Gender Pay GapNoch 100 Jahre bis zur Lohngerechtigkeit

Der heutige "Equal Pay Day" weist auf die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern hin. Was sich ändern muss, erklärt die Frauenrechtlerin Henrike von Platen im Gastbeitrag. von Henrike von Platen

Heute ist Equal Pay Day. Der 21. März, das ist rechnerisch auch der Tag, bis zu dem Frauen arbeiten müssen, um genauso viel Geld zu verdienen wie Männer zum Ende des Vorjahres. Mehr als zwei Monate mehr also. Frauen in Deutschland erhalten im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer. Dadurch können sie weniger Vermögen aufbauen und leben am Ende von einer Rente, die durchschnittlich 60 Prozent niedriger ist als die von Männern.

Junge Frauen können es gar nicht glauben: Wie – benachteiligt? Emanzipiert sind sie doch längst selbst. In der Schule und an der Universität haben sie nichts von fehlender Chancengleichheit bemerkt, im Gegenteil: Meist hatten sie die Nase vorn. Seit Jahren machen mehr Mädchen als Jungen Abitur. Jungen sind doch eher die Bildungsverlierer – das liest man ja überall. Dass bereits 25- bis 34-jährige Frauen durchschnittlich elf Prozent weniger bekommen als ihre männlichen Kollegen, ahnen sie noch nicht.

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Die Realität holt sie spätestens mit Mitte 30 ein: Der Kollege erhält die Leitungsposition. Auch die Aufteilung von Haushalt und Erwerbsarbeit mit dem Partner klappt irgendwie nicht so, wie sie es erwartet hatten, obwohl sie beide genau das doch immer wollten. Wenn die Frau dann auch noch ein Kind bekommt, steht sie plötzlich vor denselben Herausforderungen wie noch ihre Mutter: Ihr Partner arbeitet plötzlich mehr (er muss ja schließlich jetzt eine Familie ernähren), eine gute Kinderbetreuung ist schwer zu finden und kostet viel Geld. Also entscheidet sie sich zunächst für Teilzeit. Das Problem ist nur: Für Führungspositionen kommt sie jetzt nicht mehr infrage. Und weil ein Rückkehrrecht auf Vollzeit fehlt, bleibt sie in Teilzeitjobs. Ohne es zu merken, hat die Rollen-Falle zugeschnappt. Bereits im Alter zwischen 35 und 44 Jahren verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt rund 24 Prozent weniger.

Gender Pay Gap

Als Gender Pay Gap wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer OECD-Studie aus dem März 2012 zufolge verdienen Vollzeit beschäftigte Frauen in Deutschland durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das belegen auch die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamt. Die Statistiker stellen eine unbereinigte Lohnlücke von 22 Prozentfest.

ImGlobal-Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums  2012 kam Deutschland auf Platz 13, 2006 war die Bundesrepublik noch auf Platz fünf gewesen.

Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Berufen und wenig in Führungspositionen. Das erklärt zwei Drittel des Lohnunterschieds. Es bleiben jedoch sieben bis acht Prozent Differenz aufgrund des Geschlechts. Dieser Unterschied wird als bereinigte Lohnlücke bezeichnet.

Gender Pension Gap

Als Gender Pension Gap wird die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Februar 2012 zufolge beträgt sie 59,6 Prozent. Dabei fällt der Gender Pension Gap im Osten mit 36,7 Prozent niedriger aus als im Westen mit 63,4 Prozent.

Maßgeblich für die Rentenlücke sind die weiblichen Erwerbsbiographien: Frauen, die sich für Ehe und Familie entschieden haben, bekommen sogar 69,6 Prozent weniger Rente. Sie haben für die Kindererziehung ihre Erwerbstätigkeit oft lange unterbrochen und in Teilzeit gearbeitet. Dadurch haben die Frauen nur geringe Rentenansprüche erworben.

Die heutige durchschnittliche gesetzliche Rente von Frauen beträgt 645 Euro im Monat, für Männer hingegen 1.595 Euro.

Es gibt drei Ursachen für den sogenannten Gender Pay Gap: Erstens die Teilzeitarbeit. Frauen kümmern sich noch immer hauptsächlich um die Familie, Kinderbetreuungsplätze fehlen. Zweitens Maßnahmen wie das Ehegattensplitting oder Betreuungsgeld, die dafür sorgen, dass es sich für Frauen finanziell oft gar nicht lohnt, ihre Erwerbstätigkeit nach einer Familienpause wieder aufzunehmen. Drittens werden Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, oft schlechter bezahlt. Dazu gehören auch Gesundheitsberufe, die beim diesjährigen Equal Pay Day unter dem Motto "Viel Dienst – wenig Verdienst" im Fokus stehen.

In die Rollen-Falle getappt

Rund 80 Prozent der Beschäftigten in der Gesundheitsbranche sind Frauen. Die Einkommen in diesem Berufszweig liegen im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen am Ende der Lohnskala. Und das, obwohl Hebammen und Krankenschwestern wie auch Arzthelferinnen und Laborfachkräfte anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben und eine große Verantwortung für die richtige Diagnose und den Heilungsprozess tragen. Dass Tariflöhne vor geschlechtsspezifischer Ungleichbezahlung nicht schützen, ist weitgehend unbekannt: Oder wussten Sie, dass das Heben schwerer Lasten bei Müllmännern in die Arbeitsbewertung mit eingeht und damit das Entgelt erhöht? Und dass das bei Pflegekräften nicht der Fall ist?

Henrike von Platen
Henrike von Platen

Die Unternehmensberaterin Henrike von Platen ist seit 2010 Präsidentin des Frauenverbands Business and Professional Women (BPW) in Deutschland. Der Verband organisiert weltweit den Equal Pay Day.

Der Gender Pay Day ist auch der Tag, an dem wir darauf aufmerksam machen, dass gleiche Bezahlung für Männer und Frauen nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Das neue Unterhaltsrecht fordert sowohl von Männern als auch von Frauen, dass sie ihren Lebensunterhalt nach einer Trennung selbst erwirtschaften. Jede fünfte Frau ist heute Familienernährerin. Somit sind auch Männer und Kinder von einer angemessenen Bezahlung abhängig.

2008 haben die Business and Professional Women (BPW) Germany den Equal Pay Day in Deutschland initiiert, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Karrierechancen zwischen Frauen und Männern immer noch ungleich verteilt sind. 22 weitere europäische Länder sind unserem Beispiel gefolgt, doch die Lohnlücke ist in kaum einem Land so hoch wie in Deutschland. Verbände, Gewerkschaften und Parteien unterstützen uns dabei, doch die nötigen Veränderungen gehen langsam vonstatten. Unser Ziel haben wir aber erst erreicht, wenn der Aktionstag sich selbst abgeschafft hat. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dauert es nur noch 100 Jahre.

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Leserkommentare
  1. Eine sehr verkürzte Ansicht, die wesentliche Punkte unter den Tisch fallen lässt. Der Artikel in der SZ dazu ist da wesentlich genauer.

    http://www.sueddeutsche.d...

    5 Leserempfehlungen
  2. in der Tat ein überflüssiger Artikel. Es ist ja nicht der erste am heutigen Tag, aber mit Abstand der inhaltsleerste. Die Diskussion ist doch schon deutlich weiter. Hier ist nicht einmal von der "bereinigten Lücke" zu lesen.

    2 Leserempfehlungen
  3. Erstaunlich, daß in dem Artikel von 22 Prozent weniger die Rede ist. Das Statistische Bundesamt stellte fest, daß "rund zwei Drittel des Gender Pay Gap auf strukturell unterschiedliche arbeitsplatzrelevante Merkmale von Männern und Frauen zurückzuführen" seien. In der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes heißt es weiterhin: "Bezogen auf den für 2006 veröffentlichten Gender Pay Gap lag der um den Einfluss dieser Merkmale statistisch bereinigte Verdienstunterschied bei rund 8%. Dies bedeutet, dass Frauen auch bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit je Stunde durchschnittlich 8% weniger als Männer verdienten. Dieser Wert stellt insofern eine Obergrenze dar, als einige weitere Faktoren, die zur Erklärung des Verdienstunterschieds beitragen könnten, in der Analyse nicht berücksichtigt werden konnten, da die entsprechenden Angaben nicht vorlagen." https://www.destatis.de/D...
    Das heißt konkret, daß selbst die 8 Prozent weiterer statistischer Untersuchungen bedürfen.

    4 Leserempfehlungen
  4. "Heute ist Equal Pay Day. Der 21. März, das ist rechnerisch auch der Tag, bis zu dem Frauen arbeiten müssen, um genauso viel Geld zu verdienen wie Männer zum Ende des Vorjahres. Mehr als zwei Monate mehr also. Frauen in Deutschland erhalten im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer."

    Ja sorry, aber schon der Einleitungssatz ist falsch. 22% ist das, was Frauen insgesamt weniger verdienen als Männer (da ist also nicht drinn, dass sie weniger arbeiten). Das bedeutet, dass eine Frau, die die gleichen Arbeitsstunden wie ein Mann hat weit weniger als 2 Monate arbeiten muss, bis sie auf das gleiche Gesamtgehalt kommt. Es waren glaube ich 7% Unterschied.

    "Und das, obwohl Hebammen und Krankenschwestern wie auch Arzthelferinnen und Laborfachkräfte anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben und eine große Verantwortung für die richtige Diagnose und den Heilungsprozess tragen"

    Ich habe Zivi in einem Krankenhaus gemacht, wo ich einen Einblick in die Welt der Gesundheit bekommen habe. Die Aussage, dass Arzthelferin, Krankenschwester, Hebamme und Co. anspruchsvolle Beruf sind kann man stehen lassen, aber dann ist beispielsweise Mediendesigner ein Genieberuf :P

    Frauen müssen halt endlich mal abchecken: Geistige Arbeit wird besser bezahlt, als körperliche Arbeit. Angebot und Nachfrage an Arbeit bestimmen den Lohn. Bei der Studienwahl ist ein Fach zu wählen, bei welchem die Verdienstaussichten gut sind.

    Eine Leserempfehlung
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    Mit Ihrem Kommentar offenbaren Sie sehr schön eines der Kernprobleme dieser ungerechten Bezahlung. Ihre Kurzbilanz ist doch recht deutlich im Blick gefärbt, nicht durchdacht.

    Wenn Sie Mediendesigner für einen anspruchsvolleren Beruf halten als Krankenschwester oder Hebamme, dann spricht das nicht gegen diese beiden Berufe, sondern nur dafür, wie schlecht Ihre (geistige - sic!) Wahrnehmung und wie groß ihre Ignoranz während ihres Zivivjobs war. Wenn der Mediendesigner einen Strich falsch setzt, bekommt er wenn er Pech hat, etwa hinter die Löffel. Das falsche Stellen eines Medikamentes, das nicht Erkennen einer Verschlechterung des Patienten, die Fehlentscheidung einer Hebamme... kann schwere gesundheitliche Folgen haben, Menschenleben kosten.

    Körperliche Arbeit wird nun mal weniger gut bezahlt? Wieso verdient der Schreiner dann mehr als die Altenpflegekraft? Beide verrichten körperliche Arbeit, beides ist Ausbildungsberuf?

  5. Anders gesagt: Ich bin Informatiker. Wenn meine hypotetische Frau ein ähnliches Gehalt hat wie ich, dann wird die Arbeit geteilt. Wenn meine Frau ein besseres Gehalt hat als ich, dann bleib ich daheim. Wenn nicht, dann bleibt sie daheim.

    Ach ich vergaß: Frauen suchen sich ja in aller Regel starke (im Sinne von gesellschaftlich) männliche Persönlichkeiten als Partner, sodass es eher unwarscheinlich ist, dass sie Partner wählen, die weniger verdienen.

    • Chali
    • 21. März 2013 15:36 Uhr

    Es gejt ja gar nicht um Lohngerechtigkeit, sondern um gleiche Bezahlung von Mann und Frau.

    Selbstverständlich bin ich auch dafür, und dieses Problem lässt sich ja auch seht leicht lösen.

    Nicht die Frauen verdienen zu wenig, sondern die Männer zu viel. Kein Wunder, dass sie nicht wettbewerbsfähig sind.

    Und zwar so, wie wir das bei HartIV ja auch tun.
    Wer arbeitet, soll mehr haben als der, der HartzIV bekommt. Folglich muss der HartIV-Satz gekürzt werden.

    Die einfachsten Lösungen sind doch die besten!

  6. Zuerst mal: ja, ich bin einer von den Bösen - ein Mann.
    Die Idee, alle Beschäftigten aus allen Berufen mal einfach miteinander zu vergleiche halte ich für so sinnvoll, wie das Taschengeld einer 5jährigen mit dem Gehalt eines 40jährigen Ingenieurs zu vergleichen. Beide male erhalten sie tolle Prozentzahlen mit denen sich super populistische Thesen befeuern lassen. Studien, die versuchen gleiche Gruppen zu vergleichen kommen zu deutlich geringeren Werten.

    Wenn ich mir die Statements führender "Feministinnen" heute ansehe kommt es mir oft so vor, als befänden sich diese auf einem Kreuzzug gegen das männliche Geschlecht, frei nach "Ihr seid alle bösartige Kreaturen, nur geboren wurden um uns edle Frauen zu unterdrücken".
    Ob die Argumente inhaltlich stimmen, ist egal. Die Behauptung, dass Krankenschwestern etc. "große Verantwortung für die richtige Diagnose [] tragen", und deswegen viel mehr verdienen müssten, finde ich nur zum Teil richtig. Denn verantwortlich sind am Ende Ärztinnen und Ärzte, mit einem langen Studium. Deswegen bekommen die auch mehr Geld. Wenn, dann sollte Frau von Platen doch bitteschön selbst Gleichberechtigung vorleben, und höhere Gehälter unabhängig vom Geschlecht fordern.

    Und dass verschiedene Tarifverträge verschiedener Branchen sich unterscheiden halte ich für normal, und nicht für absichtliche Diskriminierung. Oder Gibt es jetzt noch eine heimliche Männerverschwörung, wo wir uns alle regelmäßig absprechen um euch das Leben zur Hölle zu machen?

    7 Leserempfehlungen
  7. 8. Schade

    Den Artikel hätte man sich sparen können. Das gab schon einen wesentlich besseren, in dem nicht einfach eine Prozentzahl unreflektiert nachgeplappert wurde.
    "Frauen in Deutschland erhalten im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer." Neben mir arbeitet eine Frau, die wesentlich mehr verdient als ich, bei fast gleicher Tätigkeit. Sie hat aber eine passendere Ausbildung und ist älter, außerdem hat sie mehr Jobwechsel hinter sich, die sich positiv auf die Gehaltsentwicklung niedergeschalgen haben. Für ihr Kind ist sie nur kurz ausgestiegen (Alleinerziehend!), das hat sie nicht behindert, sie hatte ihre Prioritäten. Interessanterweise ist es ein netter intelligenter junger Mann geworden. Was lehrt uns das? Jeder bekommt das, was er aus sich macht! Sie hätte sich auch für den Beruf Friseuse entscheiden können... dann würde sie natürlich die 22% runterziehen. Hat sie aber nicht gemacht. Sie hat viele Jahre studiert und das macht sich jetzt halt bezahlt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Betreuungsgeld | Ehegattensplitting | Kinderbetreuung | Tariflohn
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