Als Coach für Führungskräfte unterstütze ich meine Klienten dabei, bewusster und effektiver zu kommunizieren. Aber auch ich fühlte mich lange Zeit unsicher, wenn ich vor vielen Menschen reden sollte. Ich hatte Lampenfieber und befürchtete, bei meinen Zuhörern auf Abneigung zu stoßen. Das wollte ich ändern.

Von Bekannten hörte ich zufällig von der Non-Profit-Organisation Toastmasters International, eine Art Franchise-System für Rednerklubs. Seit 1924 bieten die Toastmasters ein Konzept zur Verbesserung von Rede- und Führungskompetenz in mittlerweile 13.500 Klubs weltweit an. Allein in Berlin gibt es derzeit sieben Klubs. Fünf davon habe ich mir als Gastteilnehmer genauer angeschaut und dabei eine eigenwillige Klubkultur entdeckt.

Ein Toastmasters-Klub hat in der Regel kein eigenes Klubheim. Die zweistündigen Klubabende können an jedem Ort stattfinden, von der Arztpraxis bis zum Umweltamt. Davon abgesehen folgt jeder Klubabend den gleichen Regeln und ist straff durchorganisiert. Die Agenda ist zum Teil sogar auf die Minute genau getaktet, was durchaus sinnvoll ist: Die Redner sollen lernen, sich an die vorgegebene Redezeit zu halten.

Außerdem geht es bei den Toastmasters um das Erlernen von Führungskompetenzen. Die internationale Organisation ist geografisch nach "Areas" und "Districts" aufgeteilt und basiert auf einer komplexen Führungsstruktur, innerhalb der sich ein Klubmitglied bis in den internationalen Vorstand hocharbeiten kann. Während eines Klubabends übernehmen Mitglieder unterschiedliche Aufgaben, zum Beispiel als "Äh- und Öhm-Zähler", als Witze-Erzähler oder als "Gedanken-des-Abends-Beauftragter".

"Sehr geehrte Toastmasters, liebe Gäste!"– dieses Grußwort ist für jeden Redner Pflicht, egal ob er seinen Icebreaker, also seine allererste Rede liefert, oder schon lange dabei ist. Jeder Klubabend steht unter einem Thema, das in unterschiedlichen Redeformen aufbereitet werden kann. Es gibt Stegreifreden, "normale" Reden und Feedback-Reden. Alle Redner folgen einem Lehrplan und müssen dabei unterschiedliche Redeziele und Schwierigkeitsstufen bewältigen.

Bei den ein- bis zweiminütigen Stegreifreden dürfen auch die Gäste mitmachen, die wie ich zum Schnuppern vorbeigekommen sind. Das ist auch für unvorbereitete Teilnehmer eine Chance, ihre Kreativität und ihr Improvisationstalent zu schulen. Ich fühlte mich als Neuling in jedem Klub freundlich aufgenommen. Spaß am Lernen, aber auch am Wettbewerb gehören bei allen Klubs allerdings dazu.

Für mich ist allerdings nach den ersten Schnupperterminen Schluss. Die bürokratische Struktur der Klubtreffen und die strengen rhetorischen Vorgaben sind eher nicht mein Ding, und da ich häufig beruflich unterwegs bin, könnte ich ohnehin nicht regelmäßig an einem Klubabend teilnehmen. Wer sich aber rhetorisch schulen und seinen aktiven Wortschatz (oder in den englischsprachigen Klubs sein Englisch) verbessern möchte, für den lohnt sich eine Mitgliedschaft bestimmt.