Tausende Frauen meldeten sich auf Twitter zu Wort und berichteten unter dem Hashtag #aufschrei von ihren Erfahrungen mit Alltagssexismus. Die Idee dazu kam von der Berlinerin Anne Wizorek, Auslöser war die Frage, ob sich eine Journalistin anzügliche Sprüche eines älteren Politikers gefallen lassen muss, ob sie wohl ein Dirndl ausfülle. Wizorek, Bloggerin und Netzaktivistin, machte schnell Medienkarriere, erhielt sogar den Grimme Online Award.

Jetzt, fast eineinhalb Jahre nach der Sexismusdebatte, hat Wizorek ein Buch geschrieben, mit dem sie wohl endgültig zur Stimme eines modernen Feminismus wird. In Weil ein #Aufschrei nicht reicht legt sie anhand von sieben zentralen Thesen dar, warum Männer und Frauen hierzulande einfach nicht gleichberechtigt sind. Und warum die Behauptung, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, immer noch richtig ist. 

Da wären zum einen die gängigen Geschlechterbilder, die definieren, was typisch männliches und typisch weibliches Verhalten ist. Geschlecht ist mehr als ein biologisches Merkmal. Es ist auch eine Strukturkategorie, die unser Denken und Verhalten prägt. Es sind Bilder, wonach wir glauben, dass Männer von Natur aus durchsetzungsstark und aggressiv sind, während Frauen emotional und kommunikativ sind.

Da wäre die Werbung, die häufig nackte oder halbnackte Frauen zeigt. Ob Auto, Waschmaschine, Körperlotion – der schlanke Körper einer jungen Frau gehört immer dazu.

Da wären die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen und die Tatsache, dass Frauen selbst bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation weniger bekommen als ihre männlichen Kollegen. Da wäre das Fehlen von Frauen in Führungspositionen. An der Spitze der börsennotierten Unternehmen sind mehr als 90 Prozent der Posten mit Männern besetzt – weibliche CEOs findet man kaum.

Und da wäre die Tatsache, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor ein Problem für Frauen ist. Während hierzulande fast jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet, weil sie so besser Familie und Beruf vereinbaren kann, hat nicht einmal jeder zehnte Mann einen Teilzeitjob – und die allerwenigsten aus dem Grund, dass sie Job und Kinder so besser in Einklang bringen können. Denn Erziehung ist immer noch vielfach Sache der Frauen.

Und dann der Umstand, dass "sexuelle Selbstbestimmung für Frauen immer noch bei der Pille aufhört und Verhütung weiterhin Frauensache ist", schreibt Wizorek. Als Beispiel nennt sie die Debatte um die Rezeptpflicht der Pille danach. Obwohl längt bewiesen ist, dass nur jede vierte Frau unter Nebenwirkungen leidet und die Nebenwirkungen des rezeptfreien Paracetamol schlimmer sind als die der Pille danach, hält die Politik an der Rezeptpflicht fest und traut Frauen offenbar keinen selbstbestimmten Umgang mit dem Mittel zu. Wizorek zitiert hier den CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn, der betonte, dass "solche Pillen nun mal keine Smarties" seien. Auch nach dieser Aussage entbrannte eine Debatte von wütenden Frauen im Netz unter dem Hashtag #wiesmarties.

Kapitel für Kapitel reiht Wizorek auf, wo die Gleichberechtigung der Geschlechter in Deutschland im Jahr 2014 steht. Sie greift auf viele Studien zurück, belegt jede Aussage stimmig und nachweisbar. Vielfach legt sie auch dar, wie die einzelnen Themen im Netz diskutiert werden – und das weltweit, wie etwa bei #yesallwomen. Unter diesem Hashtag diskutierten Tausende über Sexismus, nachdem in den USA ein Amokläufer im Mai 2014 sechs Menschen getötet und 13 weitere verletzt hatte, weil er sich dafür rächen wollte, dass Frauen ihn hatten abblitzen lassen.

Immer wieder adaptiert die Autorin auch Begriffe aus der Netzsprache, was zu lesen Spaß macht. Die Frauenquote etwa bezeichnet sie als "Hack im System". Das Bild ist überraschend und witzig – veranschaulicht es doch sehr gut, welches Problem die Quotengegner mit dem Instrument haben, das das System umprogrammieren soll.

Wizorek belässt es aber nicht bei der Beschreibung des Status quo. Ihre Übersicht über die Geschichte des Feminismus in Deutschland räumt mit dem Klischee auf, Feminismus sei Männerhass und würde die Umkehr der Verhältnisse bedeuten. Wizorek stellt dar, wie vielfältig die Strömungen sind, dass es eben nicht den einen Feminismus gibt und dass Feminismus nicht zwingend heißt, einfach biologische Unterschiede zu negieren.

Ein Buch mit der Wucht von "Der kleine Unterschied"

Cover von "Weil ein #Aufschrei nicht reicht" © PR: Fischer-Verlag

Noch viel wichtiger: Wizorek macht klar, dass Feminismus nicht nur etwas für Frauen ist, sondern für alle Menschen, die sich eine Welt wünschen, in der die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer Herkunft politische, ökonomische und soziale Gerechtigkeit erfahren. Darum gibt die Autorin auch konkrete Handlungsempfehlungen und entwirft eine Version, wie Männer und Frauen entspannt zu mehr Gleichberechtigung kommen können.

Das klingt alles sehr vernünftig. Stellenweise schreibt sie aber sehr wütend – damit schadet sie womöglich ihrer Sache. Hinzu kommt, dass sie bisweilen in eine jugendlich-flapsige Umgangssprache abdriftet. Kommentare wie etwa "Wirklich dufte Einstellung, meine Herren!" sollen vermutlich frech wirken, sie muten teils aber unseriös an und mindern damit die Wirkung, die Wizoreks nüchterne Faktenrecherche ansonsten hätte entfalten können.  

Auch Begriffe wie "BWL-Feminismus à la Sheryl Sandberg" lesen sich zu pointiert. Mit solchen Wertungen bietet Wizorek Kritikern des Feminismus und Maskulinisten aus der antifeministischen Männerrechtsbewegung Angriffsfläche. Etwas mehr klare, ausgeruhte Nüchternheit würde der Argumentation mehr Kraft geben. Zugleich sind es aber diese Zuspitzungen, die das Buch so authentisch machen. Wizorek ist eben keine Politikerin Mitte 50, die allen gefallen will. Sie sagt ihre Meinung und das in ihrer Sprache.

"Das F in Feminismus steht für Freiheit" – der letzte Satz des Buches ist eine Öffnung. Er verspricht Chance, ist sogar Handlungsaufforderung.

Wizorek hat es vorgemacht. Vielleicht war das Schaffen des Hashtags #aufschrei Zufall, vielleicht hatte sie einfach Glück und die winzige zündende Idee zur richtigen Zeit. Zusätzlich war die Berlinerin mit entscheidenden Multiplikatorinnen vernetzt. Aber was dann folgte, ist Beispiel für ein selbstbestimmtes Leben. Ein Leben, in dem eine junge Frau ihre Chance ergreift, gesellschaftliche Teilhabe auszuüben und zu gestalten – für sich, aber auch für die Sache, die ihr wichtig ist. Sie hat die Einladung in die entscheidenden Talkshows während der Sexismusdebatte angenommen, ohne sich zu fragen, ob sie sich zur Sprecherin der Frauen erheben darf. Dazu braucht man Mut und Grenzenlosigkeit im Kopf und im Denken.

Darum ist ihr Buch auch nur konsequent – und ebenso die Folge, dass sie als Gesicht und Stimme eines modernen Feminismus wahrgenommen wird. Vielleicht entfaltet Weil ein #Aufschrei nicht reicht die Wucht von Der kleine Unterschied, das Alice Schwarzer 1975 veröffentlichte und mit dem sie zur Stimme des Feminismus in Deutschland wurde. Fast 40 Jahre später wäre es Zeit, denn die Geschlechterdebatte in Deutschland braucht neue Akteurinnen und Akteure. In einer patriarchalen Gesellschaft sind Frontgesichter leider nötig. Wizorek sollte auch diese Chance nutzen.