Der Psychologe Stephan Grünewald hat Tausende Tiefeninterviews geführt und schreibt seit Jahren darüber, was die Deutschen bewegt. In seinem neuen Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" diagnostiziert er eine zunehmende Erschöpfungskonkurrenz in den Unternehmen und ein immer höheres Maß an Stress. Wir veröffentlichen das erste Kapitel:

Unser Leben dreht sich immer schneller, wir hetzen von einem Termin zum anderen, sind getrieben von einer inneren Unruhe – zumindest haben viele von uns dieses Gefühl. Wie sehr sich in den letzten Jahren der Rhythmus unseres Alltags beschleunigt hat, habe ich bereits in meinem Buch Deutschland auf der Couch beschrieben: Wie in einem Hamsterrad wird die Unruhe in immer schnellere Umdrehungen übersetzt und wir geraten in einen Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit.

Zwar sind wir rund um die Uhr emsig, rackern uns nach Kräften ab, wissen aber oft gar nicht, was wir da eigentlich machen – und vor allem warum. Die seit Jahren schwelende Wirtschafts- und Finanzkrise verstärkt diese innere Unruhe zusätzlich und damit auch den Fluchtreflex in die Überbetriebsamkeit.

Dabei ist die Krise, obwohl sie seit Jahren wie ein Schreckgespenst durch die Medien geistert, für die meisten Menschen gar nicht wirklich greifbar. Denn im konkreten Alltag ist sie für die meisten noch gar nicht angekommen. Der eigene Arbeitsplatz scheint nach wie vor sicher. Der Euro ist noch da. Der Geldautomat spuckt wie eh und je Geld aus. Im Supermarkt gibt es frisches Biogemüse genauso wie Kartoffelchips. Deutschland steht im internationalen Vergleich vorbildlich da. Und bei der Europameisterschaft haben wir mal wieder gezeigt, dass man in Zukunft unbedingt mit uns rechnen muss.