Die große Mehrheit der Abiturienten in Deutschland kapituliert vor Mathematik. Das belegt eine bislang unveröffentlichte Studie des Kieler Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), über die DIE ZEIT in ihrer neuesten Ausgabe berichtet. Demnach erreichen mehr als zwei Drittel der Hochschulberechtigten nicht das Matheniveau, das am Ende der Schulzeit von ihnen erwartet wird.

Für die Studie testeten die IPN-Forscher die Rechenfähigkeiten von 1.360 Abiturienten aus Schleswig-Holstein und verglichen ihre Leistungen mit den Bildungsstandards der Oberstufe. Das Ergebnis: Nur 31 Prozent der Schüler erreichen die angestrebte "voruniversitäre mathematischer Bildung".   

Die Mehrheit der Schüler schaffte das Matheniveau der Realschule, 28 Prozent der Abiturienten kamen gar über den Kenntnisstand von Klasse sieben oder acht nicht hinaus. "An diesen Schülern scheint der Mathematikunterricht bereits in der Mittelstufe vorbeigegangen zu sein", sagt IPN-Direktor Olaf Köller.

Bildungsreformen haben keinen Einfluss auf das Matheniveau

Vor allem den Kultusministern dürften die Ergebnisse der IPN-Studie kaum gefallen: Sie hatten 2012 Bildungsstandards für die Oberstufe festgelegt, unter anderem in Mathematik. Demzufolge sollten Abiturienten nicht nur Zahlen in Formeln integrieren und den Satz des Pythagoras anwenden können, sondern auch etwa dazu in der Lage sein, komplexe Alltagsprobleme in ein mathematisches Modell zu übertragen.

In einem weiteren Schritt hatten alle Bundesländer als Reaktion auf das deutsche Abschneiden bei internationalen Vergleichsstudien die Kernfächer in der Oberstufe gestärkt. So kann man anders als früher Mathematik nicht mehr abwählen, sondern muss es bis zum Abitur drei- oder vierstündig belegen. Die Studie belegt nun, dass diese Reformen das Matheniveau nicht verbessert haben.