Die Erkenntnis, dass wir alle miteinander in unseren Gesprächen häufiger lügen, als wir denken oder wahrhaben wollen, kann nicht nur entspannen. Sie kann noch mehr. Seien wir ehrlich: Dass wir uns angesichts derart vieler eigener und fremder Lügen einfach locker machen sollen, könnte schwerfallen, denn unser Gewissen, der sogenannte Mann im Ohr, der moralische Zensor ist hartnäckig.

In fast jeder Situation unseres beruflichen und privaten Alltags kommunizieren wir. Genauer zu verstehen, wann exakt und warum Menschen lügen, ist also hilfreich.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch von Jens Schadendorf und Christoph Lütge. © PR: Redline-Verlag

Es gibt etwa die "selbstsüchtigen schwarzen Lügen", wie sie die moderne Forschung nennt, in denen ein Lügner auf Kosten anderer betrügt. Der illegale Download von Musik ist dafür ein Beispiel. Millionen von Internetnutzern sind bereit, laufend zu betrügen, und das, obwohl der Wert ihres Betrugs im Einzelfall, also je Musiktitel, mittlerweile unter einem Euro liegt. Wenn das viele machen – und es machen viele –, dann erschüttert es die Grundfesten einer ganzen Industrie und verändert sie. Mit unabsehbaren Folgen, welche die "selbstsüchtig schwarz Lügenden" jedoch nicht wirklich interessieren.

"Selbstsüchtige schwarze Lügen" können auch überschaubarere Wirkungen haben: Die möglicherweise mit ein paar gezielt gestreuten Unwahrheiten über die Konkurrentin "erkaufte" Beförderung ist dafür ein Beispiel. Und dies selbst dann, wenn wir – wie es so oft geschieht – der ehemaligen Rivalin ein zweites Mal im Leben begegnen, etwa wenn sie nun unsere Chefin wird.

Die moderne Forschung zeigt aber auch, dass es uns – zumindest bei mehr oder weniger bewussten Lügen – nicht nur interessiert, was wir durch sie gewinnen. Wir sorgen uns auch darum, was unsere Unwahrheit, unser Betrug bei anderen an Negativem anrichten könnte.

Wir alle kennen diese Situationen, in denen wir überzeugt sind, unser Gesprächspartner könnte die Wahrheit missverstehen oder missbrauchen. Wenn wir dann lügen, hat das einen "paternalistischen Beigeschmack", wie es die Wissenschaftler Sanjiv Erat und Uri Gneezy von der University of California in San Diego ausdrücken. In möglicherweise bester Absicht entscheidet der über die Wahrheit Informierte, was der andere wissen soll oder darf. Das Verhalten von Regierungen ist so zu verstehen. Oder das Schweigen des obersten Bosses eines Unternehmens, das gerade verkauft wird oder das ein anderes Unternehmen übernehmen will.

Für die Gespräche, die eine Führungskraft mit ihren Mitarbeitern führt, gilt das Gleiche. Sollen Sie dem Mitarbeiter eine offene Rückmeldung zu seiner armseligen Leistung bei einer Präsentation oder gar im gesamten abgelaufenen Jahr geben? Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Was wird das beim Mitarbeiter anrichten mit Blick auf die zukünftigen Leistungen? Oder soll der Arzt seiner Patientin von den Placebos berichten, die er ihr gibt und die immer so gut helfen?

Denker wie Augustinus oder Immanuel Kant sind da harsch: Immer die Wahrheit sagen, alles andere ist Sünde und unmoralisch! Martin Luther sieht das schon differenzierter, indem er von Lügen aus Notwendigkeit spricht, von "nützlichen" oder "helfenden Lügen".

Solche Lügen, bei denen zum Nutzen anderer die Unwahrheit erzählt wird, nennen Forscher wie Erat und Gneezy "weiße Lügen". Es sind Lügen, die anderen nicht schaden sollen wie beim illegalen Musik-Download oder bei der erkauften Beförderung, sondern die helfen sollen.

Wie es aussieht, sind wir Menschen da besser, als viele denken mögen, belegen Erat und Gneezy. Viele von uns sind bereit, altruistisch weiß zu lügen. Sie sind bereit, sich mit dem Erzählen einer Lüge selbst ein wenig zu schaden, während diese Lüge einem anderen zugleich viel nützt. Unseren Kindern sagen wir häufig bewusst nicht die Wahrheit, obwohl unser moralischer Zensor etwas anderes verlangt und wir wissen, dass die Wahrheit später herauskommen wird. Und das gilt nicht nur für den Weihnachtsmann. Eltern erzählen ihren Kindern auch, dass die unbedingt ihre Schulaufgaben machen müssen. Dabei verschweigen sie meist, dass sie es nur allzu häufig selbst nicht getan haben und dass trotzdem etwas aus ihnen geworden ist. Der Preis der Lüge ist das Risiko des späteren Vertrauensverlustes der Kinder.

Wenn ein Chef seinem Mitarbeiter nichts von der herben Kritik der Geschäftsführung an ihm erzählt, obwohl sich das die Geschäftsführung von dem Chef gewünscht hat, ist das ebenfalls so zu verstehen. Indem der Chef dem Wunsch des Geschäftsführers  nicht nachkommt, läuft er Gefahr, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu verspielen. Das Gleiche gilt für den Freund, der seinem besten Kumpel vorenthält, dass er dessen Partnerin bei einem Seitensprung ertappt hat. Er weiß, dass sein Schweigen die Freundschaft zum besten Kumpel später bedrohen könnte. Um des Freundes willen aber – und mit den besten Wünschen für ihn und dessen Beziehung – sagt er nichts und riskiert so auch die Freundschaft.

Wir lügen also, schaden uns selbst ein wenig und helfen damit anderen. Diese Erkenntnis ist umso erstaunlicher, weil sie eher unserem typischen Lügenverhalten entspricht als eine zweite Form "weißer Lügen". Hier sagen wir die Unwahrheit, helfen damit anderen und profitieren zugleich selbst. In dieser zweiten Form der "weißen Lüge" wären also beide Gesprächspartner Gewinner – und trotzdem lügen wir "altruistisch weiß" offenbar lieber. Irgendwie überraschend.