Bis in den Kontrollgremien der größten deutschen Unternehmen eine paritätische Verteilung zwischen Männern und Frauen erreicht ist, wird es rein rechnerisch noch 56 Jahre dauern – zumindest, wenn man den derzeitigen Anstieg des Frauenanteils als Grundlage nimmt und in die Zukunft weiter rechnet. Das stellt das neue Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fest, das am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde.

Zwar hat sich der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der großen Unternehmen durch die Debatte um die gesetzliche Frauenquote erhöht. Die gesetzliche Quote von 30 Prozent soll 2016 kommen, muss in diesem Jahr aber noch im Bundestag beschlossen werden. "Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der Dax-30-Unternehmen ist am stärksten auf etwa ein Viertel gestiegen. Das ist auch gut so, denn diese Unternehmen werden als Wert für Deutschland in internationalen Vergleichen herangezogen", sagt Elke Holst, Forschungsdirektorin Gender Studies am DIW Berlin.

Keine Steigerung aber machten sie und ihr Team für die Vorstände aus: Hier stagniert der Frauenanteil weiter bei knapp fünf Prozent. Betrachtet man nur die hundert größten Unternehmen, ist der Frauenanteil in der Chefetage sogar von knapp fünf auf gut vier Prozent gesunken. "Die Vorstände der Unternehmen bleiben männliche Monokulturen", so Holst.

Die Forscherinnen hatten untersucht, wie sich bei den größten 500 deutschen Unternehmen der Anteil von Frauen in Spitzenpositionen verändert hat. Dafür hatten sie sich die 200 größten Unternehmen angesehen, dazu alle in den Börsenindizes Dax30, MDax, SDax und TecDax gelisteten Firmen sowie Unternehmen mit Bundesbeteiligung. Gesondert wurden die hundert größten Banken und 60 größten Versicherungen untersucht.

Lehman Sisters? Bislang eher nicht

Am stärksten waren im Vergleich die Zuwächse bei den Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist. "Dies sind aber häufig kleinere Firmen", sagt Holst. In der Finanzbranche dagegen war der Zuwachs sehr gering. "Wir haben hier Steigerungen im Nullkommabereich, das ist fast nichts", urteilt die Forscherin. Generell sinkt der Frauenanteil in Spitzenpositionen bei den Top-100-Unternehmen in Deutschland sogar.

Für die Banken- und Finanzbranche könne man die Lehman-Sisters-Hypothese nicht unbedingt bestätigen, sagt Anja Kirsch vom Institut für Management der Freien Universität Berlin, die an der Untersuchung mitgearbeitet hat. Die These: Frauen steigen nach der Finanzkrise stärker in Führungspositionen auf, weil sie risikoscheuer sind als Männer und sie durch ihr zurückhaltendes Verhalten einen positiven Effekt auf die Branche haben. Das Argument war vielfach auch von EU-Kommissarin Viviane Reding oder Christine Lagarde, der Direktorin des Internationalen Währungsfonds, in der Diskussion um eine EU-weite Frauenquote herangeführt worden.

Die Forscherinnen des DIW warnen allerdings vor einer zu stereotypen Argumentation. Dass die Hypothese nicht stimmt, zeigt sich auch am enormen Gender Pay Gap in der Finanzbranche, der über dem in anderen Branchen liegt: Frauen werden besonders bei Banken und Versicherungen deutlich schlechter bezahlt als Männer. Die Hypothese ging davon aus, dass mit mehr Frauen in Führungspositionen auch die Arbeitsbedingungen für Männer und Frauen sich angleichen würden – das ist aber offensichtlich nicht eingetroffen.

Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld

Warum steigen die Frauen nicht auf? Die Strukturen in den Unternehmen seien noch zu stark am traditionellen männlichen Lebensentwurf ausgelegt, vermuten die Forscherinnen. Für Frauen seien Kinder noch immer ein Karrierehindernis. Und selbst Frauen, die keine Kinder bekommen, würden im gebärfähigen Alter nicht so stark für Führungspositionen berücksichtigt, weil Arbeitgeber davon ausgingen, dass die Frauen wegen einer Schwangerschaft länger ausfallen könnten. Bei Männern hingegen zeigt sich kein solcher Effekt. So belegen auch soziodemografische Daten über Managerinnen und Manager, dass männliche Führungskräfte häufiger als weibliche Führungskräfte Kinder haben, während letztere überdurchschnittlich oft kinderlos sind.

Vergleicht man den Anteil der Frauen in Spitzenpositionen weltweit, dann liegt Deutschland im Mittelfeld – es gibt durchaus Länder, in denen noch weniger Frauen ein Unternehmen leiten. Viele unserer europäischen Nachbarn aber stehen besser da. In Frankreich, Island und Skandinavien etwa ist der Frauenanteil auch in Vorständen mit der Einführung eines Quotengesetzes stärker gestiegen.

Ob das auch der Wirtschaft nützt, haben die DIW-Forscherinnen ebenfalls untersucht. "Die Ergebnisse sind aber nicht eindeutig", sagt Anja Kirsch. Einige Studien stellten einen positiven Zusammenhang fest zwischen dem Anteil der Frauen in Führungspositionen in einem Unternehmen und seinen wirtschaftlichen Kennzahlen. Andere Studien widerlegten dies – und wieder andere seien völlig indifferent.

Problematisch ist laut Kirsch dabei die Vergleichbarkeit. Manches Unternehmen stellt insbesondere Frauen ein, wenn es wirtschaftlich gut da steht. Andere wiederum setzen in Krisenzeiten verstärkt auf Frauen. Auch könne man keinen verlässlichen Zeitraum definieren, in dem ein Zusammenhang zwischen der Berufung einer Frau in den Aufsichtsrat und etwa der Entwicklung der Rendite objektiv – also auch mit anderen Unternehmen vergleichbar – festgestellt werden könne.