Plötzlich ist er da. 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Will montags einkaufen gehen, obwohl sie das seit 20 Jahren immer donnerstags tut. Will gemeinsam Radfahren, obwohl sie lieber alleine wandern geht.

Was sich harmlos anhört, kann für die Ehe schnell zur Belastungsprobe werden. Denn tatsächlich haben Statistiken aus Japan ergeben, dass die Scheidungsrate unter Rentnern in den vergangenen Jahren signifikant gestiegen ist. Schon lange vermutete man, dass ein Grund für dieses Phänomen das "Pensionierter-Ehemann-Syndrom" ist. Dann nämlich, wenn die ungewohnte Anwesenheit des Mannes zur psychischen Erkrankung der Ehefrau führt.

Psychologen gehen davon aus, dass besonders Frauen vielbeschäftigter Männer betroffen sind. Denn gerade Manager sind viel unterwegs, fliegen um die Welt, hetzen von Termin zu Termin. Dazu kommen häufig noch Pendelei zum Arbeitsplatz und Treffen mit den Geschäftspartnern in der Freizeit. Die Männer verbringen also einen erheblichen Teil ihrer Zeit weit weg von der Familie, die langen Trennungen können zur Entfremdung führen. Wenn der Ehemann dann nach Renteneintritt wieder zu diesem Gefüge stößt, bringt das häufig Probleme mit sich.

Gerade die Ehefrauen tun sich mit der neuen Situation schwer. Auf einmal müssen sie wieder Platz in ihrem Alltag machen, sich auf den anderen und seine Wünsche einstellen. Die Folge können gesundheitliche Probleme wie Rückenschmerzen, Asthma, Depressionen und in seltenen Fällen sogar Herzkrankheiten sein. Doch einen wissenschaftlichen Beleg dafür gab es bislang nicht.

Pappa Ante Portas

Der Ökonomie-Professor an der Universität von Padua, Giorgio Brunello, untersuchte für seine Studie mit dem schönen Titel Pappa Ante Portas: The Retired Husband Syndrome in Japan zusammen mit seinem Kollegen Marco Bertoni, ob sich ein Zusammenhang zwischen Renteneintritt des Mannes und der psychischen Gesundheit der Frau nachweisen lässt. Die Grundlage ihrer Untersuchung bildete eine Langzeit-Studie der japanischen Universität von Osaka.

Das hat zwei Gründe: Zum einen wurde dort im Hinblick auf die steigenden Scheidungsraten besonders viel über das Thema diskutiert, zum anderen sind die Geschlechterrollen in Japan besonders konservativ verteilt. Vor allem ältere Japanerinnen verbringen den größten Teil ihres Lebens Zuhause und kümmern sich um die Kindererziehung und das Haus. Ihre Partner hingegen widmen den größten Teil ihres Lebens der Arbeit, auch den Feierabend verbringen sie häufig mit Kollegen statt mit der Familie. Doch kann das wirklich depressiv machen?

Das Forscher-Duo kam zu folgendem Ergebnis: Der Renteneintritt des Mannes hat einen signifikanten Effekt auf die psychische Gesundheit der Ehefrau. Messen lässt sich das am steigendem Stressniveau, häufiger auftretenden Depressionen und vermehrter Schlaflosigkeit. Die Forscher schätzen, dass sich die Wahrscheinlichkeit, an einem dieser drei Syndrome zu erkranken, nur ein Jahr nach Renteneintritt des Mannes, von etwas über fünf Prozent auf knapp 14 Prozent erhöht.

Die Annahme, dass gerade Hausfrauen am Pensionierter-Ehemann-Syndrom leiden, konnten die Forscher hingegen nicht belegen. Stattdessen fanden sie heraus, dass der Effekt bei berufstätigen Frauen sogar noch höher ausfällt. Sind die Frauen zum Zeitpunkt des Rentenbeginns ihres Mannes beruflich besonders eingespannt und haben deshalb wenig Zeit, sich um seine Bedürfnisse zu kümmern, treten die Symptome noch häufiger auf.