Er habe sich eine Sekunde lang vergessen. Sie habe so schöne Brüste gehabt. Da habe er einfach anfassen müssen! Täter, die Frauen sexuell belästigen, haben häufig solche Ausreden parat. Die Tat wird heruntergespielt, verharmlost. Victim blaming wird es genannt, wenn der Täter dem Opfer eine Mitverantwortung oder sogar die ganze Schuld für sein Fehlverhalten zuschiebt.

Doch nun verharmlosen sogar die Bundesarbeitsrichter in Erfurt eine solche Tat. Der Fall: Ein Mechaniker hatte an seinem Arbeitsplatz eine Putzfrau sexuell belästigt und war daraufhin fristlos entlassen worden. Erst als der Arbeitgeber dem Mitarbeiter wegen des Übergriffs die Kündigung aussprach, entschuldigte sich der Mann bei der Frau und zahlte ihr einen Täter-Opfer-Ausgleich.

Gegen die fristlose Kündigung zog der Mechaniker allerdings vor Gericht – mit Erfolg. Das Bundesarbeitsgericht erklärte den Rauswurf für unwirksam, denn der Mitarbeiter habe die "notorische Grenze" nicht überschritten. Eine Abmahnung (und nicht etwa die ordentliche Kündigung, wie sie auch denkbar wäre) wäre ausreichend gewesen.

Wie bitte? Frei nach dem Motto "einmal ist keinmal" geben die Arbeitsrichter Grapschern einen Freifahrtschein. Mit dem Urteil erklären sie Frauen zu Freiwild – ein Skandal. Sexuelle Belästigung ist ein Übergriff, denn nach Artikel 2 des Grundgesetzes hat ein jeder Mensch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Und dazu zählt auch, dass der Intimbereich einer Frau nicht von Fremden begrapscht wird.

Übergriffe gehören bestraft

Mehr noch: Selbst Worte können den Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllen. Und diese Form von Übergriffen – ob tätlich oder verbal – ist immer ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG). Unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten verletzt die Würde der betroffenen Person. Jeder mündige Erwachsene sollte sich dessen gewahr sein und sich korrekt verhalten. Tut er es nicht, muss er mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen.

Darum war die Entscheidung des Arbeitgebers richtig: Er muss die Sicherheit aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gewährleisten und kann nicht tolerieren, dass seine Mitarbeiterinnen entwürdigende Übergriffe über sich ergehen lassen müssen. Doch die Erfurter Richter sehen das anders: Erst im Wiederholungsfall, wenn nach der Abmahnung weitere Belästigungen hinzukommen, sei eine Kündigung wirksam. Wie etwa im Fall eines Produktmanagers eines Möbelhauses, dessen Kündigung das Bundesarbeitsgericht im Juni 2011 bestätigte (2 AZR 323/10).

Eine solche Rechtsprechung ist fatal. Sie schützt die Täter und setzt die abschreckende Wirkung von Konsequenzen wie dem Verlust des Arbeitsplatzes herab. Und sie verlangt von Frauen, dass sie zunächst einmal Belästigungen über sich ergehen lassen müssen. Dass sie den Täter weiterhin täglich bei der Arbeit sehen, mit ihm zusammenarbeiten und weitere Übergriffe befürchten müssen.

Das ist in dem verhandelten Fall besonders schlimm, denn die Betroffene ließ es nach dem bezahlten Täter-Opfer-Ausgleich gut sein und verzichtete auf eine weitere Strafverfolgung. Aus Sicht des Opfers verständlich: Schließlich ist ein Strafprozess für die belästigte Frau überaus unangenehm. Doch nun bescheinigt ihr das Bundesarbeitsgericht auch noch, dass ihr Arbeitgeber nicht umgehend handeln darf, um ihre Unversehrtheit zu gewährleisten. Die Richter sollten ihre Rechtsprechung revidieren und sich an die Seite der Opfer stellen.