgehen als in anderen europäischen Ländern. Die deutsche Familienpolitik hat in den nächsten Jahren große Herausforderungen zu bewältigen. Ich wünschte, sie würde es endlich angehen.

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Leserkommentare
  1. "Ich hatte ein Riesenglück, denn nach meiner Trennung bekam ich für meine Kinder sofort einen Kita-Platz. Nur dadurch konnte ich ein Studium aufnehmen und die beiden – damals zwei und vier Jahre alt – waren versorgt. Durch das Studium habe ich mittlerweile einen gut bezahlten Vollzeitjob im öffentlichen Dienst."

    Das ist kein 'Riesenglück' sondern ein Märchen;)

    8 Leserempfehlungen
    • Fdgo1
    • 21. November 2012 12:07 Uhr

    Denn: Das Betreuungsgeld bewirkt gar nichts. Es kann mir keiner erzählen, dass die paar EUR irgendetwas zur Entscheidung Selbst-/Fremdbetreuung beitragen. Das Betreuungsgeld wäre besser in Kindergartenplätzen angelegt. Mit der Berufstätigkeit der Frau hat es aber nichts zu tun.
    Steuerliche "Förderung" von Ehen? Wie kann man diese Fehlinformaton immer so unreflektiert äußern. Das Splitting dient dem Ausgleich der Steuerprogression (je höher das Einkommen desto höher der Steuersatz). Da Ehen Pflichten zur Folge haben (Unterhalt usw.) und die Frage, wie sie Arbeit und Haushaltsführung aufteilen, frei gestalten und alles hälftig teilen, werden sie so behandelt, als ob jeder das halbe Ehegatteneinkommen verdient (egal wie es real verteilt ist). Das ist keine Förderung, sondern logische Konsequenz aus den "Nachteilen" der Ehe. Der Staat spart in vielen Bereichen durch die Verantwortung für einander eine Menge Geld. Bafög für Verheiratete, ALGII? Na, klingelt es?
    Es kann einfach nicht sein, dass ein Ehepaar, dass sich eine Arbeitsstelle und die Hausarbeit häftig teilt, ein höhere Netto hat, als ein Alleinverdienerehepaar mit dem gleichen Ehegattenbruttoeinkommen.
    Zwei Akademider mit gleichem Gehalt brauchen kein Splitting und haben es auch nicht.
    Gegen das Splitting wird ausschließlich polemisiert. Mit dem sachlichen Gehalt findet keine Auseinandersetzung statt. Es ist richtig und hat mit der "Benachteiligung" der Frau und HausFRAUENehen (gibt es keine Hausmänner?) nichts zu tun.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die ehe ist privatsache - oder nein, eigentlich eine erfindung der rk kirch in seiner jetzigen form. warum sollte der staat das genau fördern? fördern, dass einer zu hause sitzen kann?

    • Xarx
    • 21. November 2012 12:10 Uhr

    Sicherlich nicht angenehm sich für das Studium (ohne Nachlässe wie beim Bafög) zu verschulden, aber in bestimmten Situationen nicht zu umgehen...

    Antwort auf "bei der gesamten"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sie mal als alleinerziehender ohne übernahmegarantie einen derartigen kredit zu bekommen.

    dann können sie weiterträumen.

  2. einer bezahlten Tätigkeit nachgehen wollen. Sowohl Männer als auch Frauen sollen die Möglichkeit haben zu wählen, ob sie ihre Kinder betreuen möchten oder einer bezahlten Arbeit nachgehen, aber wenn alle Arbeiten gehen wollen, wo sollen dann die ganzen Jobs herkommen, oder wie hoch sind dann noch die Gehälter?

    Das Betreuungsgeld ist mal wieder eine Unterstützung nach dem Geiskannensystem, warum traut sich die Politik nicht mal einen großen Schritt zu machen und ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Milton Friedman hat mit der negativen Einkommenssteuer einen wunderbar einfachen Vorschlag gemacht, wie man ohne große Kosten eine gerechte Verteilung ermöglichen kann.

    5 Leserempfehlungen
    • pascalz
    • 21. November 2012 12:26 Uhr

    Der Artikel und die Kommentare bericksichtigen nicht wirklich, dass man auch Betreuungsgeld erhält, wenn man arbeiten oder studieren geht. Man darf nur sein Kind nicht in die KiTa schicken, obwohl es anspruch darauf hat. Der Regierung ist es sch... egal, ob Mütter und/oder Väter zuhause bleiben oder nicht. Wichtig ist nur, dass kein KiTa-Platz eingeklagt wird - dann wird's für den Staat nämlich wesentlich teurer als das Betreuungsgeld...

    10 Leserempfehlungen
  3. Ja, sicher, die grossen Herausforderungen sind immer die, die man selbst zu bewältigen hat. Deshalb auch der Ruf nach Staatshilfe.

    Im Artikel steht übrigens kein Wort darüber, wie sich der männliche Erzeuger der Kinder an der Lösung der finanziellen Probleme beteiligt (hat). Um allem Ärger aus dem Weg zu gehen, wäre es natürlich optimal, wenn der Staat auch diesen Part übernehmen würde - in voller Schönheit.

    5 Leserempfehlungen
  4. sie mal als alleinerziehender ohne übernahmegarantie einen derartigen kredit zu bekommen.

    dann können sie weiterträumen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Studienkredit?!"
  5. kenne ich einen fall, bei dem der "zahlende elternteil" tatsächlich seine stunden im regulären job reduziert hat, um so wenig wie möglich unterhalt zahlen zu müssen.
    statt dessen leistet er im nebengewerbe dienste "ohne rechnung" und am fi.amt vorbei, um sich ein schönes leben zu gönnen.

    ich hoffe, das ist nicht repräsentativ.

    4 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hartz IV | Arbeit | Armut | Bafög | Betreuungsgeld | Ehe
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