ZEIT ONLINE: Frau Joeres, Sie sagen, wenn Sie nicht nach Frankreich ausgewandert wären, hätten Sie in Deutschland keine zwei Kinder bekommen. Warum?

Annika Joeres: Weil in Deutschland der Druck für Mütter so groß ist. In Deutschland wird oft noch erwartet, dass sich Frauen für ihre Kinder aufgeben. In Frankreich sind die Familien entspannter. Hier ist Kindererziehung auch Sache des Staates.

ZEIT ONLINE: Wer als Mutter berufstätig ist, hat doch auch in Deutschland noch ein anderes Leben neben der Familie.

Joeres: Aber die meisten Frauen reiben sich zwischen Beruf und Familie auf. Nur die wenigsten kommen noch dazu, ihre Hobbys und Freundschaften zu pflegen. Das Betreuungssystem ist nicht flächendeckend ausgebaut, die Kitaöffnungszeiten entsprechen häufig nicht den Arbeitszeiten, die Eltern abdecken müssen. Meist müssen Mütter eine Odyssee hinter sich bringen, um einen Betreuungsplatz zu finden. Sie erfahren erst im letzten Moment, ob es klappt – damit sind sie für den Arbeitgeber nicht verlässlich planbar. Viele erleben im Job ein Downgrading nach der Elternzeit, andere bekommen keine interessanten Projekte mehr, wenn sie Teilzeit arbeiten. Frauen sind auf halben Stellen dann finanziell stark abhängig von ihrem Partner. Und dazu kommt noch der Anspruch, dass eine Mutter letztlich 24 Stunden am Tag um ihre Kinder kreisen muss.

ZEIT ONLINE: Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wieso französische Eltern gelassener durchs Leben gehen können und sagen, dass Deutschland von seinem Nachbarland lernen kann?

Joeres: Zum einen gibt es die 35-Stunden-Woche. Das sind fünf Stunden weniger als in Deutschland. Und Zeit ist für Familien eine kostbare Währung. Zum anderen hat Frankreich eine flächendeckende Kinderbetreuung. Plätze für unter Dreijährige gibt es bis auf wenige Regionen einfach und ausreichend, entweder in einer Kita oder bei einer Tagesmutter, die dafür anständig bezahlt wird. Und nur einkommensstarke Familien müssen geringfügig für die Betreuung der unter Dreijährigen zuzahlen. Ab drei Jahren gehen die Kinder in den kostenlosen Kindergarten, später besuchen sie die Ganztagsschule. In der Regel sind die Kinder von 7.30 Uhr bis 19 Uhr betreut. Und sie sind gut betreut. Denn in den Kitas arbeiten studierte Erzieherinnen, die wie Lehrer bezahlt werden. Dazu gibt es immer eine Kinderkrankenschwester. Die Franzosen vertrauen auf dieses System. Es gibt keine Debatten darüber, dass es für Kinder schädlich wäre, nicht von der eigenen Mutter betreut zu werden. Das alles führt dazu, dass die meisten Französinnen etwa ein halbes Jahr nach der Entbindung wieder im Job sind.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt kein Elterngeldjahr.

Joeres: Das stimmt, darum beneiden uns die Franzosen. Aber sie staunen darüber, dass Deutschland bei der Kinderbetreuung so rückschrittlich ist, dass viele Kitas am frühen Nachmittag schließen. Oder dass die Deutschen überhaupt so skeptisch darüber sind, wenn der Staat die Kindererziehung mitübernimmt. Die französischen Eltern haben alle selbst Kitas besucht oder waren bei einer Tagesmutter. Und es hat ihnen nicht geschadet.

ZEIT ONLINE: Die Deutschen sind aus historischen Gründen zu Recht skeptisch gegenüber staatlicher Kindererziehung.

Joeres: Aber Familie allein als Privatangelegenheit zu begreifen bei einem gleichzeitig schlecht ausgebauten Betreuungssystem und einer Familienpolitik, die auf eine hohe weibliche Erwerbsbeteiligung abzielt, führt letztlich dazu, dass sich die Frauen aufreiben. Ich finde, das sieht man schon, wenn man junge französische Mütter und junge deutsche Mütter rein optisch miteinander vergleicht.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Joeres: Die Französinnen haben einfach mehr Zeit für sich selbst. In Deutschland sind zwar die Babys herausgeputzt, aber man sieht den Frauen an, dass sie dafür alles andere vernachlässigen müssen. Viele Mütter in Deutschland geben ja ihr altes Leben auf. Weil sich alles um das Kind dreht, haben sie keine Zeit mehr für Sport, für Hobbys, für Freunde. In Deutschland wird ein regelrechter Mutterkult betrieben.

ZEIT ONLINE: Sie reden von Helikopter-Eltern?

Joeres: Das sind Mütter, die wie Helikopter über ihren Kindern kreisen, den Job und oft auch sich selbst aufgeben. In Deutschland sind die Erwartungen an die Eltern sehr groß. Das geht ja schon in der Kita los. Vielfach müssen die Eltern ja sogar noch das Essen für die ganze Gruppe kochen. Sie sind ständig gefragt. Da gibt es das Sommerfest, das Herbstfest, die Weihnachtsfeier, den Bastelnachmittag. Da sitzen dann zehn gut ausgebildete Frauen, die alle im Job reduziert haben oder aussetzen, um einen Tisch herum. Statt als Juristin, Ärztin oder Ingenieurin zu arbeiten, basteln sie lieber Fensterdekorationen für Kleinkinder, während die Kinder selbst lieber in der Kuschelecke spielen. In Frankreich erwarten die Kitas wenig mehr als dass das Kind pünktlich abgeholt wird. Weihnachten haben wir auch gefeiert – an einem Freitagabend. Die Kekse hatte die Köchin gebacken. 

ZEIT ONLINE: Eine israelische Studie hat kürzlich das Phänomen untersucht, wenn Frauen ihre Mutterschaft bereuen. Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Mutterideal in einem Land und der Einstellung der Frauen zu Kindern.

Joeres: Das glaube ich gern. Eine vergleichbare Studie für Frankreich ist mir nicht bekannt, auch wurde hier die israelische Studie kaum diskutiert. Das mediale Aufsehen dieser Untersuchung hat in Deutschland ganz bestimmt mit der überhöhten Mutterrolle zu tun. Mütter in Deutschland können letztlich nichts richtig, aber alles falsch machen. Das aktuelle Ideal treibt den Perfektionszwang doch auf die Spitze. Frauen haben das Gefühl, schon die Allerkleinsten fördern zu müssen – so, als hänge die gesamte Zukunft ihres Nachwuchses von ihrem Engagement ab. Dabei werden die Kinder in Deutschland mit all den Pekip,- Englisch- und Violinenkursen später auch nicht häufiger zu Mozarts oder Schopenhauers als in Frankreich.

Studien zeigen: Je höher das Mutterideal ist, desto geringer ist auch die Geburtenrate. Da, wo die Mutterrolle entspannt gesehen wird, steigt auch die Geburtenrate. Nicht umsonst ist die Rate in Frankreich am höchsten in der EU. Wenn man äußern darf, dass Mutterschaft nicht nur die reinste Freude, sondern auch furchtbar anstrengend sein kann, schafft das Entlastung. In Deutschland wird das häufig gleich mit mangelnder Mutterliebe oder Ablehnung des Kindes gleichgesetzt. Das ist ein Tabu, gerade für Frauen. Ich denke, dass man in Ländern mit einem sehr hohen Anspruch mehr Frauen finden wird, die ihre Mutterschaft letztlich bereuen – auch wenn sie ihre Kinder lieben.