BewerbungsverfahrenWie kann die Diskriminierung Schwerbehinderter vermieden werden?

Der Arbeitgeber will eine Stelle neu besetzen. Muss er sich bei der Arbeitsagentur nach schwerbehinderten Bewerbern erkundigen? Rechtsanwalt Ulf Weigelt gibt Antwort. von 

Bevor ich eine freie Stelle besetze: Muss ich als Arbeitgeber bei der Agentur für Arbeit nachfragen, ob es einen passenden schwerbehinderten Bewerber gibt? Darf mein Betriebsrat seine Zustimmung verweigern, falls ich das versäume?, fragt Petra Zimmermann.

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

tatsächlich sollten Sie zunächst bei der Agentur für Arbeit anfragen, ob ein geeigneter schwerbehinderter Bewerber zur Verfügung steht (§ 81 SGB IX). Tun Sie das nicht, kann Grund zu der Vermutung bestehen, Sie hätten jemanden wegen seiner Schwerbehinderung benachteiligt. So hat das Bundesarbeitsgericht entschieden. Dabei ist es völlig unerheblich, ob Sie die Anfrage versehentlich oder mit Absicht versäumt haben. 

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Ich rate Ihnen auch, jeden schwerbehinderten Bewerber zum Vorstellungsgespräch einzuladen – egal, ob dieser über die Agentur für Arbeit vermittelt wurde oder sich bei Ihnen direkt beworben hat. Einzige Ausnahme: Die Behinderung des schwerbehinderten Bewerbers steht der Tätigkeit eindeutig im Wege.

Ulf Weigelt
Ulf Weigelt

Ulf Weigelt ist Anwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Auf ZEIT ONLINE beantwortet er jeden Mittwoch in der Serie "Da staunt der Chef" Leserfragen zum Arbeitsrecht. Die Serie ist auch als E-Book erschienen. Weigelt hat mit Sabine Hockling auch den Ratgeber Arbeitsrecht geschrieben.

Der Grund für dieses Vorgehen: Sie können nicht aus der Distanz heraus erkennen, ob der Bewerber offensichtlich ungeeignet ist für den Job, den Sie zu vergeben haben. Das gilt erst recht, wenn es um eine einfache Tätigkeit geht. Eine Absage darf aber nur wegen eines sachlichen Grundes erfolgen.

Wenn Sie die fachliche Eignung bewerten, dürfen Sie den schwerbehinderten Bewerber auch nicht einfach an den übrigen Bewerbern messen. Entscheidend ist das Anforderungsprofil, dass Sie VOR der Ausschreibung für die Stelle angefertigt haben.

Da eine Diskriminierung im Einstellungsverfahren häufig schon durch ein falsches Wort in der Stellenanzeige begründet wurde, sollten Sie zudem grundsätzlich darauf achten,


  • geschlechtsneutral zu formulieren
  • auf Altersvorgaben zu verzichten
  • nur Sprachkenntnisse anzugeben, wenn diese wirklich erforderlich sind
  • nicht ausdrücklich auf einem Lichtbild zu bestehen
  • generell bei mündlichen Nachfragen vorsichtig zu sein.

Wenn Sie sich daran halten, sollten Ihre Einstellungsverfahren problemlos ablaufen, ohne dass Sie sich mit Entschädigungszahlungen auseinandersetzen müssen.

"Da staunt der Chef"

Was ist erlaubt, was nicht? Der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt gibt Antworten auf Nutzerfragen. Jede Woche, immer mittwochs in der Arbeitsrechtskolumne "Da staunt der Chef".

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Leserkommentare
  1. Obwohl bereits die Urkunde des universitär namens der Allgemeinheit verliehenen Hochschulgrads eines Diplom-Sozialwirts von vornherein ausschließt, einem Bewerber zudem in Anwesenheit des Schwerbehindertenbeauftragten vorzuhalten, sich lediglich in, wortwörtlich, "Verfangenheit" zu verlieren, verstieg sich der Vertreter einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie dazu und verwarf das dementsprechende Gesuch auf Erteilung eines einschlägigen Forschungsauftrags verboten eigenmächtig. Angesichts von derlei Vermessenheit schier um des eigenen Vorteils willen erschien es nach dem Vorstellungsgespräch aller praktischen Vernunft gemäß nicht geboten, vor Gericht eine ansonsten erforderliche Klage auf Ersatz des dadurch unzweifelhaft eingetretenen Schadens zu erheben.

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    Falls Sie das nochmal in verständlich formulieren würden, könnte man den Sachverhalt evtl. auch nachvollziehen.

    • chris-
    • 30. Mai 2013 18:52 Uhr

    muss ich mir allen ernstes so einen Artikel reinziehen?

  2. Die Überrschrift ist nicht so ganz ernst gemeint aber manchmal kann man nur noch die Augen verdrehen. Ein Jurist scheint beständig darauf hinzuwirken seinen Kollegen mehr Arbeit zu beschaffen und mehr Einfluss für seine Berufsgruppe zu generieren, meist ohne Mehrwert für die Gesellschaft.

    Man überlege mal: In den Parlamenten sind sie extrem überrepräsentiert. Die meisten Regierungen unserer Republik bestanden sogar zu mehr als 50% aus Juristen (bei marginalem Bevölkerungsanteil!). Diese denken sich dann z.B. so ein Antidiskriminierungsgesetz aus. Mit dem Antidiskrimierungsgesetz kann dann ein Haufen Anwälte ihre Brötchen mit nichts anderem verdienen, als Firmen zu sinnlosen Entschädigungszahlungen zu zwingen. Durch dieses und viele andere solcher Gesetze werden sukzessive sogar mittlere und teilweise sogar kleinere Firmen gezwungen wiederum ihre eigenen Juristen zur Abwehr einzustellen. Der Chef kann kaum noch eine Stellenanzeige selbst zusammentippen ohne wegen eines falschen Worts, wie Herr Weigelt schreibt, ernsthafte Probleme mit den "von Juristen für Juristen" erdachten Gesetzen bekommen zu können. Ähnliches gilt für Arbeitszeugnisse, Gratifikationen u.v.m.

    Wir Nicht-Juristen werden im Grunde nach und nach dadurch entmündigt, weil alles so verkompliziert und mit Regeln aufgebläht wird, dass wir für jeden kleinen Schritt einen von denen brauchen, wenn wir nicht wollen, das uns ein Anderer von denen von denen ein Bein stellt.

    5 Leserempfehlungen
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    Es ist natürlich leicht, sich über die aus eigener Perspektive sinnlosen Antidiskriminierungsgesetze zu echauffieren, solange man selbst nicht betroffen ist. Das hat auch etwas mit dem eigenen Horizont zu tun. Wenn man Gesetze, welche die Ausgrenzung von - von der Norm abweichenden Menschen - als komplex und aufgebläht bezeichnet, muss man sich nicht wundern, wenn man irgendwann ohne eigenen Anwalt nicht mal mehr Brötchen kaufen kann.

  3. 4. Hä???

    Falls Sie das nochmal in verständlich formulieren würden, könnte man den Sachverhalt evtl. auch nachvollziehen.

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  4. Es ist natürlich leicht, sich über die aus eigener Perspektive sinnlosen Antidiskriminierungsgesetze zu echauffieren, solange man selbst nicht betroffen ist. Das hat auch etwas mit dem eigenen Horizont zu tun. Wenn man Gesetze, welche die Ausgrenzung von - von der Norm abweichenden Menschen - als komplex und aufgebläht bezeichnet, muss man sich nicht wundern, wenn man irgendwann ohne eigenen Anwalt nicht mal mehr Brötchen kaufen kann.

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