Macht das Netz mit seinen unzähligen Verbindungsmöglichkeiten das Zusammentreffen von Menschen zunehmend überflüssig? Nein, denn wer sich über das Netz gefunden hat, der trifft seine so gemachten Bekanntschaften oft auch physisch. Oft entstehen so auch nachhaltige Beziehungen, denn im Netz suchen und finden wir Gleichgesinnte. Der Abgleich von Motivation und Erwartung findet in der digitalen Welt statt, hier entscheidet sich meist auch schon, ob wir uns interessant finden. Solche so eingegangenen Verbindungen sind nicht mehr dem Zufallsprinzip unterworfen wie etwa der Geburtsort oder die Staatsangehörigkeit. Darin steckt eine große Chance, die Welt vielleicht gerechter zu machen.

Denn wer wir sind, was wir im Leben erreichen und mit wem wir leben, war bisher zumeist ein Produkt des Zufalls. Mithilfe eines einfachen kybernetischen Modells versuchte der Ökonom Eric D. Beinhocker etwa die Entstehung von Ökonomien nachzubilden und so schlussendlich die Frage zu beantworten, warum Ungleichheiten in allen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen eintreten. Mithilfe einfacher Variablen und Verbindungen konnte er nachweisen, dass die Möglichkeiten zu Akkumulation von Macht und Einfluss selbst in einem vereinfachten Modell von zwei wesentlichen Faktoren abhängen: der Geographie, die den Zugang zu Ressourcen und Kooperationen vereinfacht oder erschwert – und dem unkalkulierbaren Faktor Glück bzw. Zufall.

Das Internet minimiert nun diesen Zufallsfaktor. Menschen sind bei ihrer Suche nach Gleichgesinnten nicht mehr nur auf ihre unmittelbare Arbeits- und Lebensumgebung angewiesen. Diese Suche kann sogar auf einen globalen Rahmen ausgeweitet werden – mit der Möglichkeit, stabile persönliche Netzwerke aufzubauen.

Ging man bisher davon aus, dass ein Individuum eine maximale Obergrenze von etwa 150 sozialen Kontakten haben kann (Dunbar-Zahl), so verschiebt sich diese Grenze heute stark. Das öffnet die Chance, Kontakt zu knüpfen zu Personen- und Interessensgruppen, mit denen man bisher nur eine schwache oder gar keine Verbindung hatte und daher oft auf einen Informationsaustausch (und ökonomischen Chancen) verzichten musste. Und der Wunsch nach einem Zusammentreffen mit unseren Kooperationspartnern in der realen Welt scheint durchaus vorhanden. Er ist sozusagen evolutionär vorgegeben: Wir können nämlich nur schwer wirkliche Emotionen gegenüber abstrakten Institutionen entwickeln und das Internet mit seinen Möglichkeiten zur Verkleidung und Verwandlung ist notgedrungen immer abstrakt. Der Mensch hat die meiste Zeit seiner Entwicklungsgeschichte in kleinen Gruppen gelebt und kann deshalb nur in dieser Konstellation wirkliche Emotionen entwickeln.

Schon heute versammeln sich auf Plattformen Gleichgesinnte und tauschen Inhalte aus und schaffen etwas ganz Neues. Oft basiert die Zusammenarbeit auf freiwilliger Mitarbeit wie etwa bei Wikipedia oder der Open Software Linux. Die Zusammenarbeit erfolgt oft über Grenzen hinweg, sie ist einfach, bequem und kostengünstig möglich. Diese Projekte entstehen meist sozusagen auf der Flucht: Unzufriedene Mitarbeiter der traditionellen Unternehmen treffen sich im Netz und beginnen Projekte – oft unentgeltlich aus Spaß daran, etwas zu tun, das einen interessiert und mit Leuten, die ähnlich ticken wie man selbst. Doch dabei bleibt es nicht.

Fortschritt braucht Freiraum

Die Möglichkeiten realer Zusammenkünfte bzw. ihre Ausformung, welche als Fortsetzung digitaler Versammlungen und ihrer "sozialen Verträge" anzusehen sind, ist schier unendlich und reicht von kleinen und kurzfristigen Versammlungen (Hackathons) bis hin zu massenhaften, kurzfristigen Großveranstaltungen (beispielsweise der Occupy-Bewegung). Es existiert sogar die Vision zur Schaffung ganzer Länder und Städte die, gemäß dem Silicon-Valley-Beispiel, durch bewusste Migrationen entstehen könnten. Paypal-Gründer Peter Thiel beispielsweise hat schwimmende Städte für eine digitale Community gefordert. Dahinter steckt der Wunsch, eigene geografische Plätze zu schaffen, in denen sich virtuelle Beziehungen real verfestigen und Freiräume für gesellschaftliche und technologische Gegenentwürfe verwirklichen lassen.

Man kann den Eindruck gewinnen, als ob Individuen verstärkt versuchen, ihre durch Zufall oder Geburt zugewiesenen Biographien und Entwicklungspfade eigeninitiativer zu bestimmen. In Zukunft werden sich vielleicht in einer reverse diaspora Orte, Gruppen und Events bilden, die von Personen bevölkert werden, die entsprechende gleichartige, Interessen, Ideen und Motivationen aufweisen.

Positiv betrachtet könnte man annehmen, dass diese realen Manifestationen digitaler Beziehungen Freiräume brauchen, um zivilisatorischen Fortschritt im Sinne neuer Technologien und vor allem auch neuer Organisationsformen zu erproben. Fortschritt war ja immer die Aufgabe von Querdenkern und Außenseitern. Ob es nun der fast schon schurkische Unternehmer ist, den der Ökonom Joseph Schumpeter im Sinn hatte, als er diesen als Zerstörer des ökonomischen Gleichgewichts durch neue Kombinationen sah, oder der Student Rodion Raskolnikow Raskolnikow, der in Dostojewskis Roman Schuld und Sühne die moralisch bedenkliche Theorie von den "außergewöhnlichen" Menschen entwickelt, der im Sinne des allgemein-menschlichen Fortschritts natürliche Vorrechte und Freiheiten genießt: Fortschritt braucht offensichtlich Freiräume.

Dieser Fortschritt könnte dann wieder in die traditionellen Sphären zurückfließen. Ob und in welcher Form dies passieren kann und ob nicht die Machtstrukturen der realen Welt eingreifen werden und die Freiräume für sich instrumentalisieren, ist eine andere, aber zunehmend wichtige Frage.