Immer mehr Menschen im Rentenalter sind in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Vor allem westdeutsche Frauen sind von Armut im Alter betroffen. Schon heute müssen Hunderttausende Frauen im Alter von über 65 Jahren mit 391 Euro im Monat klarkommen – von einer so schmalen Rente kann man kaum mal dem Enkel Taschengeld zustecken oder sich einen Urlaub leisten. Selbst Extrageld für Medikamente ist da kaum drin. Und Jahr für Jahr trifft es mehr Menschen.

Die Zahl ist deshalb so schockierend und beschämend, weil die von der Politik hoch gelobte Mütterrente offenbar das Abrutschen in Armut kaum verhindern kann. Und worüber kaum jemand spricht: Die Mütterrente kompensiert auch nicht einmal annähernd die harten Auswirkungen der Unterhaltsreform aus dem Jahr 2008.

Damals trat in Deutschland ein neues Unterhaltsrecht in Kraft, mit dem die sogenannte nacheheliche Eigenverantwortung eingeführt wurde. Das heißt: Einen Anspruch für Geschiedene auf einen Versorgungsunterhalt bis zum Lebensende gibt es seither nicht mehr. Ob lange oder kurze Ehen, ob mit oder ohne Kinder – alle werden gleich behandelt. Mehr als jede zweite Ehe wird mittlerweile geschieden. Doch das Fatale an der Reform: Sie reicht weit zurück und trifft alle Ehen, die nach 1977 geschieden wurden. Das Unterhaltsgesetz führt somit ganze Frauengenerationen, die sich noch auf die Versorgerehe verlassen hatten, in die Altersarmut.

Genau dieses Modell war noch bis Ende der neunziger Jahre insbesondere in Westdeutschland der vorherrschende Lebensentwurf für Frauen. Es war normal, dass eine Frau mit der Geburt eines Kindes im Job aussetzte, um sich um die Erziehung und den Haushalt zu kümmern. Den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt es erst seit 1998. Im Schnitt unterbrachen Frauen in Westdeutschland ihre Erwerbstätigkeit bis zur Einführung des Elterngelds im Jahr 2007 für durchschnittlich acht Jahre, viele sogar deutlich länger. Die meisten kehrten, wenn überhaupt, allenfalls als Minijobberin oder in Teilzeit mit schmalem Einkommen wieder zurück in den Beruf.

Das hat allerdings bei vielen Frauen nicht gereicht, Rentenansprüche zu erwerben, die über der Grundsicherung liegen. Wer dann noch das Pech hatte, nach dem neuen Unterhaltsgesetz geschieden zu werden, der steht jetzt im Alter arm da.

Eigentlich gut gedacht war da die Einführung der Mütterrente. Mit ihr sollen Erziehungszeiten für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, besser anerkannt werden und die Frauen vor der Armut im Alter geschützt werden. Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht. Zudem sind die Abzüge viel zu hoch.

Für jedes Kind bekommen Rentnerinnen gerade einmal eine Bruttorentenerhöhung von 28,61 Euro im Westen und 26,39 Euro im Osten. Die Erhöhung wird sofort aufgezehrt, weil sie auf die Grundsicherung angerechnet wird. Ausgerechnet die Ärmsten haben also gar nichts davon. Und nicht nur das: Der Staat rechnet das kleine Plus an Einkommen auch auf die Hinterbliebenenrente zu 40 Prozent an, außerdem wirkt sich die Mütterrente auch auf einen bestehenden Versorgungsausgleich aus.

Es bleibt also wie es ist: Eine ganze Generation an Frauen – die im Schnitt noch zwei Kinder großgezogen und damit einen enormen Dienst an der Gesellschaft geleistet haben – wird für ihre Erziehungsarbeit bestraft. Das ist nicht nur wahnsinnig ungerecht. Es zeigt auch, wie der Staat zu der Arbeitsleistung der Frauen wirklich steht: Von Anerkennung kann keine Rede sein.