Artikel, die unser kapitalistisches System kritisieren, häufen sich in letzter Zeit. Kürzlich etwa war ein Interview mit der Soziologin Cornelia Koppetsch im Magazin der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel "Freiheit ist kapitalistischer Mainstream" überschrieben. Da dachte ich zuerst: Das hoffe ich doch, schließlich ist freies Unternehmertum die Basis unserer sozialer Marktwirtschaft. Allerdings bezog sich der Titel auf die Forderung der Arbeitgeber an die Arbeitnehmer, eigenverantwortlich zu handeln.

Das ist eine vernünftige Idee – denn wohl die meisten Mitarbeiter sehen sich als mündige Bürger, die selbstständig denken und handeln können. In der Debatte um New Work tauchte bereits mehrfach der Begriff des Unternehmensbürgers auf: Es gibt mehr und mehr Unternehmen, zumeist junge und kleinere Firmen, die mit modernen Formen der Partizipation experimentieren und die entsprechende Eigenverantwortung der Mitarbeiter einfordern.

Das mag nicht jedermanns Sache sein. Und ganz sicher ist eine solche Entwicklung nicht ohne Risiken für die Beschäftigten. Aber sie bringt eben auch Chancen mit sich. Etwa die für mehr Zufriedenheit, weil sich Mitarbeiter stärker einbringen können und nicht nur Entscheidungen anderer erdulden müssen. 

Wenn Arbeitnehmer mehr Verantwortung übernehmen, birgt dies die Chance, dass Arbeit Sinn stiftet. Und diese Sinnstiftung ist bei vielen, die ich kenne, mit einer gewissen Autonomie verknüpft. Deshalb bin ich auch über den Satz von Cornelia Koppetsch erschrocken, dass wir nicht mehr frei sein möchten, "wir möchten Tradition. Sicherheit. Etwas, was bleibt." 

Nach Sicherheit zu streben, ist nachvollziehbar. Aber man sollte nicht allzu sehr auf sie vertrauen, sondern lernen, mit Unsicherheit und Veränderungen umzugehen sowie in die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen Zeit investieren. Auch das kann Sicherheit erzeugen. Und zwar eine Sicherheit, die aufgrund des Vertrauens in das eigene Selbst entsteht.

Die Arbeitsbedingungen sind das Problem

Da hilft es ebenfalls sehr, wenn ich von dem, was ich (beruflich) tue, überzeugt bin und Spaß an der eigenen Arbeit habe. In der heutigen Wissensgesellschaft sind das nicht wenige.

Patrick Spät kennt solche Leute vermutlich nicht. Der Philosoph und Journalist hat auf ZEIT ONLINE ein Loblied auf die Faulheit geschrieben, der sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat: mehr als 1.300 Empfehlungen bei Facebook. Seine These: Das Ziel jeder Arbeit sei Faulheit, trotzdem würden Fleiß und Leistung glorifiziert. Schuld daran sei der Kapitalismus mit seinem krankhaften Zwang zu stetigem Wachstum.

Keine Frage: Die Kapitalismus-Kritik trifft einen Nerv. Und das aus gutem Grund: Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ist das eine. Dass das Verteilungsproblem trotz Wachstum eher größer als kleiner wird, ist ein anderer Kritikpunkt, der angebracht werden muss.

Doch bei aller Sympathie für den charmanten Text von Patrick Spät kommt der Artikel doch 20 Jahre zu spät. Er geht scheinbar von einem Arbeitsbegriff aus dem Industriezeitalter aus, wenn er schreibt, dass das Ziel jeder Arbeit Faulheit ist. 

Das aber ist Quatsch. Die meisten sind nicht für die Faulheit gemacht. Arbeit gibt vielen Menschen Struktur im Leben und bringt ihnen Wertschätzung. Manche identifizieren sich mit ihr. Eine Menge Menschen haben tatsächlich Spaß an ihrem Job – dazu gehören beispielsweise viele Selbständige. Gibt es unter ihnen so etwas wie Selbstausbeutung? Sicherlich. Aber viele würden auch nicht tauschen wollen, weil sie selbstbestimmt arbeiten.

Nicht wenige Arbeitnehmer sind sicherlich der Arbeit überdrüssig, fühlen sich gestresst, bewegen sich im Hamsterrad, arbeiten tatsächlich einfach zu viel. Aber das liegt nicht an der Arbeit selbst in der Regel, sondern daran, wie sie organisiert wird.

Meine Erfahrung ist, dass die Gründe für den Frust mit der Arbeit (und vielleicht der Wunsch nach Faulheit) in den Arbeitsbedingungen zu suchen sind, in Prozessen und bei der Führung. Die Leute sind genervt von Reports mit kurzen Deadlines, ständigen Meetings, bei denen nichts herauskommt und Führungskräften, die keinerlei Freiraum geben. Sie bewegen sich zwischen verschiedenen Hierarchieebenen und wissen nicht, ob ihr Tun einen Unterschied macht.

Grundsätzlich gilt: Der Mensch will was tun. Idealerweise etwas, das Sinn ergibt.