ZEIT ONLINE: Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die Arbeitswelt gerechter machen?

Wallraff: Ich sehe das Problem beim Grundeinkommen darin, dass es zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen könnte. Deshalb sehe ich als Gegenkonzept die Humanisierung der Arbeit selbst: Die Arbeit muss wieder humaner, erträglicher und sinnstiftender werden. Niedere Arbeit muss aufgewertet werden.

Die sogenannten "Arbeitsgemeinschaften" (ARGEn) als gemeinsame Einrichtungen von Arbeitsagenturen und Kommunen kümmern sich nicht darum, unter welchen unzumutbaren und ausbeuterischen Bedingungen die Vermittelten malochen müssen. Über die Hälfte aller Kosten geht bei den ARGEn übrigens für die Selbstverwaltung drauf. Geld, das den Bedürftigen also nicht zu Gute kommt. Für die Oberen gibt es Boni, wenn die Budgets für Sozialleistungen nicht überschritten werden. Da kommt Amazon gerade recht. Hier hat sich ein System etabliert, wo Menschen bedenkenlos solchen Moloch-Unternehmen ausgeliefert werden, um sie aus der Statistik raus zu haben.

Soziale Dienstleistungen müssen hoch angesiedelt werden in der gesellschaftlichen Rangord-ung und entsprechend entgolten werden. In anderen Ländern wie der Schweiz wird etwa eine Krankenpflegerin im Verhältnis zu anderen Berufsgruppen wesentlich besser bezahlt als bei uns. Wir sollten diskutieren, wie wir soziale Berufe attraktiver machen können. Dazu gehört der Mindestlohn. Es sollte aber auch Höchstlöhne geben, um der zunehmenden sozialen Ungleichheit Einhalt zu gebieten. Mindest- und Höchstlöhne könnten dann in eine Wechselbeziehung gebracht werden. Derjenige, der seinen Höchstlohn nach einem festgelegten Schlüssel von beispielsweise dem Zehn- oder meinetwegen auch bis zum Zwanzigfachen des Mindestlohns festlegt, der wird als Chef schon aus eigenem Interesse daran interessiert sein, dass der Mindestlohn seiner Mitarbeiter nicht zu gering ist und es dort eine Entwicklung nach oben gibt.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen in Zukunft Arbeitnehmervertretungen?

Wallraff: Das Problem ist, dass es in einigen Branchen und vor allem im Osten der Republik nahezu gewerkschaftsfreie Zonen gibt. Wenn Sie in die Berufsschulen kommen und danach fragen, wer Gewerkschaftsmitglied ist, dann meldet sich in der Regel nicht ein einziger. Viele lassen Themen wie Arbeitsbedingungen und betriebliche Mitbestimmung gar nicht an sich heran, andere haben schlichtweg Angst, eine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft könnte ihnen schaden. Hinzu kommt, dass wir gerade dort, wo Gewerkschaften am dringendsten gebraucht werden – da wo  Leiharbeit und Werkvertragsmitarbeiter dominieren –, höchstens rudimentär ausgebildete gewerkschaftliche Strukturen haben. Hier müssen wir nicht nur aktiv, sondern zum Teil auch kreativ werden. Es gibt erste Ansätze, dass die Gewerkschaften sich auch derjenigen annehmen, die noch keine Gewerkschaftsmitglieder sind und ihnen Rechtsschutz gewähren. Das kann durchaus mit der Auflage geschehen, dass man anschließend in die Gewerkschaft eintreten muss. Die Hürde wäre aber niedriger und der persönliche Nutzen offenkundig.

Ich habe ein Büro gegründet, "Workwatch", das bei Hilferufen berät und auch publizistisch tätig ist. Anders sind diese grausamsten Schilderungen, die mich täglich erreichen, kaum noch ab-zuarbeiten. Das nimmt in letzter Zeit Überhand.

Hilfreich sind auch Patenschaften, in denen sich gewerkschaftlich gut aufgestellte Betriebe jener in ihrer Umgebung annehmen, die über solche Strukturen nicht verfügen. Ein anderer, weiter-führender Lösungsansatz wäre die Einführung von Arbeiterkammern, von denen jeder Arbeitnehmer automatisch vertreten wird, vergleichbar mit den Pflichtmitgliedschaften von Unternehmen in den örtlichen Industrie- und Handelskammern. Österreich hat mit diesem Modell sehr gute Erfahrungen gemacht: Das Verhältnis von Arbeit und Kapital, zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wird dadurch ausgewogener. Neben all diesen Punkten benötigt eine durchsetzungsfähige Arbeitnehmervertretung heute auch originelle Formen und neue Kampagnenfantasie. Die Gewerkschaften können hier von den neuen sozialen Bewegungen, der Ökologiebewegung oder den Globalisierungskritikern lernen, die durch öffentlichkeitswirksame Aktionen gesellschaftliche Debatten auslösen und politischen Druck aufbauen können.

ZEIT ONLINE: Sie sind über 70. Wie lange wollen Sie noch undercover in der Arbeitswelt recherchieren?

Wallraff: Ich will weiterhin dranbleiben und halte mich dafür mit Ausdauertraining belastbar. Ich plane immer in Phasen und denke dann in der jeweiligen Phase nur für diesen einzelnen Zeit-abschnitt. Mittlerweile plane ich in kürzeren Zeiträumen als früher, nämlich in Zweijahreszyklen. Es tut einem ja auch gut, etwas bewirken zu können.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch "Architekten der Arbeit. Positionen, Entwürfe, Kontroversen", das 2014 in der edition Körber-Stiftung erschienen ist.