Redeclubs sind eine kostengünstige Möglichkeit, an der Rhetorik zu feilen und neue Leute kennenzulernen.

ZEIT ONLINE: Herr Krause, was macht eine gute Rede aus?

Markus Krause: Sie hat eine klare These oder Botschaft, die das Publikum anspricht. Sie ist gut strukturiert – hat also eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss. Die Sprache ist für jeden verständlich, der Redner spricht prägnant und deutlich. In einer kurzen Rede sollte man nicht mehr als drei Argumente unterbringen, denn sonst wird es für das Publikum schwer zu folgen und sich alles zu merken.

ZEIT ONLINE: Bei den Toastmastern in Hamburg, deren Präsident Sie waren, werden sogar die "Ähs" gezählt.

Krause: Das stimmt, auf unseren Clubabenden zählen wir, wie oft sich jemand verhaspelt. Da zählt jedes "Äh". Schließlich geht es darum, die eigene Rhetorik zu verbessern und flüssig zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Schreckt das nicht ab?

Krause: Die Toastmaster stehen jedem offen, der seine Rhetorik verbessern möchte. Wer als Gast zu einem Abend kommt, hört erst einmal nur zu und schaut sich den Club an. Niemand muss reden oder wird dazu gezwungen. Aber die meisten wollen es ja. Es geht ja auch nicht um die reine Statistik, sondern um ein wohlwollendes und konstruktives Feedback.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert so ein Abend bei den Toastmastern?

Krause: Am Anfang wird die Frage des Tages gestellt – sie dient dem Warmwerden. Das kann etwas ganz Banales sein, etwa das Lieblingscafé in der Stadt. So erfährt man einiges über die anwesenden Menschen. Wer nicht viel sagen möchte, muss das auch nicht, aber so hat auch der Redeängstlichste zumindest einmal vor der Gruppe gesprochen. Dann beginnt der Rede-Teil. An jedem Abend gibt es drei vorbereitete Reden, die dem Toastmaster-Rhetorikprogramm entnommen sind. Der Schwierigkeitsgrad wächst mit der Erfahrung des Redners. Zweck des Äh-Zählens ist ja auch, Einsteiger an das Reden herazuführen, ohne dass sie gleich eine Rede vorbereiten müssen. Die Einsteiger zählen dann etwa anfangs die Ähs und andere Füllwörter und tragen das Ergebnis am Ende des Abends vor. Das schafft jeder und baut Redeängste ab.

ZEIT ONLINE: Über was wird da so geredet?

Krause: Das ist ganz unterschiedlich und oft auch dem Redner überlassen. Generell sind die Clubs politisch und religiös neutral, aber das verbreitete Gerücht, es gäbe Tabu-Themen, stimmt nicht. Man darf über alles reden, aber eben angemessen und nicht predigen oder propagandieren. Thematisch frei auch die so genannten Stegreifreden. Hierbei werden meist ein oder zwei Stichwörter genannt. Der Redner hat 30 Sekunden Bedenkzeit und muss dann aus dem Stegreif eine Rede halten. 

ZEIT ONLINE: Das klingt schwierig. Wie lange muss die Rede sein?

Krause: Etwa ein bis zwei Minuten. Das kann mitunter sehr unterhaltsam sein. Der Kreativität sind da kaum Grenzen gesetzt: Ist das Stichwort etwa: "Finanztransaktionssteuer" und man hat von dem Thema gar keine Ahnung, kann man auch über etwas komplett anderes sprechen. Etwa so: Finanztransaktionssteuer ist ein tolles Stichwort. Das las meine Tante Erna neulich der Zeitung. Sie liest ja jeden Morgen die Zeitung... Und dann redet man eben über seine Tante Erna.

ZEIT ONLINE: Wann und wie bekommen die Redner Feedback?

Krause: Wenn ein Mitglied eine Rede vorbereitet, gehört zur Vorbereitung auch, dass es sich einen Bewertungsredner sucht. In der Regel sind das erfahrenere Mitglieder, die den Rednern in einer eigenen Rede eine persönliche Rückmeldung geben. Der Feedback-Redner muss daher sehr gut zuhören, seine zwei bis dreiminütige Rede in wenigen Minuten schreiben und sie halten, ohne zu proben. Danach gibt es dann noch allgemeine Bewertungen: Ein anderes Mitglied ist dafür zuständig, die Zeit im Blick zu haben, ein weiteres konzentriert sich nur auf den Sprachstil. Und dann gibt es eben noch den berühmten Äh-Zähler. Generell darf Feedback nie destruktiv sein, sondern es muss positiv, wertschätzend und konstruktiv formuliert werden.