Leserartikel

RednerklubsWie ich reden lernen wollte

In Rednerklubs trifft man sich, um die Rhetorik zu schulen. Die Regeln sind streng, die Hierarchie strikt. Leser Andre Ottlik hat eine eigenwillige Klubkultur entdeckt. von Andre Ottlik

Berufsredner mit Megafon bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1908 in London

Auch Berufsredner greifen auf Hilfsmittel zurück: der "City Toastmaster" bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1908 in London.  |  © Hulton Archive/Getty Images

Als Coach für Führungskräfte unterstütze ich meine Klienten dabei, bewusster und effektiver zu kommunizieren. Aber auch ich fühlte mich lange Zeit unsicher, wenn ich vor vielen Menschen reden sollte. Ich hatte Lampenfieber und befürchtete, bei meinen Zuhörern auf Abneigung zu stoßen. Das wollte ich ändern.

Von Bekannten hörte ich zufällig von der Non-Profit-Organisation Toastmasters International, eine Art Franchise-System für Rednerklubs. Seit 1924 bieten die Toastmasters ein Konzept zur Verbesserung von Rede- und Führungskompetenz in mittlerweile 13.500 Klubs weltweit an. Allein in Berlin gibt es derzeit sieben Klubs. Fünf davon habe ich mir als Gastteilnehmer genauer angeschaut und dabei eine eigenwillige Klubkultur entdeckt.

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Ein Toastmasters-Klub hat in der Regel kein eigenes Klubheim. Die zweistündigen Klubabende können an jedem Ort stattfinden, von der Arztpraxis bis zum Umweltamt. Davon abgesehen folgt jeder Klubabend den gleichen Regeln und ist straff durchorganisiert. Die Agenda ist zum Teil sogar auf die Minute genau getaktet, was durchaus sinnvoll ist: Die Redner sollen lernen, sich an die vorgegebene Redezeit zu halten.

Außerdem geht es bei den Toastmasters um das Erlernen von Führungskompetenzen. Die internationale Organisation ist geografisch nach "Areas" und "Districts" aufgeteilt und basiert auf einer komplexen Führungsstruktur, innerhalb der sich ein Klubmitglied bis in den internationalen Vorstand hocharbeiten kann. Während eines Klubabends übernehmen Mitglieder unterschiedliche Aufgaben, zum Beispiel als "Äh- und Öhm-Zähler", als Witze-Erzähler oder als "Gedanken-des-Abends-Beauftragter".

"Sehr geehrte Toastmasters, liebe Gäste!"– dieses Grußwort ist für jeden Redner Pflicht, egal ob er seinen Icebreaker, also seine allererste Rede liefert, oder schon lange dabei ist. Jeder Klubabend steht unter einem Thema, das in unterschiedlichen Redeformen aufbereitet werden kann. Es gibt Stegreifreden, "normale" Reden und Feedback-Reden. Alle Redner folgen einem Lehrplan und müssen dabei unterschiedliche Redeziele und Schwierigkeitsstufen bewältigen.

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Bei den ein- bis zweiminütigen Stegreifreden dürfen auch die Gäste mitmachen, die wie ich zum Schnuppern vorbeigekommen sind. Das ist auch für unvorbereitete Teilnehmer eine Chance, ihre Kreativität und ihr Improvisationstalent zu schulen. Ich fühlte mich als Neuling in jedem Klub freundlich aufgenommen. Spaß am Lernen, aber auch am Wettbewerb gehören bei allen Klubs allerdings dazu.

Für mich ist allerdings nach den ersten Schnupperterminen Schluss. Die bürokratische Struktur der Klubtreffen und die strengen rhetorischen Vorgaben sind eher nicht mein Ding, und da ich häufig beruflich unterwegs bin, könnte ich ohnehin nicht regelmäßig an einem Klubabend teilnehmen. Wer sich aber rhetorisch schulen und seinen aktiven Wortschatz (oder in den englischsprachigen Klubs sein Englisch) verbessern möchte, für den lohnt sich eine Mitgliedschaft bestimmt.

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Leserkommentare
    • Hermez
    • 02. August 2013 18:45 Uhr

    vielen Dank dafür.
    Die Bedeutung von "Stehgreifreden" erschließt sich mir jedoch nicht. Soll ich jemanden im Stehen greifen?:)
    Bitte korrigieren.

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    Redaktion

    für den Hinweis! Wir haben den Fehler berichtigt.

    Herzliche Grüße aus der Redaktion

  1. Redaktion

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    • Melu
    • 02. August 2013 20:39 Uhr

    Ich war als Gast einer Bekannten vor einigen Jahren bei zwei, drei Toastmaster-Veranstaltungen mit dabei und kann mich dem Autoren dieses Artikels nur anschließen. Mir erschloss sich der Sinn des Ganzen einfach nicht. Sicher - flüssig zu reden bedeutet, so selten wie möglich "Uh, Äh, Öh" zu sagen und auch sonst beim Thema zu bleiben, etc., etc. Aber in meinen Augen blieb bei diesen Tostmaster-Reden jegliche Spontaneität auf der Strecke, denn wer kann im echten Leben schon wirklich vermeiden, hin und wieder "Uh, Äh, Öh" zu sagen und vor allem: Wen stört es denn? Diese exzessiven Regeln und das Zählen der o. g. Füllwörter töten die Lebendigkeit, Unmittelbarkeit und vor allem die Authentizität einer Rede. Natürlich will keiner bei jedem Satz ein "Äh" hören, aber dieser Level von Inflexibilität hat etwas Diktatorisches, das ich für meinen Teil gerne vermeide.

    5 Leserempfehlungen
  2. kommt mit zunehmender Lebenserfahrung. Da man Menschen, welche solche oder ähnliche Kurse besucht haben, dieses anmerkt, halte ich nichts davon.

    Mir ist jemand, der frei Schnauze redet und zwischendurch auch mal ääh und
    ooh sagt viel ehrlicher und authentischer

    6 Leserempfehlungen
  3. So wird Außenstehenden vermittelt, wer sich irgendwo irgendwie irgendwas erzählt und dabei strikte Regeln befolgt.

    Ein Sonderlob an den Autor, dass er das mit einer Contenance schildert, die ihrerseits wieder arg regelverdächtig daher kommt.

    Darüber - will sagen: meinem und des Autoren Text - werde ich nun weitere 15min. nachdenken...

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    Hurz!

  4. Hurz!

    Antwort auf "Lesenswert"
  5. Ich finde Toastmasters einen interessanten Lernraum. Für die meisten steht am Anfang: Überhaupt den Mund vor einer Gruppe aufbekommen. Da geht es noch garnicht darum, dass man in tollen Metaphern ein schungvolles Bild zeichnet, sondern mit dem eigenen Adrenalin und Rotwerden zurecht zu kommen. Und weil die meisten bei Toastmasters so angefangen haben, nehmen sie die Neuen gern mit.

    Wer es gern ausprobieren (oder zuschauen) möchte: Heute Abend gibt's einen öffentlichen Stegreifredenwettbewerb. Auf eine zugeworfene Frage, halten die Teilnehmenden eine ca. 2 minütige Rede. Ist ungefährlicher als Achterbahnfahren, aber mindestens genauso spannend.

    http://www.berliner-redek...

  6. Frei reden und improvisieren zu können, ist schon eine schöne Sache. Bei dem Artikel von Andre Ottlik drängt sich mir der Eindruck auf, dass es bei den Toastmasters aber zum Selbstzweck wird. So ein bisschen Royal Society for Putting Things on top of other Things. Die Engländer und ihre Clubs!

    Apropos Toast. John Montagu, 4. Earl of Sandwich, der berühmte Erfinder des Sandwich, hat seine Inspiration zu diesem Geniestreich nicht zuletzt auch seiner Mitgliedschaft in einem Club zu verdanken: Francis Dashwoods Hellfire Club [ https://en.wikipedia.org/... ]. Da hat sich das Clubbing für John Monatgu wirklich bezahlt gemacht.

    Wem es bei den Toastmasters also zu langweilig, der sollte einfach mal im nächsten Hellfire Club vorbeisehen.

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  • Schlagworte Führungskraft | Vorstand | Berlin
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