Es war nicht klar, dass es ein Coaching war, als der Manager Toni Gschwendtner in den achtziger Jahren den Philosophen und Theologen Rupert Lay aufsuchte. "Managerseminar" nannte sich die Veranstaltung. Dass Führungskräfte sich weiterbilden wollten, kam selten vor. Damals, sagt Gschwendtner, den man als Coachingpionier bezeichnen könnte, hatte er Chefs, die nach dem Krieg Großkonzerne aufgebaut hatten – ganz ohne Abitur oder Studium. "Da hieß es: Führungskräfte machen keine Seminare. Sie müssen ihren Job können." Wer sich Neues aneignen wollte, wurde schief angeguckt.

Heute ist Weiterbildung so selbstverständlich, dass 70 Prozent der Führungskräfte Coaching in Anspruch nehmen. Die Skepsis kommt von anderer Seite: Werden uns Defizite mittlerweile von einer windigen Beraterbranche eingeredet? Dürfen wir nicht einfach sein, wie wir sind? Ob Lebensberatung, Fitnesstraining, Ernährungsberatung, Schönheitsoperation oder Manager-Coaching – braucht es wirklich für alles einen Coach? Müssen wir uns immer weiter selbst optimieren?

"Ich wäre ohne Weiterbildung ganz sicher ein anderer Mensch", sagt Gschwendtner. "Vor allem hätte ich einen begrenzten Horizont." Im Jahr 1938 geboren, wuchs er in einem Dorf in Oberbayern auf. Er war der erste in seiner Familie, der studierte. Seine Karriere hätte er ohne die ständige Arbeit an sich selbst nicht gemacht, sagt der 75-Jährige. Bis Ende der neunziger Jahre war er Manager in der Stahlindustrie, nach der Wiedervereinigung bei der Treuhandanstalt und dann Unternehmensberater. Es ist bedauerlich, sagt Gschwendtner, wenn Menschen glauben, fertig zu sein und es nicht mehr nötig finden, etwas zu lernen.

Schneller denken

Als junger Manager habe er bemerkt, dass Fachwissen noch keine Führungspersönlichkeit ausmacht. Je höher er aufstieg, desto stärker wurde das Gefühl, ihm fehle etwas. Im Seminar von Lay saß er mit acht weiteren Teilnehmern, "die dachten, sie wüssten alles". Sie waren es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. "In dem Seminar wurde uns klar, dass wir nichts konnten, gar nichts", sagt Gschwendtner. Lay ließ sie Logikaufgaben aus der Philosophie lösen und sich mit Ethik und Führung auseinandersetzen.

Zurück vom Seminar bemerkte Gschwendtner, dass ihm Entscheidungen leichter fielen. Er fand, er könne schneller denken und sei motivierter als vorher. Vor allem hatte er jede Menge Spaß gehabt.  

Er beschloss, seine Fähigkeiten stetig zu erweitern und nie auszulernen. Er meldete sich für andere Kurse an. Rhetorik, Sprach- und Sprechtraining, Schnelllesen, Gedächtnistechniken. Im Ruhestand studiert er nun Geschichte, Theologie und Geologie.

Ins Burn-out gecoacht?

Die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Durch ständige Erreichbarkeit hat in vielen Branchen der Stress zugenommen, Arbeitsplätze sind unsicherer, jeder zweite Arbeitsvertrag ist zunächst befristet. Mancher Beschäftigte hat den Eindruck, er könne jederzeit ausgetauscht werden, wenn es ihm nicht gelinge, immer schneller, effizienter und leistungsfähiger zu werden. Selbstoptimierung erscheint manchen als die einzige Möglichkeit, in der Arbeitswelt überhaupt zu bestehen. 

Gschwendtner kann mit dem Begriff Selbstoptimierung wenig anfangen. Er hat sich nie unter Druck gefühlt und investiert auch als Rentner in neue Kompetenzen. Statt von falsch verstandener Selbstoptimierung spricht er lieber von lebenslangem Lernen. Und zwar aus eigenem Antrieb und aus Spaß.