Viele karriereambitionierte Frauen schieben ihren Kinderwunsch lange auf.

Kinder haben und beruflich durchstarten: Das ist für Frauen immer noch schwieriger als für Männer. Der Zeitraum, in dem eine Frau Kinder bekommen kann, fällt mit den Jahren zusammen, in denen Karriere gemacht wird. Und Karriere verlangt immer noch Präsenz – Teilzeitstellen in Führungspositionen sehen Arbeitgeber ungern.     

Besonders Chefposten beanspruchen einen Menschen zeitlich enorm und können ihn ans physische und psychische Limit bringen. "Die zusätzlichen Anforderungen, die durch ein oder sogar mehrere kleine Kinder entstehen, machen es da schwer, die geforderte Leistung und Präsenz zu bringen", sagt die Stress-Expertin und Autorin Carola Kleinschmidt. Gerade an Mütter werden häufig noch immer traditionelle Wertvorstellungen angetragen: Eine Mutter hat für ihre Kinder da zu sein und für sie zu sorgen. "Mutterschaft und Spitzenposition passen in den Köpfen vieler Menschen einfach nicht zusammen", sagt Kleinschmidt. Das gelte auch für die Personaler, also diejenigen, die am Ende in Unternehmen über Karrieren entscheiden. Und so erstaunt es nicht, dass viele Spitzenmanagerinnen entweder erst sehr spät Mutter werden oder aber bewusst auf Kinder verzichten.

Männer mögen es da einfach haben: Sie können die Familiengründung auf später verschieben. Bei Frauen hingegen sinkt die Fruchtbarkeit einer Frau schon ab einem Alter von 30 Jahren. Für Frauen ab 35 ist die statistische Chance pro Zyklus für eine Schwangerschaft etwa nur noch halb so groß wie bei einer Frau zwischen Anfang und Mitte 20. Und ab einem Alter von 40 Jahren sinkt sie auf etwa zehn Prozent.

Eine scheinbare größere Wahlfreiheit

Da erscheint die Möglichkeit des Social Freezing, wie es Unternehmen wie Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen nun anbieten, fast wie eine Versicherung: Das alternative Leben mit Kind und Familie ist plötzlich möglich – und zwar einfach später. Dass die technische Möglichkeit dazu bestehe, könne "für die einzelne Frau zunächst eine entlastende Funktion haben", sagt der Arbeitspsychologe Tim Hagemann. "Auf den ersten Blick erscheint diese Option wie eine Vergrößerung der Wahlfreiheit." Schließlich verspricht auch die Familiengründung nachhaltige Erfüllung und Sinnhaftigkeit. Nicht nur die berufliche Karriere bietet das. Das können sicherlich beide Geschlechter so empfinden. Aber noch immer ist es so, dass Frauen sich eher für Familie statt Karriere entscheiden.

Studien zeigen auch: Männer und Frauen unterscheiden sich nach wie vor in ihrem Karriereverständnis. Männer orientieren sich stärker an Werten wie Macht, Prestige, Geld und Status – Frauen hingegen betonen inhaltliche Werte. Ihnen sind Erfüllung in der Tätigkeit, aber auch softe Kriterien wie das Betriebsklima wichtiger. Wer so ein Karriereverständnis hat, der strebt nicht um jeden Preis nach oben – vor allem, wenn der Aufstieg Konkurrenzkampf und sehr viel Stress bedeutet. Zu verlockend ist die Alternative "Erfüllung in der Familie".

Das gilt auch für karriereorientierte Frauen. Manche starten wegen einer langen Ausbildung erst Ende 20 und Anfang 30 durch. Es ist das Alter, in dem die biologische Uhr zu ticken beginnt. Wird es dann im Job schwierig, entscheiden sich nicht wenige für eine Familiengründung. "Die Entscheidung für Familie ist dann eine sehr bewusste – aber man kann sie eben auch als alternativen Lebensentwurf betrachten", sagt Psychologe Hagemann. Für viele Frauen mag das Social Freezing daher erst einmal eine Entlastung darstellen. Sie haben länger Zeit, sich den alternativen Lebensplan offen zu halten. Zwar würden wahrscheinlich nur wenige Frauen davon ernsthaft Gebrauch machen, schätzt Psychologe Hagemann. "Aber allein schon der Gedanke nimmt den Stress raus."  

Vor allem ein Steuerungsinstrument

Hagemann interessiert sich vor allem für das Kalkül der Arbeitgeber, die das Social Freezing anbieten. In einer Arbeitswelt, in der Job und Privatleben immer mehr verschmelzen, sei es fast der konsequente nächste Schritt, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern solche Möglichkeiten geben. Für ihn ist klar, dass das Angebot "ein weiterer Schritt von Steuerung des Privatlebens durch die Arbeit" sei. Hagemann hält das für problematisch. "Indem Unternehmen so eine Möglichkeit anbieten, wird es systemisch – und das kann Druck auf die Frauen ausüben, sich dazu verpflichtet zu fühlen." Die Offerte der Arbeitgeber könne zudem all die Frauen unter Druck setzen, die gerne jung Mütter werden wollen. "Es wird ja keine Gleichzeitigkeit von Karriere und Familienphase gefördert, sondern die Unternehmen sichern sich lediglich die High-Potential-Jahre."

Auch Burn-out-Expertin Kleinschmidt sieht das so. "Auf diesem Niveau ist Social Freezing ein Steuerungselement, das in eine zutiefst private Lebensgestaltung eingreift", sagt sie. Frauen würden keine Freiheit gewinnen, wenn sie sich die Eizellen mit finanzieller Hilfe des Arbeitgebers einzufrieren würden. Eine Entscheidungsfreiheit habe man nur, wenn echte Wahlfreiheit bestehe. "Wenn man völlig losgelöst von einer Steuerung durch den Arbeitgeber die eigenen Prioritäten ordnen kann", sagt Kleinschmidt. 

Das würde aber erfordern, dass sich Familie und Karriere vereinbaren lassen. Am Ende würden Frauen durch ein vom Arbeitgeber bezahltes Social Freezing vor allem in das Lebensmodell gedrängt, das dem Unternehmen gefällt: erst die Karriere. Und der andere Lebensentwurf wird auf Eis gelegt.