Der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger hat seine Biografie geschrieben. (Archivbild aus dem Jahr 2007) © REUTERS/Ina Fassbender

ZEIT ONLINE: Herr Sattelberger, Ihre Autobiografie heißt Ich halte nicht die Klappe. Mit dem Buch suchen Sie eine neue persönliche Art der Öffentlichkeit. Warum?

Thomas Sattelberger: Manager äußern sich viel zu selten. Ich bin davon überzeugt, dass ich etwas zu sagen habe. Ich hatte immer eine Haltung. Standhaftigkeit war mir wichtig. Bisweilen war ich unangepasst und rebellisch. Aber ich habe es trotzdem an die Spitze geschafft. Ich glaube, dass das deutsche Management mehr Rebellion vertragen kann.

ZEIT ONLINE: Ihre Karriere war nicht ganz typisch.

Sattelberger: Das stimmt. Typisch ist zum Beispiel ein Elternhaus mit akademischem Hintergrund. Das hatte ich nicht. Typisch ist auch der Besuch von bestimmten Universitäten. Damit kann ich ebenfalls nicht dienen. Ich absolvierte ja das "Stuttgarter Modell" bei Daimler, also eine vom Unternehmen bezahlte Ausbildung zum Industriekaufmann kombiniert mit einem Studium der Betriebswirtschaft an einer Berufsakademie. 

ZEIT ONLINE: Davor, Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, waren Sie Mitglied von radikalen Schüler- und Studentenprotestbewegungen, entglitten ins Maoistische.

Sattelberger: Ja, meine APO-Zeit war sicher auch nicht typisch. Fast wäre ich von der Schule geflogen. In jedem Fall lernte ich damals, Massenveranstaltungen zu organisieren, mich von Ideen gefangennehmen zu lassen und andere zu begeistern, selbst gute Reden zu halten, Konflikte auszutragen, mit Scheitern umzugehen. Manchmal denke ich, dass die APO-Zeit die wichtigste Grundlage für meine Managementkompetenzen und meine Durchsetzungsfähigkeit waren. 

ZEIT ONLINE: Sie haben damals auch Joschka Fischer kennengelernt.

Sattelberger: Ja, ich lernte ihn in Stuttgart kennen, noch während meiner Gymnasialzeit. Dort arbeiteten wir in der "Unabhängigen Schülergemeinschaft" zusammen, der Joschka vorstand. Als er später nach Frankfurt ging, übergab mir die Leitung der Gruppe mit den Worten: "Du, Thomas, machst das hier." Jahre später, nach dem Abitur, zog dann auch ich nach Frankfurt, offiziell zum Studium, in Wirklichkeit aber stürzte ich mich in die politische Arbeit. Ich wollte die Gesellschaft in größerem Maßstab verändern.

ZEIT ONLINE: Haben Sie wie Joschka Fischer bei Demonstrationen Polizisten mit Steinen beworfen?

Sattelberger: Einmal kam ich in Versuchung. Ich hatte die Hand an einem Pflasterstein. Aber dann habe ich mich doch nicht getraut. Mir wurde in dem Moment klar, dass ich Angst vor Gewalt habe.

ZEIT ONLINE: Stattdessen sind Sie in die Wirtschaft gegangen. Wie kam es dazu?

Sattelberger: Mit Anfang 20 war ich innerlich leer und voller Zweifel ob der Richtigkeit meines Weges. Ich verstand, dass die dogmatischen Ziele einiger meiner Genossen nicht meine waren. Ich brauchte neue Orientierung und eine Struktur. Als ich mich existentiell fragte, was aus mir werden sollte, kam die Möglichkeit zum dualen Studium bei Daimler gerade recht.

ZEIT ONLINE: Wie schnell ging die Verwandlung vom Protestler zum erfolgreichen Aufsteiger?

Sattelberger: So schnell ging das nicht. Es dauerte zwei Jahre, bevor ich wusste, was ich beruflich wirklich wollte. Ich habe zu dieser Zeit den Bereich Bildung und Personalentwicklung für mich entdeckt. Bei Daimler wurde zu jener Zeit viel experimentiert. Die Grenzen von betrieblicher und akademischer Bildung verschwammen, das fand ich faszinierend.

ZEIT ONLINE: Sie machen bei Daimler Karriere und wechselten erst zur Lufthansa, als Sie mit Jürgen Schrempp, dem späteren Daimler-Chef, am Ende nicht mehr gut klarkamen? Wollten Sie sich nicht verbiegen lassen?

Sattelberger: Ja. Ich traf die schmerzhafte Entscheidung, selbst zu kündigen, weil sich Daimler mit den Jahren massiv verändert hatte. Vor allem Schrempp habe ich als despotisch erlebt. Und er suchte nur ihm treu ergebene Vasallen, überall schienen Intrigen zu passieren. Kurz: Er missbrauchte die ihm anvertraute Macht.

ZEIT ONLINE: Er beschimpfte sie auch.

Sattelberger: Ja, am Telefon, als er von meiner Kündigung erfuhr. Es war eine denkwürdige Tirade. Als er mich anpöbelte, benutzte er das "Du"  zur Einschüchterung, wie er das bei vielen Gelegenheiten mit anderen auch machte. Dann fragte er mich, wie er mich zum Bleiben überreden könnte. Als ich darauf entgegnete, er könne meine Meinung nicht ändern, wechselte er zum "Sie", meinte, ich hätte eine "unternehmerische Entscheidung" getroffen, und knallte den Hörer auf.