ZEIT ONLINE: Warum haben die Führungskräfte bei VW nicht Nein zu der Schwindel-Software gesagt, Herr Wehrle?

Martin Wehrle: In deutschen Konzernen werden oft nicht die ehrlichsten Mitarbeiter befördert, sondern die Kopfnicker und Ja-Sager. Etliche Top-Manager wollen es einfach nicht hören, dass ein Projekttermin platzt, ein Produkt zu floppen droht oder ein Abgaswert manipuliert ist.

Aus lauter Angst, als Bote einer schlechten Nachricht geköpft zu werden, haben die mittleren Führungskräfte einfach Ja gesagt. Niemand wollte seine eigene Karriere aufs Spiel setzen. Niemand als Kassandra gelten.

ZEIT ONLINE: Gibt es einfache Strategien, um zum Nein-Sager zu werden?

Wehrle: Wer ein entschiedenes Nein aussprechen will, muss Ja zu etwas Größerem sagen. Wie haben die Mitglieder der Weißen Rose es geschafft, Nein zu Hitler zu sagen? Indem sie Ja zur Menschlichkeit gesagt haben.

Wie schafft es eine Führungskraft, Nein zur Manipulation von Abgaswerten oder zur unmenschlichen Behandlung von Mitarbeitern zu sagen? Indem sie Ja zu einem persönlichen Wert sagt, zum Beispiel der Lauterkeit.

Wer weiß, was ihm wichtig im Leben ist, kann sich klar abgrenzen. Sein Nein wird ihm so bestimmt über die Lippen kommen, dass es kaum Widerspruch hervorruft. Wer dagegen keinen Werten folgt, ist manipulierbar. Deshalb brauchen gerade Führungskräfte ein stabiles Wertesystem. Denn Führung und Verführung sind enge Nachbarn.

ZEIT ONLINE: Was hätte eine mittlere Führungskraft denn in einem Riesenunternehmen wie VW bewirken können?

Wehrle: Ich bin mir sicher, dass die Mail eines Abteilungsleiters der Entwicklung an Martin Winterkorn – "Nein, ich baue diese Software nicht ein!" – ausgereicht hätte, den Manipulationswahnsinn zu stoppen.

Niemand in der Geschäftsführung hätte mehr behaupten können, nicht im Bilde zu sein. Sicher hätte der Nein-Sager keinen Orden bekommen. Aber es hätte auch niemand gewagt, ihn zu entlassen – denn seine Warnung wäre berechtigt und sehr im Sinne des Unternehmens gewesen.

Bei der Karriereberatung beobachte ich oft: Aufrichtige Führungskräfte mit Überzeugungen, die ein klares Nein, aber auch ein klares Ja sagen, sind die Langstreckenläufer des Karriererennens. Auf längere Frist erarbeiten sie sich durch Charakterstärke den Respekt ihrer Vorgesetzten und Mitarbeiter – anders als die Blender, deren Granaten schnell verpufft sind und nur Asche zurücklassen.

ZEIT ONLINE: Welche Vorteile hat Nein sagen?

Wehrle: Sie retten Ihr eigenes Leben! Wenn Sie Ja entgegen Ihrer Überzeugung sagen, Ja zu einer Beförderung, Ja zu einem Auslandsaufenthalt, Ja zu einer fragwürdigen Personalentscheidung, dann fühlt sich Ihr Leben wie ein falscher Film an.

Dann führen andere die Regie und Sie sind wie eine Marionette ausgeliefert. Sie tun Dinge, die Sie nicht wollen. Die Folge: Ihre Leistungen und Ihre Gesundheit leiden darunter. Dieser Weg führt direkt ins Burnout und die Depression.

Wenn Sie dagegen vor allem das tun, was Ihren Werten und Ihren Wünschen entspricht, sind Sie authentisch – das macht glücklich und erfolgreich. Denn hinter jedem aufrichtigen Nein steht ein erfrischendes Ja – zu sich selbst!

ZEIT ONLINE: Wie grenze ich mich bei meinen Kollegen ab?

Wehrle: Angenommen, ein Kollege will Aufgaben seiner Abteilung auf Ihren Schreibtisch verschieben. In der Regel wird er das mit freundlichen Argumenten versuchen: "Deine Abteilung ist da viel besser aufgestellt. Ihr seid für mich die absoluten Experten für dieses Thema" usw.

Jetzt können Sie in drei Schritten vorgehen. Erstens, fragen Sie sich, ob der andere Sie manipulieren will. Hier trifft das ganz sicher zu, denn er schmiert Ihnen ordentlich Honig um den Bart. Zweitens, geben Sie nicht gleich eine Antwort, sondern bitten um eine kurze Bedenkzeit. Der Vorteil, so flutscht Ihnen nicht ein automatisiertes "Ja" über die Lippen. Und drittens, geben Sie dann, wenn Sie sich gesammelt haben, eine klare Antwort. Aber kein Nein, das geflüstert ist. Kein Nein, für das Sie sich entschuldigen ("Sorry, aber …"). Sondern ein klares Nein, das keinen Raum für Zweifel lässt, laut und selbstbewusst ausgesprochen.

Verzichten Sie auf eine ausführliche Begründung, denn das klingt immer nach Rechtfertigung und beschwört Gegenargumente herauf. Sagen Sie zum Beispiel knapp, aber freundlich: "Nein, diese Zusatzaufgabe passt im Moment nicht." Dieses Argument wiederholen Sie bei Nachfragen. Mit dieser Technik, der "gesprungenen Schallplatte", blocken Sie auch penetrante Nachfrager ab.

ZEIT ONLINE: Klappt diese Methode auch beim Chef?

Wehrle: Das ist schwieriger, weil er ja formal das Sagen hat. Viele Mitarbeiter und Führungskräfte fahren aber gut damit, auf die Folgen eines falschen Ja hinzuweisen. Sie können zum Beispiel sagen: "Wenn ich jetzt Ja zu diesem engen Projekttermin sage, werden wir in drei Monaten ein riesiges Zeitproblem haben und womöglich den Kunden verlieren. Deshalb sage ich Nein."

Gehobene Manager akzeptieren ein Nein, wenn sie begreifen, dass ein Ja ein noch größeres Übel wäre. Auch wer Nein zu einem Übermaß an Überstunden sagt, sollte darauf hinweisen, dass er so seine Kreativität und seine Gesundheit erhält. Und nur mit vollem Akku sind Höchstleistungen möglich. Betonen Sie also immer den Vorteil des Chefs. Und nie vergessen: In erster Linie sind Sie nicht für das Glück Ihres Chefs verantwortlich – sondern für Ihr eigenes!