ZEIT ONLINE: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will eine Anti-Stress-Verordnung aufsetzen. Herr Voß, was halten Sie von der Idee?

Günter Voß: Zunächst einmal finde ich es wichtig, dass das Thema, wie in der Arbeitswelt sich Druck verstärkt und verändert, auf die politische Agenda kommt. Frau von der Leyen hatte als Arbeitsministerin die Frage schon aufgegriffen, und ich war gespannt darauf, wie Frau Nahles damit weitermacht. Die Sache ist aber sehr komplex, und noch weiß man wenig darüber, was genau geplant ist.

ZEIT ONLINE: Gewisser Druck kann ja auch positiv sein, weil er einen antreibt und herausfordert. Wann wird Stress ungesund?

Voß: Dass Anforderungen auch positive Wirkungen haben, ist lange bekannt. Alle Daten der vergangenen Jahre zeigen aber, dass die beruflich bedingten Belastungen heute ein aushaltbares Maß überschreiten und zunehmend Menschen krank machen. Natürlich wirkt sich Druck bei verschiedenen Menschen unterschiedlich aus, aber gesellschaftlich betrachtet ist meiner Meinung nach ein Punkt erreicht, an dem die Politik reagieren sollte. Man kann heute nicht mehr sagen: Damit muss jeder selber klarkommen.

ZEIT ONLINE: Wenn aber jeder Mensch unterschiedlich auf Stress reagiert, wie lassen sich dann in einem Gesetz genau definierte Vorschriften für Betriebe festlegen?

Voß: Das ist in der Tat äußerst schwierig. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es möglich ist, feste Grenzwerte für die hier zur Debatte stehenden neuen Belastungen zu definieren. Da wäre auch die Frage, welche Kriterien und Maße man überhaupt heranzieht und was man denn unter "Stress" verstehen will. Darum bin ich gespannt, was Frau Nahles' Ministerium ausarbeiten wird. Es ist aber richtig, dass die Politik die Unternehmen über eine Verordnung dazu zwingt, sich der Sache zu stellen.

ZEIT ONLINE: Dass Unternehmen auch psychische Belastungen von Arbeitsplätzen betrachten müssen, steht doch bereits im Arbeitsschutzgesetz.

Voß: Soweit ich das beurteilen kann, wird diese Regelung in der Praxis aber kaum umgesetzt. Sonst gäbe es nicht so viele Unternehmen, in denen das Problem noch immer geleugnet, heruntergespielt oder ignoriert wird. Zunächst einmal müssten betriebliche Gefährdungsbeurteilungen auch zum Bereich psychischer Probleme zur Pflicht werden. Mit ihnen kann erfasst werden, welche Formen von psychosozialen Belastungen es im Betrieb gibt und wie hoch das Niveau ist. Das ist grundlegend, damit alle Beteiligten – Unternehmensführung, Betriebsrat oder auf der nächsthöheren Ebene die Tarifpartner – überhaupt wissen, was Sache ist, und reagieren können. Außerdem sollte die Politik versuchen, auf die Ausbildung von Managern einzuwirken, damit diese nicht mehr sagen, die Leute sollen sich nicht so anstellen. Solche Führungskräfte findet man in Betrieben nach wie vor.

ZEIT ONLINE: Welche konkreten Lösungen sollte die Anti-Stress-Verordnung enthalten?

Voß: Konkrete Angaben halte ich für schwierig. Es ist für uns Forscher schon kompliziert zu verstehen, welche psychischen oder psychosozialen Symptome im Einzelnen nun verstärkt auftreten und was die möglichen Ursachen sind. Daraus kann man erst recht nicht unmittelbar standardisierte Regeln für eine Verordnung ableiten. Das funktioniert bei konventionellen Belastungen: Man kann Grenzwerte für Schadstoffe am Arbeitsplatz, für Lärmbelastungen und Ähnliches definieren. Ich kann mir aber im Moment noch kaum vorstellen, wie das bei psychischen und sozialen Belastungen gehen soll.

ZEIT ONLINE: Könnte man vorschreiben, dass das Diensthandy nach Feierabend abgeschaltet werden muss?

Voß: Das klingt auf den ersten Blick nach einer interessanten Idee, ich bezweifle aber, dass sich das flächendeckend durchsetzen lässt. Solche starren Regeln lassen sich vielleicht auf Beschäftigte anwenden, die standardisierte Routinetätigkeiten ausüben. Bei Mitarbeitern, die in komplexen Projekten arbeiten, anspruchsvollere selbstorganisierte Tätigkeiten ausüben und sehr flexibel arbeiten, halte ich das für wenig praktikabel. Außerdem geht es nicht nur um das Thema Erreichbarkeit, das in der aktuellen Debatte hochgespielt wird. Es gibt viele andere Faktoren, die zu psychosozialen Symptomen führen.

ZEIT ONLINE: Was wäre also wünschenswert?

Voß: Es braucht weiche oder flexible Regeln, mit denen alle Beteiligten überlegen können, wie sie das Belastungsniveau an einem konkreten Arbeitsplatz, in einer bestimmten Abteilung oder in einer Berufsgruppe verringern können. Dafür müssen aber erst einmal wissenschaftlich haltbare Kriterien entwickelt werden, mit denen festgestellt werden kann, dass ein bestimmtes Niveau überschritten ist. Das ist nicht leicht, was aber nicht heißen soll, die Finger davon zu lassen. Die eine Regelung, die das Problem löst, wird einem nicht von heute auf morgen einfallen.