Es ist ein radikaler Vorschlag: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will Unternehmen verpflichten, Gehaltsgruppen offenzulegen. Das soll vor allem Frauen die Chance geben, ihr Gehalt im Vergleich zu den männlichen Kollegen zu überprüfen. Im besten Fall sorgt die neue Transparenz für gerechtere Gehälter.

Mit ihrem Vorstoß packt die Ministerin ein heißes Eisen an. Denn bislang gibt es kaum Gehaltstransparenz in Firmen. Frauen ahnen oft sehr wohl, dass sie weniger verdienen als Männer in vergleichbaren Jobs, aber mit Zahlen lässt sich das nur selten untermauern. Weder haben Angestellte einen gesetzlichen Anspruch, die Löhne ihrer Kollegen zu erfahren. Noch kann der Betriebsrat helfen, denn er darf Gehaltsinformationen nicht publik machen. 

So bleibt Beschäftigten oft nur das Netz, um sich grob zu orientieren. Magazine wie das Manager Magazin oder Jobbörsen wie StepStone erstellen etwa regelmäßig Gehaltsreports. Dazu kommen Vergleichsportale wie www.gehalt.de oder www.lohnspiegel.de von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Sie stellen die Durchschnittsgehälter verschiedener Branchen oder Berufsgruppen zusammen.

Das Problem: In der Regel veröffentlichen solche Portale nicht die Gehälter einzelner Unternehmen. Arbeitnehmer können zwar die Daten zur Orientierung nutzen. "Aber es gibt keinen gesetzlichen Anspruch, dass eine Firma die Durchschnittsgehälter auch zahlen muss", erklärt Andreas Priebe, Arbeitsrechtsexperte der Hans-Böckler-Stiftung.  

Erfährt ein Arbeitnehmer etwa im Gespräch mit Kollegen, dass er weniger verdient, kann er ein höheres Gehalt nicht einklagen. Allerdings gibt es zwei Ausnahmen:

Eine Firma ist tarifgebunden

Ein Arbeitnehmer kann gegen ein zu niedriges Gehalt klagen, wenn er einen Arbeitsvertrag unterzeichnet, der sich auf einen Tarifvertrag mit Gehaltsstufen bezieht. "Merkt ein Arbeitnehmer, dass der eigene Arbeitgeber diesen Lohn nicht zahlt, kann er ihn dann sogar vor Gericht durchsetzen", sagt Priebe. Um das eigene Gehalt zu vergleichen, reicht ein Blick in den Tarifvertrag. Doch auch in diesem Fall gebe es keine völlige Transparenz über die Löhne aller Mitarbeiter, erklärt Tom Böger vom Vergleichsportal gehalt.de. Denn schließlich nutze der Arbeitgeber die Einstufung in eine Gehaltsgruppe auch als Lockmittel. Ein Unternehmen könne einen Arbeitnehmer etwa in eine höhere Gehaltsgruppe als einen vergleichbaren Kollegen einstufen, um ihm den Wechsel von der Konkurrenz schmackhaft zu machen, erklärt er.

Willkürliche Diskriminierung

Zudem hätten Klagen von Arbeitnehmern Chancen auf Erfolg, wenn Beschäftigte belegen könnten, dass ihr Arbeitgeber sie willkürlich diskriminiere, etwa wegen des Geschlechts oder der Herkunft, sagt Fachmann Priebe. In der Praxis ist es allerdings extrem schwierig, einen solchen Nachweis zu führen.

Bei den Gewerkschaften stößt Schwesigs Vorstoß erwartungsgemäß auf Zustimmung. Priebe hofft, dass mehr Transparenz hilft, die Gehaltsunterschiede abzubauen. Noch immer verdienen Frauen nach Angaben des Statistischen Bundesamts brutto mehr als ein Fünftel weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. 

Doch nicht alle Fachleute sind von dem Vorstoß überzeugt, so etwa der Arbeitsrechtsanwalt und ZEIT-ONLINE-Kolumnist Ulf Weigelt. "Setzt die Politik die Idee der Frauenministerin um, schafft das Unruhe im Betrieb und führt zu neuer Bürokratie, weil überspannte Berichtspflichten entstünden."