ZEIT ONLINE: Herr Sennett, wie sieht Ihre Vision für die Zukunft der Arbeit aus?

Richard Sennett: Mehr Sozialismus, mehr Mitbestimmung, kleinere Firmen und die Schwächung des Finanzkapitals zugunsten produktiver Arbeit. Wir benötigen alternative Managementmodelle, die auf eine kontinuierliche (Weiter-)Entwicklung der Menschen setzen. Das Problem, mit dem wir es im modernen Kapitalismus zu tun haben, ist die Manipulation der Zeit. 

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Sennett: Die Menschen werden von Zeitstrukturen dominiert, die ihre Fähigkeit reduzieren, Arbeit als Genugtuung zu erleben. Ich bin davon überzeugt, dass sich eine grundlegende Zufriedenheit einstellt, wenn man das Gefühl hat, seine Sache gut zu machen. Um das zu erreichen, müssen Menschen die Möglichkeit haben, über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren hinweg gleiche oder sehr ähnliche Aufgaben zu bearbeiten. Das Flexibilitätspostulat im Personalmanagement der letzten Jahre steht dieser Erkenntnis diametral gegenüber: Die Leute werden permanent von einer Aufgabe zur anderen geschoben, um sie ständig auf einem Niveau der Einarbeitung und Unsicherheit zu halten. Damit wird letztlich das Gefühl der Genugtuung, das sich nach einer erfolgreich erledigten Aufgabe einstellt, zerstört.

ZEIT ONLINE: Sie behaupten, in Zukunft wird es zu wenig Arbeit für zu viele Menschen in Europa geben. Hierzulande sprechen aber alle von einem Fachkräftemangel. Wie kommen Sie darauf?

Sennett: Ich mache mir keine großen Sorgen über das, was in Deutschland passieren wird. Ich mache mir viel größere Sorgen über das, was in Spanien, Italien, Griechenland und in Großbritannien passieren wird. Ich denke, wir haben es in Europa weniger mit zyklischer Arbeitslosigkeit als mit einem strukturellen Mangel an Arbeit zu tun. Prinzipiell gibt es ausreichend Arbeit – aber sie ist ungerecht verteilt. Einige arbeiten bis zum Umfallen und werden krank deshalb, andere, wie etwa viele junge Menschen in Spanien, sind arbeitslos. 

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Sennett: In den achtziger und neunziger Jahren exportierten wir eine ganze Menge an relativ gering qualifizierter Arbeit in die Entwicklungsländer. Sie entwickelten die Arbeit weiter und machten sie anspruchsvoller. Diese Arbeitsplätze werden sie uns aber nicht wieder zurückgeben. Es war eine unrealistische Vorstellung, dass wir die guten Jobs behalten und die ganz schlechten exportieren könnten. So funktioniert der Arbeitsmarkt einfach nicht.

ZEIT ONLINE: Wie würde er denn funktionieren?

Sennett: Die in Europa vorhandene Arbeit müsste so umverteilt werden, dass jeder Bürger einer Erwerbsarbeit nachgehen kann – und zwar in Teilzeit.

ZEIT ONLINE: Warum?

Sennett: Zum einen gibt es in Europa auf absehbare Zeit schlicht und einfach mehr Arbeitsuchende als Arbeit. Zum anderen ist es eine Illusion, dass mehr Arbeitsstunden für eine hochproduktive Gesellschaft notwendig seien. Meiner Meinung nach ist das der Versuch, eine neue Form des Kapitalismus zu etablieren. Die Ideologie, die derzeit vorherrscht, suggeriert den Menschen, dass nur außergewöhnliche Anstrengungen sie in diesem System am Leben halten. Es wird das Maximum verlangt und dieses dient als Norm, um die Arbeitnehmer zu disziplinieren.

Ich habe das an der Universität gesehen. Zurzeit erwarten Hochschulen in Großbritannien, dass ihre Angestellten zwischen zehn und zwölf Stunden am Tag arbeiten. Sie müssen alle möglichen Aufgaben erledigen, die genau genommen mit ihrer eigentlichen Tätigkeit nichts zu tun haben. Unter diesen Bedingungen leidet die Produktivität. Die Leute gehen nicht gerne zur Arbeit und entsprechend sind ihre Arbeitsergebnisse. Arbeitnehmer, die das Maximum als Norm betrachten, sind auf Dauer nicht belastbar – überdies weder loyal noch verlässlich.

ZEIT ONLINE: Wie könnte denn eine Umverteilung von Arbeit konkret aussehen?

Sennett: Meiner Auffassung nach wäre die Einführung eines existenzsichernden Grundeinkommens eine Erfolg versprechende Herangehensweise. Man versucht, die vorhandene Arbeit zu bestimmen, um sie dann unter zwei oder drei Leuten zu verteilen. Diese werden als Teilzeitkräfte bezahlt. Der Staat gibt ihnen dann zusätzlich ein Grundeinkommen, um den Unterschied auszugleichen.