Eine Tagesmutter in Nordrhein-Westfalen © Jan-Philipp Strobel/dpa

Warum ausgerechnet Island? Die kleine, krisengeschüttelte Insel liegt auf Rang eins des an diesem Freitag erschienenen Global Gender Gap Index des World Economic Forum. Für die Rangliste ermitteln die Genfer Experten, wie groß die Chancenunterschiede zwischen den Geschlechtern in den einzelnen Ländern sind. Traditionell sind die nordischen Länder besonders weit, wenn es darum geht, eine chancengleiche Gesellschaft aufzubauen. Bei ihnen studieren mehr Frauen als Männer, es gibt Quoten in Politik oder Wirtschaft, früh haben sie die Infrastruktur für berufstätige Eltern ausgebaut.

In Island kam noch etwas hinzu: die Finanzkrise. Eines der wenigen überlebenden Finanzunternehmen, Audur Capital, wurde von Frauen aus Protest gegen die Macho-Männerwelt in den Banken gegründet. In der Krise rückten nun auch in klassischen Banken Frauen in die Führungsetagen auf, und eine Regierungschefin zog den Karren politisch aus dem Dreck. Seither reden auch männliche Manager in Island über die Bedeutung weiblicher Werte für gute Wirtschaftsführung.

Den großen Krisenschock oder das große Reformbewusstsein, das die Frauen in der Wirtschaft nach vorne bringt, hat es in Deutschland nie gegeben. Kein großes Ringen um eine 40-Prozent-Quote in den Aufsichtsräten wie in Norwegen, keine politisch-gesellschaftliche Revolution wie in Schweden, zwei der anderen führenden Länder. In Deutschland stehen Frauen noch immer große Hürden im Weg, wenn sie ihr Potenzial in der Wirtschaft entfalten und Führung übernehmen wollen. Das fängt beim Mangel an echten Ganztagsschulen an, geht weiter mit Regelungen wie dem Ehegattensplitting und endet in den Unternehmen, die für viele Frauen nicht attraktiv genug sind, weil sie die Arbeit nicht flexibel genug organisieren oder männlich geprägte Machtspiele honorieren. Aus diesen Gründen hinkt Deutschland den Besten deutlich hinterher, der Gender Gap, die Geschlechterlücke also ist größer. Vergangenes Jahr lagen wir noch auf Rang 13, jetzt auf dem 14. Platz.

In anderen Teilen der Welt, selbst in Südeuropa zum Teil, sind die Nachteile der Frauen noch viel gravierender. Sie beginnen im Gesundheitswesen. Noch immer wird etwa dem weiblichen Leben weniger Wert beigemessen als dem männlichen. Auch im Schulwesen sind Mädchen in vielen Ländern noch benachteiligt. In einem Industrieland wie der Bundesrepublik hingegen ist die wirtschaftliche und politische Teilhabe das verbleibende Hauptproblem.

Mehr und mehr ist es indes nicht nur ein Problem für die Frauen, sondern für die Wirtschaft insgesamt. Zu viele gut ausgebildete Talente werden nicht genutzt, obwohl doch der Mangel an qualifizierten Leuten in Wirtschaft und Politik wächst. Immer noch konkurriert vielerorts nur eine Hälfte der Bevölkerung um die Führungsjobs – die Männer. In einem alternden Industrieland wie Deutschland geht das auf Dauer nicht gut. Vor allem daran erinnert das World Economic Forum mit seinem Bericht und seinem Ranking. Platz 14 ist für eine der führenden Volkswirtschaften nicht weit genug oben.