Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt umfassend. Immer mehr übernehmen Maschinen, Computer und Roboter Arbeiten, die bisher von Menschen verrichtet wurden. Industrie 4.0. wird das genannt.

Doch so neu sind diese Veränderungen gar nicht. Schon lange vor dem Internet wurde über die Zukunft der Arbeit und der Arbeiter gesprochen. Die Computerisierung der Industriearbeiter kündigte sich bereits in den achtziger Jahren an und wurde damals besonders kritisch aus Sicht der Arbeitnehmer diskutiert. In der kommunistischen italienischen Tageszeitung il manifesto erschien 1986 unter dem Pseudonym "Inox" ein Kommentar über die Fabrikarbeit, der auch heute unter einem Artikel über die Digitalisierung in der Arbeitswelt stehen könnte: "Die Einführung der Informatik", so der Verfasser, "hat zu einer Veränderung der Produktionsmethoden geführt, die man folgendermaßen zusammenfassen kann: Die direkte Bearbeitung des Produkts wird immer selbstständiger von der Maschine verrichtet, die am Werkstoff die Operationen durchführt; dem Arbeiter bleiben nur noch die Aufgaben der Zuführung der Werkstoffe, der Einrichtung, der Kontrolle und Wartung, seien sie nun einfach oder komplex." Die Konsequenzen einer solchen Prozessarbeit für das Selbstverständnis des Arbeiters wären enorm, schreibt der Autor: "Die Arbeitstätigkeit wird gleichgültig gegenüber dem zu bearbeitenden Gegenstand. Es ist nicht mehr notwendig, Arbeitsmaterial und Arbeitsinstrumente zu kennen, sie wird nur noch bestimmt durch die Kontroll- und Prozesssteuerungssysteme."

Tatsächlich sind viele Arbeiter in Fabriken heute schon genau das – Prozessarbeiter und dieser Trend wird durch die Industrie 4.0 verstärkt. Sie sind im Gegensatz zum traditionellen Fabrikarbeiter natürlich viel qualifizierter, sie werden künftig auch eine stärkere Verhandlungsmacht im Unternehmen haben, da ihr Einfluss auf den Produktionsprozess steigt. Allerdings sind Arbeiter gleichzeitig viel austauschbarer geworden, da sich die Steuerungssysteme und Algorithmen in allen Industrien angleichen.

Es ist davon auszugehen, dass Arbeiter künftig wie die anderen Funktionen im Unternehmen eine introvertierte Rolle einnehmen. Ihre Aufgaben und Tätigkeiten werden dann wie die des Managements und selbst des nach außen gerichteten Marketings über elektronische Schnittstellen abgehandelt: So wie der Prozessarbeiter mit Algorithmen die Produktion steuert, wird der Marketingfachmann mit Algorithmen Zielgruppen und Communitys analysieren und mit dem Unternehmen vernetzen. Der Manager wird noch weniger als heute direkt und Kraft seines Charismas Mitarbeitern anleiten, sondern wird über soziale Medien diese zur Mitarbeit an kritischen Themen motivieren und bündeln. Die Funktionen im Unternehmen, so könnte man prognostizieren, nähern sich immer mehr einander an. Manager und Arbeiter versuchen über das Netz, Komponenten, Kunden und Mitarbeiter zu identifizieren, verbinden und zu optimieren. "Mit dem Prozessarbeiter" so schrieb Inox 1986, "kann der Begriff der Industriegesellschaft selbst verschwinden oder sinnlos werden."

Erstaunlich an den frühen Betrachtungen zur Digitalisierung war, dass sich die damaligen Kommentatoren auch Gedanken darüber machten, ob eine solche geänderte Aufgabenstellung erfüllend sein und eine neue zivilisatorische Errungenschaft darstellen würde. Immerhin können ja nun unliebsame Tätigkeiten der Maschine übergeben und der Arbeiter "requalifiziert" werden. Dies sei ja ein Fortschritt, da man zuvor befürchten musste, dass er im Rahmen seiner Fließbandtätigkeit in niedere, stumpfsinnige und schädliche Tätigkeiten abgedrängt würde. 

Berufliche Selbstverwirklichung nach Feierabend

Der Sozialwissenschaftler André Gorz  erkannte 1989 bei seiner Analyse scharfsichtig, dass eine Arbeit, deren Wirkung und Ziel darin liegt, "(…) Arbeit und Zeit zu sparen, als wesentliche Quelle von Identität (…) nicht gleichzeitig Arbeit glorifizieren kann." Mit anderen Worten: Auch die Prozessarbeit muss nicht zu einer besseren Entfaltung des Individuums führen. Von dem, was der Prozessarbeiter den ganzen Tag verrichtet hat, bleibt ihm kein sichtbares oder materielles Ergebnis. "Er hat nichts vollbracht. Aber dieses Nichts hat ihn erschöpft und ausgelaugt." Die Arbeit bleibt diskontinuierlich: Augenblicke intensiver Aktivität wechseln ab mit Ruheperioden, Routinetätigkeit und Langeweile. Ähnlich wie heute – Stichwort: gute Arbeit – kam Gorz aber zu dem Schluss, dass diese Entwicklung keinesfalls ein Rückschritt sei. Im Gegenteil, sie sei Teil einer sich langsam realisierenden gesellschaftlichen Utopie, in der Individuen ihre Persönlichkeitsentfaltung besser und intensiver betreiben können als heute. Hat man denn jemals lächelnde Menschen an einem Fließband gesehen? Befreit von der Plackerei könnte jeder Arbeiter nun seine Persönlichkeit besser entfalten als jemals zuvor. Jedoch erfolgt diese Verwirklichung für viele nicht in der eigentlichen Arbeit in der Fabrik, sondern im Privaten. 

In den neunziger Jahren begannen etwa angestellte Programmierer sich nach Feierabend über Plattformen zu organisieren und in Eigenregie Software zu entwickeln, die wir heute alle verwenden (Mozilla, Linux etc.). Sie verlangten für diese Tätigkeit kein Geld. Die "Entlohnung" war die Verwirklichung von Ideen, die sich bei ihren Arbeitgebern nicht realisieren ließen und für die sie von ihren Chefs keine Wertschätzung erhielten.

Auch die Arbeit an physischen Produkten nicht aussterben, sondern erfährt im digitalen Zeitalter eine neue Organisationsform. Der Zugang zu Bauplänen, zu öffentlichen Produktionsstätten, die Verwendung von Desktops zum Design und 3D-Druckern zur Produktion von Artefakten ermöglicht einer bunten "Makerszene" einen breiteren Zugang zu Designmöglichkeiten als jemals zuvor in der Geschichte. Der "Maker" kann sich dann entscheiden, ob er sein Design selbst ausdruckt, oder ob er es an eine Fabrik zur Herstellung sendet. Letztes Jahr rief der amerikanische Präsident Barack Obama zu einer "Maker Week" auf. Die USA sollen wieder eine Nation von Machern werden. Über tausend öffentliche zugängliche "Maker Labs" sollen an den Schulen eingerichtet werden. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der herkömmliche Werkunterricht an den Schulen solchen Möglichkeiten zum Design von neuen Produkten weichen wird.

Für sich allein genommen führt die Digitalisierung in den Fabriken also "nur" zu Befreiung von stumpfsinniger Arbeit. Dies kann aber durchaus der Startschuss einer zivilisatorischen Weiterentwicklung sein: Arbeitnehmer können ihre befreiten Energie und Zeit außerhalb dieser Tätigkeiten einbringen und Produkte entwickeln oder einfach nur das lernen und tun, was sie interessiert und sich dabei mit anderen Gleichgesinnten vernetzten.

Der Weg zu dieser Entfaltung, neuen Organisation und Deutung von Arbeit ist nicht einfach für den einzelnen und die Gesellschaft. Schließlich haben wir uns in den letzten Jahrzehnten darauf fokussiert, die Arbeit der Menschen immer mehr der Funktionsweise der Maschinen anzugleichen und nun wundern wir uns, dass Maschinen in vielen Bereichen besser sind als wir. Die Rückeroberung der Möglichkeiten zur Entfaltung unserer kognitiven Fähigkeiten, Interessen, Ideen und Talenten ist nun einfacher als jemals zuvor.