ZEIT ONLINE: Herr Weidner, Sie sagen, wer beruflich vorankommen will, braucht Biss. Nur nett sein schade der Karriere. Warum muss die Arbeitswelt so aggressiv sein?

Jens Weidner: In der Arbeitswelt gilt der Grundsatz: Geschlossenheit nach innen, Kampfbereitschaft nach außen – und das auf zwei Ebenen. Intern sind Teams gemeint, Chefs und Kollegen, mit denen halbwegs fair Vereinbarungen ausgehandelt werden. Wenn jemand aber feststellt, übervorteilt zu werden, kommt Aggression ins Spiel. Dasselbe Verhalten praktizieren Unternehmen gegenüber Wettbewerbern. Positive Aggression wird dieses Verhalten genannt, wenn Aggressivität dazu dient, die eigenen Stärke zu demonstrieren.

ZEIT ONLINE: Was ist damit gemeint?

Weidner: Man kämpft hart für die eigenen Interessen und die des Unternehmens, strebt aber keine Vernichtung an. Demütigt andere nicht. Zollt ihnen Respekt. Vergisst nicht, wer einem in schweren Zeiten geholfen hat. Man achtet sogar Fairness und Seriosität. Aber man kämpft auch für die Sache. Das passende Verhältnis im Verhalten ist dabei 80 Prozent Gutmensch und 20 Prozent Mephisto.

ZEIT ONLINE: Das ist die Theorie. Und wie ist es in der Praxis: Sind deutsche Manager eher Wölfe oder Schafe?

Weidner: Weder noch, sondern hochqualifiziert, extrem fleißig und im Mittelstand überdurchschnittlich fair und erfolgreich. Global legen die Deutschen eine große Eroberungsbereitschaft an den Tag. Sie haben große Lust auf mehr. Man könnte auch sagen, es treibt sie die Gier. Ohne die gelingt es ihnen aber nicht, immer mehr und mehr zu leisten.

ZEIT ONLINE: Und dasselbe von den Mitarbeitern abzuverlangen.

Weidner: Ja, aber in abgestufter Form. Die Mitglieder eines Projektteams haben in Intervallen bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Wenn Chefs in diesen Phasen Druck aufbauen, macht das keinen Sinn. Deren Verhalten wirkt dann cholerisch und demotivierend. Aggression macht immer nur punktuell dosiert Sinn und ist meist ein symbolisches Signal, das warnt: Achtung, jetzt ist ein Punkt erreicht, der zu einem schweren Konflikt führt. Jetzt besteht noch die Chance umzudrehen, wer weitergeht, provoziert die Eskalation.

ZEIT ONLINE: Was, wenn Chefs noch weiter Druck machen?

Weidner: Eine mangelnde Führungskultur, die nicht Rücksicht nimmt und nur aggressiv reagiert, führt immer zu einer hohen Fluktuation und hohem Krankenstand. Wichtig ist, Wertschätzung und Erfolg immer als Teamleistung zu verkaufen. Intern und extern. Anerkennung und Lob geben, aber bitte vor versammelter Mannschaft. Und schimpfen – heute sagen wir modern Feedback dazu – immer unter vier Augen. Das bringt gleich zwei Vorteile: Das Gegenüber wird nicht öffentlich demontiert und auch nicht rachsüchtig. Nur Menschen, die öffentlich gedemütigt wurden, reagieren aus Rache.

ZEIT ONLINE: In letzter Konsequenz werden so unter Druck gesetzte Mitarbeiter wohl gehen.

Weidner: Aggressives Treiben macht kein Mitarbeiter auf Dauer mit. Vor allem nicht in einer florierenden Wirtschaft. Wer schlecht behandelt wird, schaut sich nach Alternativen um. 

ZEIT ONLINE: Es heißt, die Generation der Berufsanfänger sei weicher. Machen die Softies die Arbeitswelt menschlicher?

Weidner: Die Generation Y hat bislang weniger Verantwortung als ihre Vorgänger, die zahlenmäßig noch dominieren. Je mehr Verantwortung sie aber bekommen, umso häufiger werden sie in Dispute hineingezogen. Und die sind nicht alle im Konsens ausdiskutierbar. Um Entscheidungen können sie sich nicht drücken, deshalb werden sie sich Neigungen zulegen müssen, wie es die Älteren seit Jahrzehnten praktiziert.

ZEIT ONLINE: Sie gehen davon aus, dass die Arbeitswelt nicht weniger aggressiv wird?

Weidner: Im Endeffekt nicht. Wenn die Jüngeren mal das Sagen haben, werden auch sie sich um das Gute und Feine im Unternehmen kümmern. An ihrer Seite haben Entscheider in der Regel Leutnants, so nenne ich Leute, die Unangenehmes für sie machen. Kündigungsgespräche zum Beispiel delegieren sie an solche hilfreichen Handlanger.

ZEIT ONLINE: Aber was ist, wenn eine Situation eskaliert, muss ein Chef da nicht selbst eingreifen?

Weidner: Das passiert in den allerwenigsten Fällen. Wenn das Gegenüber weiß, dass sein Konkurrent auch kritisch, streng, böse werden kann, reicht das schon als Drohung aus. Dieses Phänomen nennt man das Machtparadoxon. Darum halten sich auch häufig despotische Chefs über sehr lange Zeit, auch wenn sie eigentlich unbeliebt sind.