Wenn man in Nürnberg mit der U-Bahn fährt, sitzt vorne kein Fahrer. Seit 2009 rauschen die U-Bahnen vollautomatisch durch die Unterwelt – auch in Helsinki, Paris, Barcelona, Budapest und São Paulo sind fahrerlose U-Bahnen unterwegs. Das spart nicht nur Lohnkosten, sondern erhöht auch die Kapazität der U-Bahn-Linien um bis zu 50 Prozent, weil die exakt positionierten Züge in einem engen Zeitkorridor von nur 75 Sekunden hintereinander fahren können. Gut möglich, dass die Lokführer bald nicht mehr für Lohnerhöhungen streiken, sondern gegen die Automatisierung ihrer Jobs.

Das U-Bahn-Ticket zieht man schon längst am Automaten. Reisen bucht man heutzutage im Internet. Man vergleicht Flugzeiten, Kosten, Hotelbewertungen oder sucht Leute beim Couch-Surfing. Und was machen die Reisekaufleute? Für die gibt es immer weniger Jobs, während die Arbeit erstens vom Konsumenten selbst erledigt wird und zweitens von zig Algorithmen, die uns die besten Reisedaten berechnen.

Selbst Rechtsanwälte werden allmählich überflüssig: Sogenannte E-Discovery-Programme übernehmen immer häufiger Recherchearbeiten, wo vormals Anwälte in Gerichtsurteilen wühlten. Die Programme erkennen nicht nur einfache Suchwörter, sondern auch komplexe Verhaltens- und Argumentationsmuster. Die kalifornische Firma BlackStone Discovery etwa kann 1,5 Millionen Dokumente binnen weniger Tage und für nur 100.000 US-Dollar analysieren. Das ist vergleichsweise günstig. Denn setzt man Rechtsanwälte vor denselben Aktenberg, brauchen sie Monate, kosten häufig Millionen und machen mehr Fehler als die Software.

Computer und Roboter ersetzen am laufenden Band Jobs. Eine Studie der Universität Oxford kommt zu dem Schluss, dass bis 2030 rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA der Automatisierung zum Opfer fallen könnten. Während etwa Sozialarbeiter oder Handwerker weniger gefährdet sind, ist das Risiko, ersetzt zu werden, besonders für Banker, Logistiker und Verwaltungsangestellte hoch.

In der Dauerkrise

Laut Statistischem Bundesamt erhöhte sich die Produktivität je Arbeitsstunde allein zwischen 1991 und 2011 um 34,8 Prozent. Adieu, Jobs. Willkommen, Maschine. Schon jetzt sind über eine Milliarde Menschen weltweit unterbeschäftigt oder ganz erwerbslos, Tendenz steigend. Durch die Digitale Revolution wird schon bald die billigste menschliche Arbeitskraft teurer sein als eine Maschine. Apple beispielsweise baut derzeit eine neue Generation von Robotern, um die asiatischen Arbeiter zu ersetzen, die momentan noch in 16-Stunden-Schichten unsere Smartphones bauen.

Aber was bedeutet dies langfristig? Im Kapitalismus ist Arbeit der Motor der Profitmaschinerie. "Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch dadurch", schrieb Karl Marx, "dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt." Die Kapitalakkumulation gerät zwangsläufig ins Stocken, wenn es keine Arbeiter mehr gibt, die Lohn erhalten und dann als Konsumenten das Kapital füttern.

Der Kapitalismus frisst die Arbeit auf

Insofern stehen wir vor einer historischen Situation. Die Ausdehnung der Märkte könnte den Wegfall der Arbeit bald nicht mehr kompensieren. "Erstmals setzt der Arbeitsgötze sich unfreiwillig selber auf dauerhafte Hungerration. Damit führt er seinen eigenen Tod herbei. Der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen", schreibt der Philosoph Robert Kurz.

Oder anders ausgedrückt: Wir befinden uns in einer Dauerfinanzkrise. Schon in den achtziger Jahren musste das Kapital in Hedgefonds investieren, um abstrakte Profite zu erwirtschaften. Denn in der Realwirtschaft lassen sich immer weniger Profite machen. In den sechziger Jahren etwa entfielen rund 15 Prozent der inländischen Gewinne in den USA auf den Finanzsektor, aber 50 Prozent in der Produktion. 2005 war das Verhältnis fast umgekehrt. Damals kassierte der Finanzsektor fast 40 Prozent der Gewinne, der Produktionssektor aber weniger als 15 Prozent. Dieses jobless growth zeigt, dass der Kapitalismus kaum noch Jobs abwirft.

Trotzdem reden Politik und Wirtschaft ständig von Wachstum und davon, mehr Jobs zu schaffen. Wir sind benebelt vom Arbeits- und Wachstumsfetisch. Das zeigt sich auch daran, dass Menschen, die ihren Job verlieren, oft zuallererst die Schuld bei sich selbst suchen. Arbeitslosigkeit wird häufig als individuelles Versagen angesehen. Nicht als Fehler im System. 

Was können wir also tun, um den kommenden Entwicklungen entgegenzuwirken? Eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ist eine Idee, die vielfach diskutiert wird. Außerdem könnten wir Maschinen und Automaten besteuern, die bis dato im großen Stil Schwarzarbeit betreiben: Erst zerstören Computer, Fertigungsroboter sowie unzählige Zigaretten-, Leergut- und Fahrscheinautomaten unsere Jobs. Und dann "arbeiten" sie, ohne dafür Steuern zu zahlen. Für jeden Euro, den eine Maschine erwirtschaftet, sollten 10 oder mehr Cent an die Allgemeinheit gehen.

Auf der anderen Seite steht die Kernsanierung des Kapitalismus. Wir müssen die Eigentumsfrage stellen. Denn die Automatisierung ist nur dann ein Horrorszenario, wenn man innerhalb der kapitalistischen Logik denkt. Sie könnte ein Paradies sein, wenn die Maschinen allen gehörten. Ja, all das ist leichter geschrieben als getan. Das Ende der Arbeit wird uns wohl noch jede Menge Arbeit machen.

Der Autor wird am Abend im Kommentarbereich zur Leserdebatte zur Verfügung stehen. Schreiben Sie Ihre Fragen an Patrick Spät gerne hier unter den Text und diskutieren Sie mit!