Leserartikel

Uni-AbsolventinJung, gut ausgebildet, arbeitslos

Ihre Karriereträume hat sie längst aufgegeben, Leserin K. Neureuter sucht seit neun Monaten einfach nur Arbeit. Denn sie steht kurz davor, ALG II zu beziehen. von 

Jung, gut ausgebildet, erste Berufserfahrung – und arbeitslos: Vor neun Monaten sah ich das noch ganz locker. Dass es in solch einer Situation enden wird, konnte ich mir nicht vorstellen.

In meinem ersten Job, als Redakteurin und PR-Referentin, arbeitete ich dreieinhalb Jahre, bis mein Arbeitgeber massiv Stellen abbaute. Ich erhielt eine betriebsbedingte Kündigung. Das erschien mir zunächst noch nicht als ernsthaftes Problem. Nach Sozialplan ist man als ledige Frau ohne Kind halt schnell wegrationalisiert. Aber dank Studium, Praktikum, erstem Job, dazu Soft Skills und natürlich Fremdsprachenkenntnissen, wirst du schnell wieder etwas finden, dachte ich.

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Etwa 90 Bewerbungen, ebenso viele Absagen und zahlreiche Vorstellungsgespräche später, ist dieser Optimismus verflogen. Mein Profil habe ich zwischenzeitlich durch vertiefende Sprach- und Softwarekurse optimiert, sämtliche Kontakte ausgereizt, die Bewerbungsunterlagen perfektioniert. Trotzdem stehe ich nun kurz vor Hartz IV.

Um mich herum ratlose Eltern, Freunde und in Panik verfallende Großeltern. Mittlerweile sind Selbstzweifel und Zukunftsängste an der Tagesordnung. Hinzu kommen finanzielle Ängste: Um sich eine gute Ausbildung leisten zu können, habe ich Schulden gemacht, die nun zurückgezahlt werden müssen.

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Diese Situation ließ mich umdenken: Wer kann es sich heutzutage noch leisten, in seinem Traumjob zu arbeiten? Ich bewarb mich auf alle Stellen, die nur irgendwie auf mich passen könnten, auch als Sekretärin. Daraufhin rief der Personalchef eines großen Technologiekonzerns an. Er fragte mich freundlich, aber irritiert, ob ich die Stellenanzeige auch richtig verstanden hätte. Ich sei doch eindeutig überqualifiziert für die Position als Sekretärin.

Am Ende frage ich mich, was Arbeitgeber eigentlich noch erwarten: Ich bin 27, habe einen Studienabschluss, meine Bachelor-Thesis mit 1,7 absolviert, Berufserfahrung, spreche neben Englisch auch noch Italienisch, Spanisch und Französisch, war im Ausland. Es geht mir nicht mehr darum, meine Träume zu verwirklichen. Eine ganz normale Arbeit würde reichen. Ich suche ein regelmäßiges Einkommen, um meine Studienschulden abbezahlen und etwas Geld zur Seite legen zu können. Mit einem Studium wollte ich die bestmöglichen Chancen – bekommen werde ich in drei Monaten Hartz IV.

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Leserkommentare
  1. Mein Privatleben ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft, Rudimentäre Kontakte finden nur noch dank Facebook statt, ein Smartphone ist kein Luxus, sondern die einzige Möglichkeit Kontakt, auch visuell, zu seiner Familie und seinen verbliebenden Freunden zu halten.
    Und das Land ganz verlassen? Klar ist das eine Option, aber erstens gibt man persönlich dadurch fast alles auf und zweitens bezweifel ich, dass das eine Option für das gesamte Land ist. Möchten Sie, dass ihre Rente später nur noch von unterbezahlten Frustrierten bezahlt wird?

    Das absolute Reizwort für mich ist in der Zeit „Fachkräftemangel“ geworden, es gibt diesen nicht, das einzige woran ein Mangel herrscht sind Akademiker, die für 30.000p.a. 60 Stunden die Woche arbeiten.

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    aber warten wir mal noch 1 oder 2 Jahre, denn dann sind auch Spanische oder Griechische Akademiker bereit fuer 30k p.a. 60h in Deutschland zu arbeiten.

    • b.ette
    • 05. Januar 2013 11:53 Uhr

    Mir ist absolut unverständlich wie unsere Politiker (Merkel/von der Leyen) die Wirklichkeit der jungen Akademiker so ignorieren können. Es gibt in D keinen Fachkräftemangel, wie der Vorkommentator richtig sagt ist es nur eine Frage des Gehaltes, Akademiker aus Indien sind froh für € 2500,- p.m. arbeiten zu dürfen.

  2. ...die Angabe des Studienfachs, auch wenn man die Richtung ahnen kann.

    Ja, das ist relevant. In den Fächern, in denen man mit einem guten Studienabschluss fast automatisch gute Jobchancen hat, erwirbt man im Studium eben nicht nur Soft Skills, sondern auch Hard Skills, die leider in bestimmten anderen Studiengängen fast schon als etwas Ehrenrühriges angesehen werden. Sprachkenntnisse über Englisch hinaus sind ein netter Bonus und können bei sonstigen notwendigerweise vorhandenen Kenntnissen den Ausschlag geben, sind aber ohne eigentlichen fachlichen Hintergrund nicht besonders hilfreich; dass nur auf die Note der Thesis, aber nicht auf die des Studienabschlusses hingewiesen wird (1,7 hat je nach Studienfach auch einen unterschiedlichen Wert), ist zumindest kurios. Nichts davon ist ein Ausschlusskriterium, aber es ist auch nichts davon, was jetzt besonders herausragend wäre.

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    • battuta
    • 04. Januar 2013 16:02 Uhr

    Hallo Langeland,

    das Studienfach ist Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing gewesen! Tja, die Redaktion war dann wohl ein Quereinstieg. Dennoch finde ich das betriebswirtschaftliche Wissen sehr hilfreich, gerade auch in Bezug auf die Pressearbeit. Ob Arbeitgeber dies nun als Vor- oder Nachteil sehen, da bin ich mir mittlerweile nicht sicher ....

    Da stimme ich voll zu. Ohne Angabe des Studienfachs ist das ganze hier nutzlos. Bei einer Ingenieurin würde mich das auch wundern, bei einer Sozialwissenschaftlerin z.B. nicht!

    • Klüger
    • 04. Januar 2013 16:02 Uhr

    ... man muss nur die Jugendarbeitslosigkeit in den Südländern betrachten.

    Bei uns wird das durch eine größere Industriebasis noch verzögert - aber die ständigen Produktivitätssteigerungen (zwischen 1991 und 2011 um 22,7 %) bedeuten eben, das immer mweniger Menschen immer mehr Arbeit leisten.

    Durch Dienstleistung ist das nicht aufzuholen.

    Gibt man dann die rasante Kapitalakkumulation in die Suppe - immer mehr haben immer weniger Geld zur Verfügung - dann wird obendrein noch das Wirtschaftswachstum zerstört.

    Sieht man z. B. an den Verkaufszahlen für Autos in Europa.

    Fazit: Es gibt immer weniger gut bezahlte Jobs.

    Auch in Forschung und Hochschullehre sind prekäre Verhältnisse längst Realität.

    Die Erwerbsarbeit als Modell für die Gesellschaftliche Teilhabe hat eigentlich längst ausgedient.

    Leider wird aus unterschiedlichen Gründen daran festgehalten, nicht nur aus Momentum oder Beharrungsvermögen.

    SOlange die wenigen, die am System gut verdienen, viel politischen Einfluss haben, ändert sich nichts.

    Das geht nur über gesellschaftlichen Drucl.

    Leider ist es gelungen, den Menschen einzureden, das sie untereinander um Jobs konkurrieren - und so die Solidarität ausgehebelt.

    Das funktioniert eben noch so lange, bis es genug Menschen schlecht geht.

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    Sie haben den Status Quo exakt beschrieben. Jedoch ist es eine giftige Mixtur aus Medienpropaganda und persönlich empfundener Ängste, im Konkurrenzkampf mit anderen Menschen (und Staaten) den Kürzeren zu ziehen, welche uns daran hindert, über ernsthafte, zeitgemäße Alternativen zur mittlerweile überholten Erwerbsarbeit zu debattieren.

    Der Status Quo wird dann kippen, wenn die Anzahl derer, die sich vorher als "Gewinner" des Systems gesehen haben und plötzlich doch zu Verlierern geworden sind, eine kritische Masse erreicht. Und genau diese Masse wird seit mindestens 20 Jahren herangezüchtet. Der technische Fortschritt wird nicht aufzuhalten sein. Oder glaubt hier ernsthaft jemand, dass in Europa, den USA, ganz zu schweigen von China und Indien, jemals Vollbeschäftigung herrschen kann?

    Unsere Art zu wirtschaften ist im Prinzip "Monopoly in groß". Bei Monopoly ist das Spiel auch irgendwann vorbei.

  3. Natürlich meinen Sie es gut mit dem Tipp, also nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber ich kann den Artikel sehr gut nachvollziehen und diese Art von Tipps hängen mir zum Hals raus.

    Natürlich lohnt sich Ausland, bereits im Studium wurde es uns dies mantrenartig gepredigt; von Personen, die nie im Ausland gearbeitet haben. Ich persönlich bin Ingenieur aus dem Baugewerbe, Anfang dreißig, habe nach dem Studium meine Heimat verlassen und bin schon in allen Regionen Deutschlands gewesen und habe mein Geld auch schon im Ausland verdient. Ich bin dem Karieretipp gefolgt, dass in meiner Branche ein Jahr Krisengebiet so viel zählt wie fünf Jahre Europa. Alleine damit müsste ich also über zehn Jahre plus haben.

    Haben Sie eine Idee wie die Realität ausschaut? Zur Zeit habe ich einen Job, verhältnismäßig gut bezahlt und unbefristet. Allerdings auch nur, weil ich eine Spezialisierung auf einem bestimmten Gebiet habe, durch Zufall. Andernfalls zahlen Firmen und Unternehmen nichts, Auslanfserfahrung ist gut, fast erforderlich, wird aber nicht vergütet. Und bevor jetzt der Einwand kommt, dass es sich um persönliche Erfahrung handelt und nicht alles mit Geld aufzuwiegen ist sollte man anerkennen, dass es ein gutes Studium und Auslandsaufenthalt nicht für Umsonst gibt. Die Unternehmen denken doch sonst auch so, mehr Leistung und Risiko, mehr Geld.

    23 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 04. Januar 2013 14:38 Uhr
    3. Oh je.

    Mein Mitgefühl ist Ihnen gewiss.

    Und Ihren "ratlose Eltern, Freunde und in Panik verfallende Großeltern".

    Ich hoffe nur, dass Sie und der erwähnte Personenkrei nicht während Ihrer aktiven Zeit gemeint haben, dass HartzIV-Bezug auf charakterliche Mängel hindeztet, dass also das Schicksal ein notwendigerweise verdientes und selbst verschuldetes sei.

    In dem Falle wäre der Sturz in die Realität vielleicht noch schlimmer.

    21 Leserempfehlungen
  4. bei "das ist soziale Marktwirtschaft heute".
    Wußen Sie, daß 75 Prozent der hartz4 Empfänger eine Fachausbildung haben (Beruf oder Studienabschluß)?
    Was dachten Sie selbst bis vor einem Jahr über Hartz4 Empfänger?

    Ich kenne Sie nicht, aber seit vielen Jahren erlebe ich, daß die Leute erst merken was da gespielt wird, was die Agenda 2010 bedeutet, wenn sie selbst in das System 2010 (arbeitslos, Leiharbeit, Niedriglohnsektor, Armut, Altersarmut) gezwungen werden.

    Alles Gute, und wenn Sie es schaffen, diesem Sumpf zu entkommen - denken Sie bei der nächsten Wahl an die, die es nicht mehr schaffen.

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  5. Ich habe mich in einer Firma beworben und erhielt eine Absage mit der Begründung ich sei "überqualifiziert".

    Auf die Nachfrage, warum das ein Nicht-Einstellungsgrund sei, wurde mir gesagt: "Ich sei zu intelligent und würde die anderen "aufmischen"".

    20 Leserempfehlungen
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    Mir wurde deswegen mal eine Absage erteilt, mit der (leider nur mündlichen) Aussage, da müßte sich der Vorgesetzte ja Sorgen machen, dass ich an seinem Stuhl säge.

    Will nur sagen: Ja, das Argument gibt es wirklich. Und das nicht selten.

    • em-y
    • 06. Januar 2013 2:40 Uhr

    Sowas ist mir vor Jahren auch mal passiert.

    • Trypsin
    • 04. Januar 2013 18:38 Uhr

    ...ich finde den Artikel gut, weil es heutzutage viel Mut braucht seine Situtation zu schildern in einem Land in dem jeder als Jammerlappen beschimpft wird, wenn etwas im Leben nicht so gut läuft.
    Ihr Artikel hat mich ehrlich gesagt ein wenig getröstet, weil er mir zeigt, dass es nicht nur mir so geht.

    Sie haben eine sehr gute Qualifikation. Also lassen Sie sich von niemanden einreden, dass Sie das falsche studiert oder Standardkenntnisse hätten. Mir (studiert in einem MINT-Fach) wird immer erzählt, dass wirtschaftliche Kenntnisse und Auslandserfahrung fehlen. Sie haben genau diese Kenntnisse und Ihnen wird gesagt, dass Sie andere Kenntnisse bräuchten. Lassen Sie sich von den Leuten bloß nichts einreden!!! Niemand kann alles.-Die Leute, die eine Arbeit haben, können auch nicht alle BWL, Marketing, Personalführung, SAP, fünf Fremdsprachen, Programmiersprachen, Technik, Medizin, Naturwissenschaften, Projektmanagement, Qualitätssicherung, Recht etc. Es gibt keine falschen Ausbildungen oder Studiengänge sondern nur zu wenig Arbeitsplätze!!!

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  • Schlagworte Hartz IV | Arbeit | Arbeitgeber | Ausbildung | Bewerbung | Einkommen
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