"Investieren Sie rechtzeitig in sich." © Andreas Rentz/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Dr. Lotzmann, für die Generation der Älteren kursieren viele Begriffe, etwa Silver Worker oder Best Ager. Das klingt freundlich. Trotzdem gehört man ja im Job irgendwann zum alten Eisen, oder nicht?

Natalie Lotzmann: Grundsätzlich hängt es nicht vom Alter ab, wie leistungsfähig jemand im Beruf ist. Die geistige Leistungsfähigkeit kann, gute körperliche und seelische Verfassung vorausgesetzt, bis ins hohe Lebensalter vollständig erhalten bleiben.

ZEIT ONLINE: Warum wird Älterwerden dann als Makel begriffen – auch von vielen Arbeitgebern?

Lotzmann: Werbung und Medien haben ganze Arbeit geleistet, dass wir Attraktivität und Leistungskraft ausschließlich mit Jugend verbinden. Mit der sichtbaren Agilität und Fitness der Ex-Hippiegeneration, die mit 60 Jahren oft noch eine zweite oder dritte Karriere starten, verändert sich dieses Bild langsam. In den Hochtechnologiebranchen, die sich am schnellsten wandeln, sind jedoch Mitarbeiter, die mit dem neuesten Wissen frisch aus der Ausbildung kommen, tatsächlich zunächst im Vorteil. Die Halbwertzeit von Wissen etwa in der IT-Branche liegt derzeit bei anderthalb Jahren. 

ZEIT ONLINE: Und von Technologie werden immer mehr Branchen durchdrungen. Können wir angesichts solch rasanten Wandels noch alt werden in unseren Jobs?

Lotzmann: In der Wissensarbeit ist es entscheidend, möglichst frühzeitig Kompetenzen zu erwerben, die es ermöglichen, mit der Zeit zu gehen, dabei aber gesund und geistig leistungsfähig zu bleiben. Unabdingbar ist, sich seine Neugier zu bewahren und sich durch neue Technologien nicht abschrecken zu lassen. Und man muss frühzeitig begreifen, dass man in sich selbst investieren muss.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.  

Lotzmann: Arbeitnehmer im mittleren oder höheren Alter denken oft, dass es mit dem Lernen irgendwann mal gut ist. Aber heute ändern sich Berufsbilder und Anforderungen ständig. Um langfristig im Job bestehen zu können, sollte man offen für den Wandel sein. Das viel beschworene lebenslange Lernen ist eine Fähigkeit, die man üben muss.

ZEIT ONLINE: Wie entsteht eine Unternehmenskultur, die dazu ermutigt?

Lotzmann: Das ist eine zentrale Managementaufgabe. Führungskräfte sind für die Gesundheit der Mitarbeiter wichtiger als der Hausarzt. Das wird oft unterschätzt. Beim Thema individuelle Gesundheit wird in Unternehmen immer noch eher an eine Grippe oder einen Bandscheibenvorfall gedacht. Dabei hat der Krankenstand vielmehr damit zu tun, wie sich Menschen fühlen. Das ist übrigens keine Frage des Alters. Nur wer sich wohl fühlt, gibt sein Bestes.

ZEIT ONLINE: Gesundheitsmanagement ist also Führungsaufgabe. Nun sind viele Vorgesetzte aber eher schlechte Vorbilder für eine gute Work-Life-Balance.

Lotzmann: Bei SAP beobachten wir einen anderen Trend. Viele Manager erkennen gerade den Wertewandel bei der nachfolgenden Generation. Nicht mehr Karriere um jeden Preis, auch das Ausleben von Hobbys, die Präsenz in der Familie werden wichtig. Führungskräfte, die sich um ihre eigene Gesundheit und Lebensbalance kümmern, und die eine ausgewogene Arbeits- und Lebenszeit ihrer Mitarbeiter unterstützen, haben produktivere Teams mit geringerem Krankenstand. Diese Erkenntnis setzt sich durch.