Wächst man in einem sogenannten "bildungsferneren Haushalt" auf, wird es einem schwer gemacht, Akademiker zu werden. Oft heißt es: Du bleibst, was du bist. Die These meines Buches bestätigen prominente Aufstiegsbiografien von Pinar Atalay über Cem Özdemir bis Rüdiger Grube. Nicht zuletzt sprechen auch die Zahlen der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks für sich: 77 Prozent der Akademikerkinder beginnen ein Studium, bei nicht-akademischen sind es 23 Prozent.

Der Journalist Christian Füller widerspricht dieser Aussage jedoch. Es finde gerade eine "soziale Revolution bei der Zuteilung von Bildungschancen" statt, schreibt er im Freitag. Studien und die Erfahrungen prominenter Bildungsaufsteiger kanzelt Füller am Beispiel Frank-Walter Steinmeiers ("Sorry, werter Herr Außenminister, aber das ist Quatsch.") generell ab.

Füller argumentiert vor allem mit der Abiturquote. Zu Recht hat er darauf hingewiesen, dass die Zahl der Abiturienten in den letzten Jahren angestiegen ist. Ich kenne diese Zahlen und sie sind erfreulich. Aber in Sachen Chancengerechtigkeit sind sie der falsche Parameter. "Sechs von zehn Kindern eines Jahrgangs ergattern die Hochschulreife, und viele von ihnen studieren anschließend auch", schreibt Füller lapidar.  Aber ist das wirklich so?

Ich gehe davon aus, dass Kinder, die aus "bildungsfernen" Haushalten stammen und dennoch das Abitur erlangen zu großen Teilen nicht studieren werden. Dass ihnen nämlich ihr Herkunftsmilieu wie den Generationen zuvor weiterhin erzählt, "ein Studium ist nichts für Dich, mein Kind". Oder dass sie glauben, sie können sich die Universität nicht leisten. Dass sie ihr Studium, schaffen sie es ins erste oder zweite Semester, abbrechen werden. Dass sie vielleicht "nur" an Fachhochschulen gehen. Dass sie ihren weiteren Karriereweg auch aufgrund schlecht bezahlter Praktika und der Zunahme befristeter Stellen nicht gehen können.

Den Begriff Arbeiterkind mag ich eigentlich nicht. In meinem Buch definiere ich ihn deshalb weiter. Für mich sind das heutzutage Kinder, in deren Familien klassische Bildung – ein Buch lesen, ins Theater gehen – nicht zählt. Das kann die Tochter eines Hartz-IV-Beziehers ebenso sein wie der Sohn eines Metzgers oder die Kinder eines Einwanderers aus Syrien mit wenig Schulbildung und geringen Deutschkenntnissen.

Bildungsforscher wie etwa der Bamberger Soziologie-Professor Steffen Schindler bestätigen: "Der Zugang zur Hochschule ist sozial selektiv. Arbeiterkinder entscheiden sich trotz Hochschulreife gegen ein Studium." Sie erwerben ihre Fachhochschulreife häufiger an einer Fachschule, einem Kolleg oder einer berufsbildenden Schule. Aber mit diesen Abschlüssen haben sie seltener Zugang zu einer Universität. Aber auf den Universitätsabschluss kommt es in einigen Berufen an – etwa bei Juristen. Darum wird man in Anwaltskanzleien Arbeiterkinder häufig vergeblich suchen. Abitur ablegen und ein Studium abschließen sollen die Begabtesten – und zwar egal aus welchem Milieu. Doch Schindler stellt in einem aktuellen Schreiben der Otto-Friedrich-Universität Bamberg fest: "Der Anteil von Arbeiterkindern an den klassischen Abiturientenzahlen ist anhaltend gering."

Für die Recherche zu meinem Buch habe ich viele Menschen getroffen, die es beim Bildungsaufstieg schwer haben. Etwa Nina, Tochter einer Supermarktkassiererin und derzeit Realschülerin mit dem Traum Journalistin zu werden, der erst ihre Eltern, dann ihre Direktorin erzählten, mach "lieber etwas Anständiges, Journalismus ist nichts für Dich". Oder Milena, ein zehn Jahre altes Mädchen aus Bulgarien, die in einem Münchener Mutter-Kind-Heim aufwächst. Für die allermeisten von Armut bedrohten Kinder ist das Abitur im Regelfall nicht vorgesehen. Oder Stefan, ehemaliger Hartz-IV-Bezieher und heute Germanistik-Student, der sich schlecht bezahlte Praktika einfach nicht leisten kann. Sie alle stehen vor Hürden, die unser Bildungs- und Karrieresystem eher auf- als abbaut und die unsere Gesellschaft einfach so zulässt. 

Ich war auch in vielen Schulen zu Gast, die von diesem deutschen Bildungswunder, so wie es Füller beschreibt, noch immer ausgeschlossen sind. In den Hauptschulen unserer Großstädte, diesen urbanen Traumvernichtungsanstalten – Herr Füller, es gibt diese Schulart noch immer, auch wenn Sie sie ausblenden –  bin ich auf Lehrer getroffen, die zu mir sagten: "Die und Abitur? Nie. Die und ein glückliches Leben? Eher die Ausnahme. Sie rutschen gerade ab." Ein Kind dort wünschte sich nichts inniger als später einmal Hühnchenteile zu frittieren. Die anderen Träume wurden bereits mit der Empfehlung auf die Hauptschule in der vierten Klasse der Grundschule vernichtet. In unseren altehrwürdigen Gymnasien habe ich dagegen die Schüler gefragt, was ihre Eltern beruflich machen. Die Akademikerquote betrug mehr als 90 Prozent. War ich auf journalistischen Tagungen, habe ich die gleiche Frage gestellt. Die Ergebnisse sind ähnlich. Und überdies war die Migranten- und Frauenquote ebenso dürftig.

Jutta Allmendinger, Soziologin, Bildungsforscherin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums in Berlin, sagte zu mir: "Wir haben in Deutschland keine Ausgangsgerechtigkeit, und die Menschen mit wenig Bildung werden immer stärker ausgegrenzt." Sie sagt das, weil sie seit Jahren Forschungsergebnisse publiziert, die das Gegenteil von dem erzählen, was Herr Füller in seinem Text im Freitag behauptet. Auch Thomas Sattelberger, der ehemalige Personalvorstand der Deutschen Telekom, hat von einer "sozialen Revolution bei der Zuteilung von Bildungschancen" noch nichts bemerkt. Er sagt vielmehr: "Dass in Deutschland sozialer Aufstieg allein durch individuelle Anstrengung möglich ist, ist eine Lüge."

Zu viele Abiturienten sind ein Problem

Hinzu kommt: Wenn mehr Menschen Abitur machen, hat das nicht nur positive Folgen. Das Ansehen des Abiturzeugnisses sinkt dadurch nämlich. Dennoch wird die steigende Abiturquote als Erfolg in den Statistiken verbucht. Ungeachtet des Umstands, dass dann andere Faktoren wieder wichtiger werden. Nicht nur der Geldbeutel, sondern auch das Netzwerk der Eltern und der Habitus. Es wird wieder bedeutsamer, wie gut man sich kleiden kann, ob man Auslandsaufenthalte und schlecht bezahlte Praktika vorweisen –  nein, sich leisten kann. Diese geerbten Faktoren entscheiden dann letztlich über die Karriere und das "Arbeiterkind" wird bestenfalls Bürokaufmann mit Hochschulreife. Aktuell belegt das auch der neueste Berufsbildungsbericht. Dort heißt es, dass "Abitur sogar in Berufen vorausgesetzt wird, die früher noch mit einem Haupt- oder Realschulabschluss möglich waren. Fast zwei von drei offenen Azubi-Stellen bei der IHK-Lehrstellenbörse sind für Jugendliche mit niedriger Schulbildung verschlossen."

Die Abiturquote ist kein ausreichender Indikator für Chancengerechtigkeit. Mir geht es in meinem Buch vor allem darum, inwieweit sich eine Durchlässigkeit im Bildungssystem – gäbe es sie wirklich – letztlich auch auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft niederschlägt. Meine Antwort: noch immer kaum. "Ständegesellschaft 2.0" nannte das Alex Rühle im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

Diskutieren Sie mit!

Herr Füller, was mich an Ihrem Artikel aber am meisten ärgert, ist, dass Sie die Arbeit von Mentorenprogrammen wie Arbeiterkind.de, Teach First, Rock Your Life! und die eines Talentförderers wie Suat Yilmaz, einem Talentförderer an der Hochschule Gelsenkirchen, infrage stellen. Fahren sie mit Yilmaz durch den Ruhrpott, nach Gelsenkirchen-Ückendorf oder in die Dortmunder Nordstadt! Yilmaz Stellenprofil gibt es nur deswegen, weil unser Bildungssystem zuvor oftmals versagt. Er versucht, Menschen aus den Schulen herauszufischen, denen trotz Begabung gesagt wird, "Studium ist nichts für Euch" – nicht nur von Lehrern, sondern vor allem von den eigenen Eltern und den Mitarbeitern der Agentur für Arbeit. "Bildungsrassismus" nennt das übrigens Rühle. 

Kurzum, Herr Füller, Sie haben eine gewaltige Nebelkerze aufsteigen lassen, und letztlich ist Ihr Text lediglich Theorie, die Praxis sieht anders aus – leider.

Heute ab 16 Uhr stellt sich Marco Maurer den Fragen der Leserinnen und Leser. Wie kann ein gerechteres Bildungssystem aussehen? Wie müsste sich die Arbeitswelt verändern, damit nicht der in jungen Jahren erworbene Schulabschluss über ganze Lebensläufe entscheidet und ist eine hohe Abiturientenquote wirklich ein Problem oder kann sie nicht auch ein Vorteil sein? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Fragen und Meinung in den Kommentarbereich unter dem Artikel!