Selbst während eines vielversprechenden Kennenlernens lautet eine der ersten Fragen häufig: "Und was machen Sie beruflich?" Arbeit bestimmt unsere Stellung in der Gesellschaft, für viele Menschen sogar den Selbstwert. Sie stürzen in eine tiefe Lebenskrise, wenn sie ihren Job verlieren. Dabei ist zu viel Arbeit weder gesund, noch macht sie glücklich. In Japan sterben Menschen am sogenannten Karoshi-Syndrom – so wird der plötzliche Tod an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall infolge von zu viel Stress und Überarbeitung genannt. Nun, der Filmemacher Konstantin Faigle hat nicht vor, so ums Leben zu kommen. Und er will auch andere davor bewahren. Deshalb hat er den Film Frohes Schaffen gedreht, einen Dokumentarfilm zur Senkung der Arbeitsmoral. Und tatsächlich: Nach 98 Minuten ist dem Zuschauer die Lust auf Karriere vergangen.

Arbeit, so lautet Faigles These, ist zum Religionsersatz im kapitalistischen System geworden. Nur wer Arbeit hat, zählt als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. "Man muss ja froh sein, Arbeit zu haben", heißt es. Selbst Menschen, die ausgesprochen ungern arbeiten, finden Halt daran. Arbeit strukturiert den Tag und gaukelt einen Sinn im Leben vor – obwohl viele Tätigkeiten überhaupt nicht sinnhaft sind. Banker, Versicherungsmakler, Aktienhändler beispielsweise. In einer Gesellschaft, in der vieles über das Geldsystem geregelt wird, sind sie wichtige Akteure. Aber ihre Tätigkeit stiftet keinen Sinn. Und die Menschen, die sie ausüben, sind austauschbar.

Anhand ein paar weniger Protagonisten schildert Faigle, wie unglücklich Arbeit machen kann. Da wäre der 47-jährige Ingenieur, der alleine lebt und nichts außer seiner Arbeit hat – solange, bis er an Burn-out erkrankt. Da ist die 37-jährige Selbstständige, die irgendetwas mit Medien macht und sich von Auftrag zu Auftrag hangelt, um über die Runden zu kommen. Für etwas anders findet sie keine Zeit, eine Familie hat sie nicht. Und da ist der 75-jährige Rentner, ebenfalls einsam, der seit dem Ruhestand nicht mehr weiß, was er mit seiner Zeit anfangen soll.

Dazwischen schneidet Faigle Interviews mit einer Reihe prominenter Experten, etwa mit den Ökonomen Jeremy Rifkin, der das Buch Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft geschrieben hat, Hans-Werner Sinn, mit dem Arbeitskritiker Norbert Trenkle und dem britischen Autor Tom Hodgkinson, der anderen die Fähigkeit zum Müßiggang beibringt. Faigle montiert das mit Reportageelemente, Straßenumfragen und Spielszenen. Er greift auf Talkshow-Ausschnitte zurück, reiht Politiker-Statements und zackige Wahlkampfparolen zur Schaffung von Arbeitsplätzen aneinander.

Wie eine verfilmte Mind-Map

Buchstäblich von allen Seiten nähert er sich dem Arbeitsbegriff. Mal schaut er von oben, mal von unten, er zoomt näher ran, um dann wieder mit mehr Distanz darauf zu blicken. Behutsam geht er dabei vor. Weder setzt er besonders viele schnelle Schnitte, noch Effekte ein. Allein die Vielfalt der Schnipsel und Gedanken ist wirkungsvoll. Es ist, als habe er eine Mind-Map zum Thema verfilmt – inklusive der Kritzeleien. Denn immer mal wieder kommen auch satirische Elemente vor.

Die Statements flimmern über einen Bildschirm unter düsterem Wolkenhimmel. Wie mittelalterliche Kirchenvertreter predigen die Menschen hier von Wachstum und künden vom strafenden Gott der Arbeit, der Finanzkrisen schickt. Wer sich ihm verweigert, kann nicht mit Gnade rechnen. Der wird ausgegrenzt und erniedrigt. Hartz-IV als Vorhölle.

Auch dort hat Faigle gedreht, in einem Real Life Center – einem Trainingscenter der Arbeitsagentur. Hier werden Langzeitarbeitslose "weitergebildet". Sie arbeiten in einem Pseudo-Supermarkt in Früh- und Spät- und Feiertagsschichten, 40 Stunden die Woche. Sie räumen Regale ein und aus, sitzen an der Kasse. Nur dass  niemand zum Einkaufen kommt.