Für Sprachen hatte Ingo Ehrle eigentlich nie ein großes Faible. Doch während seines BWL-Studiums wurde seine WG in München gekündigt und er entschied sich, eine Auszeit zu nehmen und ins Ausland zu gehen. Seine Wahl fiel auf Alicante. Ein Sprachkurs sollte für das nötige Rüstzeug sorgen. "Zum ersten Mal habe ich mich für eine Sprache interessiert, weil ich angefangen habe, in einem fremden Land zu leben", erzählt der Süddeutsche. Die Sprache wurde zum wichtigsten Instrument in seinem Alltag. "Dieses eine Jahr, das ich in Spanien verbracht habe, hat in meinem Leben alles verändert", sagt er heute.

Zurück in Deutschland setzte er sein BWL-Studium fort und schloss sich Mesa (Münchner Erasmus Studenten Assoziation) an, einer Vereinigung, die für Erasmus-Studenten in München Events und Ausflüge organisiert. "Für mich war ziemlich bald klar, dass ich nach dem Studium eine Zeit lang im Ausland leben und arbeiten möchte", erzählt Ehrle.

Doch das war gar nicht so einfach, eine längere Bewerbungsphase folgte. "Irgendwann bin ich auf DocuWare gestoßen. Das ist eine Software-Firma, die Dokumentenmanagement-Lösungen herstellt und diese indirekt über Software-Vertriebspartner anbietet. Und die wollten im spanischen Raum expandieren", erinnert sich Ehrle. Die ersten zwei Jahre war er in München stationiert. "Dann bin ich nur noch gereist und war von Montag bis Freitag in Spanien. Irgendwann entschied mein Chef, in Barcelona eine Niederlassung zu gründen, die ich leitete."

Trotz Wirtschaftskrise gelang es Ehrle, Vertriebspartner zu gewinnen, das Geschäft lief gut. "Ich konnte etwas Neues aufbauen und dabei meine Sprachkenntnisse einsetzen. Aber in mir war auch der Wunsch, etwas Eigenes zu machen – obwohl ich viele Freiheiten hatte, war es doch ein Angestelltenverhältnis."

Beim Spielen lernen

Der Gedanke ließ ihn nicht los. Ehrle forschte in sich nach Talenten und  kam schließlich auf eine Idee. "Aus eigener Erfahrung hatte ich in den letzten Jahren gemerkt, was man mit Sprache alles bewirken kann, wie wichtig sie ist. Das persönliche Erlebnis beim Lernen von Sprachen hatte für mich dabei enorm an Bedeutung gewonnen", erzählt er.

Freunde bestätigten ihm, dass Sprachkurse meist nicht nachhaltig für ihr Sprachenlernen gewesen waren. Ehrle überlegte, wie man einen dauerhaften Anreiz schaffen könnte und kam aufs Spielen: "Beim Spielen ist man in einer ganz anderen Welt. Man vertieft sich richtig. Ich überlegte, dass es so beim Sprachenlernen auch sein müsste." Für Ehrle stand fest, dass er ein Spiel entwickeln wollte, mit dem das interaktive Erleben das Lernen einer Sprache spielerisch möglich sein sollte. Nach fünf Jahren in Spanien kündigte er seinen Job bei seinem Arbeitgeber und ging zurück nach München. Hier suchte er aktiv Mitstreiter für seine Idee.

Im Mai gründete er gemeinsam mit dem Softwareentwickler und Gamedesigner José Rodolfo Freitas, den er bei einer Veranstaltung in München kennengelernt hatte, das Start-up XPLingo – XP steht dabei für Experience, also die Erfahrung beim Sprachenlernen.

Ehrle und Freitas versetzen ihre Kunden als Protagonisten in ein interaktives Abenteuer, das in einem fremden Land spielt. Innerhalb der virtuellen Welt interagiert der Spieler in verschiedenen Szenarien, deckt neue Aspekte einer Geschichte auf und redet mit Einheimischen – nebenbei lernt er so die fremde Sprache. Im Sommer 2015 stellten die Gründer das erste Kapitel ihrer spanischen Lernserie Las Tres Puertas fertig, das sie als kostenlose Testversion anbieten. 10.000 Beta-Tester wünscht sich das deutsch-brasilianische Gründerteam und ebenso viel Feedback. "Das hilft uns, unsere Produkte auf die echte Nachfrage am Markt anzupassen", sagt Ehrle. Außerdem seien das auch wichtige Kontakte für eine geplante Crowdfunding-Kampagne. Bislang finanzierten die Gamedesigner alles aus der eigenen Tasche. 

Manchmal vermisst Ingo Ehrle die finanzielle Sicherheit seines vorherigen Jobs. Aber meist nur kurz: "Es fasziniert mich einfach, etwas Eigenes aufzubauen. Ich habe Freude am Erschaffen – das gleicht es oft wieder aus."