ZEIT ONLINE: Medizinern zufolge ist ein Kurzschlaf am Tag gesund. Was sind die Vorteile, Herr Walter?

Utz Niklas Walter: Viele kennen das Mittagstief, das in der Forschung auch als postprandiales Mittagstief bezeichnet wird. Es ist weniger, wie viele denken, auf das Mittagessen zurückzuführen, sondern vielmehr auf unseren chronobiologischen Rhythmus. Folgen wir diesem Rhythmus und gönnen uns zu dieser Zeit eine Schlafpause, kann das günstige Auswirkungen haben. Besonders gesichert sind positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die Grundgestimmtheit.

Eine 2007 von griechischen Forschern veröffentlichte Studie kommt zudem zu dem Ergebnis, dass mittägliche Schlafpausen die Sterblichkeitsrate aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen minimieren können. Für eine allgemeingültige Schlussfolgerung ist die Studienlage aber noch zu dünn.

ZEIT ONLINE: Die Experten scheinen sich aber nicht einig darüber zu sein, wie lange ein Nickerchen sein sollte. Einige Studien behaupten, der Kurzschlaf sollte auf keinen Fall länger als 30 Minuten dauern. Andere Untersuchungen meinen zu belegen, dass der Schlaf gut eine Stunde dauern muss, damit überhaupt eine Wirkung erzielt wird. Was stimmt denn nun?

Walter: Ich kenne nur wenige Gesundheitsthemen, zu denen es so viele widersprüchliche Empfehlungen gibt. Fakt ist: Eine allgemeine Aussage, wie lange die Dauer einer Schlafpause sein sollte, lässt sich nicht treffen. Viele Faktoren beeinflussen das individuelle Schlafbedürfnis – zum Beispiel das Alter, die Jahreszeit oder die Qualität des Nachtschlafs. Wer nachts schlecht schläft, ist im Tagesverlauf natürlich müder.

Bei Empfehlungen zum Kurzschlaf vergessen viele auch, dass die Einschlafzeit von Person zu Person stark variiert. Daher finden die meisten Studien hierzu auch in Schlaflaboren statt. Mit einem EEG kann der Eintritt in das erste Leichtschlafstadium ermittelt werden. Und nur so kann überhaupt eine verlässliche Aussage darüber getroffen werden, wie lange eine Schlafpause sein sollte, um die Leistung zu fördern. 

ZEIT ONLINE: Was ist Ihre Meinung?

Walter: Fünf Minuten Kurzschlaf sind – vom Zeitpunkt des tatsächlichen Einschlafens an – laut Studien offenbar zu wenig. Die verlässlichsten Untersuchungen geben eine Dauer von fünf bis 15 Minuten an. Dann sind unmittelbare Leistungsverbesserungen am wahrscheinlichsten. Diese können sogar mehrere Stunden andauern. In der Arbeitswelt also möglicherweise bis zum Feierabend.

Wer länger als 15 Minuten ab dem Zeitpunkt des tatsächlichen Einschlafens schläft, kann aber auch das Gegenteil erleben. Denn wenn man das erste Tiefschlafstadium erreicht und daraus erwacht, tritt oft Schlaftrunkenheit auf. Aufgrund dieser kurzzeitigen Verwirrtheit ist zunächst keine kognitive Leistungsverbesserung zu erwarten. Dann empfiehlt es sich eher, so lange zu schlafen, bis man von alleine aufwacht. Das jedoch ist in der Arbeitswelt kaum realisierbar.

ZEIT ONLINE: Was können Unternehmen konkret tun, um ihre Beschäftigten beim Thema Schlaf zu unterstützen?

Walter: Grundsätzlich sehe ich hier zwei Handlungsfelder: Zum einen können Arbeitgeber  freiwillige Beratungen zur Verbesserung des Nachtschlafs anbieten. Das ist besonders wichtig für Menschen, die Nacht- und Schichtarbeit verrichten. Zum anderen können Unternehmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit für Schlafpausen bieten, indem sie Rückzugsräume einrichten und betriebliche Regelungen zur Nutzung dieser Räume schaffen.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird das Schlafen während des Arbeitstages aber noch immer als Schwäche angesehen. Diesem Akzeptanzproblem begegnen wir als Institut unter anderem mit Informationskampagnen in Unternehmen, in denen wir die Vorteile für Arbeitgeber und Mitarbeiter aufzeigen. Denn es geht hier weder um "Faulenzen" noch um "Ausbeutung des Einzelnen".

ZEIT ONLINE: Worauf sollten Arbeitgeber achten, wenn sie einen Ruheraum mit Schlafmöglichkeiten anbieten möchten?

Walter: Die Räume sollten möglichst zentral, aber dennoch ruhig liegen, über ein ansprechendes Ambiente und eine angenehme Raumluft verfügen. Außerdem müssen hohe Hygienestandards erfüllt sein – beispielsweise Decken und Kissen regelmäßig gereinigt werden. Es sollte Augenbinden und Ohrstöpsel geben. Zudem sind klare Verhaltensregeln und schalldämmende Trennwände als Sichtschutz für die Diskretion wichtig.

Auch empfehle ich eine Art Branding der Räumlichkeiten, das natürlich zum Unternehmen passen sollte. Wenn man den Ruheraum als "Energietankstelle" oder "Vitalzone" bezeichnet, dann werden positivere Assoziationen geweckt. Die Bezeichnung "Schlafraum" wird eher auf Ablehnung stoßen, weil Mitarbeiter nicht in den Verdacht geraten wollen, Leistungsverweigerer zu sein. Aber wer das Angebot zum Schlafen nutzt, ist nicht faul – er ist in der Regel nach der Pause leistungsfähiger als die Kollegen, die sich mit Kaffee hochputschen.

Wir entwickeln mit Unternehmen und Mitarbeitervertretungen gerade spannende Projekte, die auch eine fortlaufende Evaluation vorsehen, wodurch die Akzeptanz kontinuierlich gefördert werden kann.

ZEIT ONLINE: Viele Arbeitgeber stehen Ruheräumen mit Schlafmöglichkeiten skeptisch gegenüber. Welche Alternativen für eine effektive Arbeitspause gibt es noch?

Walter: Schlafpausen sind schon die natürlichste Form, um dem Leistungstief am Nachmittag zu begegnen. Allerdings ist der Tagesschlaf nicht jedermanns Sache und in vielen Berufen zeitlich nicht immer möglich. In diesen Fällen ist Bewegung die beste Alternative – beispielsweise ein Spaziergang oder eine aktive Teambesprechung. Die Müdigkeit ausschließlich mit Koffein zu bekämpfen, ist weniger zu empfehlen. Und auch der wissenschaftliche Beweis, dass ein Stück dunkle Schokolade hilft –  wie ich kürzlich gelesen habe –, steht leider noch aus.

Rätselhafter Schlummer - Warum schlafen wir? Noch sind sich Forscher uneins, was den Schlaf auslöst. Der Biologe und Autor Peter Spork erzählt wie Theorien zum Schlaf sich im Laufe der Jahrtausende wandelten.