96 Prozent aller Erwachsenen geben in Umfragen an, dass sie sich selbst für gute Zuhörer halten. Die Realität sieht meist etwas anders aus. © dpa

Der Schriftsteller Ernest Hemingway sagte einmal, dass die meisten Menschen nie zuhören würden. Dabei halten sich Umfragen zufolge 96 Prozent der Erwachsenen für gute Zuhörer. Aber Studien zeigen, dass wir uns nur ein Viertel von dem, was wir hören, auch merken können. Dummerweise haben die Gesprächspartner oft den Eindruck, dass noch weniger des Gesagten ankommt.

Gutes Zuhören ist eine Frage der Übung. Und es lohnt sich. Denn kommunikative Fähigkeiten werden im Berufsleben immer wichtiger. Der Harvard-Professor William Ury etwa hat untersucht, wie sich gutes Zuhören vorteilhaft in Verhandlungssituationen auswirkt. Demnach kommen gute Zuhörer schneller und effizienter zu einem guten Verhandlungserfolg als Menschen, die sich vor allem auf ihre eigenen Argumente fokussieren. Logisch, denn erst wenn man versteht, was das Gegenüber denkt und warum, lohnt sich der Versuch, den anderen umzustimmen.

Durch echtes Zuhören entsteht eine zwischenmenschliche Bindung, denn jeder Mensch möchte gehört und verstanden werden. Es ist eine Grundvoraussetzung für eine offene und lösungsorientierte Verständigung.

Der Zuhörer ist ein schweigender Schmeichler.
Immanuel Kant (1724 - 1804)

Der amerikanische Autor Anthony Alessandra hat vier Typen von Zuhörern definiert: Da wäre zum einen der Weghörer. Ihm fällt es grundsätzlich schwer, sich anderen Menschen zuzuwenden. Er ist ein eher introvertierter Typ. Problematisch dabei ist, dass dieses Verhalten auf andere als unhöflich oder abweisend wirkt. Kommunikation ist vor allem auf der Sachebene möglich.

Daneben gibt es den selektiven Zuhörer. Dieser Typ folgt den Themen und Argumenten in einem Gespräch eher oberflächlich. Geht es um Details oder tiefere Bedeutung, schalten selektive Zuhörer häufig ab. Mitunter sind sie mit ihren Gedanken längst woanders. Sie stellen wenig oder keine Fragen und können oder wollen sich nicht in den Gesprächspartner hineinversetzen. Häufig vergessen selektive Zuhörer das Meiste von dem, was gesagt wurde.

Außerdem hat Alessandra den bewertenden Zuhörer ausgemacht. Dieser Typ gibt sich große Mühe, gut zuzuhören, aber während der andere noch spricht, überlegt er bereits eine schlagkräftige Antwort – weil er das Gesagte sofort bewertet. Bewertende Zuhörer sind meist sehr gut darin, Zahlen, Fakten und Gesprächsthemen zu verstehen. Wer zu dieser Gruppe gehört, sollte sich Mühe geben zu verstehen, was der andere meint und versuchen, den Standpunkt des Gegenübers zu respektieren und vorurteilsfrei anzunehmen. Konkret heißt das: Fragen stellen, Antworten abwarten und Verständnis für Ideen und Meinungen haben, die den eigenen widersprechen.

Vier Zuhörer-Typen

Schließlich gibt es noch den aktiven Zuhörer. Dieser Typ schenkt dem Gegenüber volle Aufmerksamkeit. Aktive Zuhörer stellen ihren inneren Monolog ab, achten auf Tonlagen, Körpersprache und Wortwahl. Sie stellen Fragen, die ihnen helfen, ihr Gegenüber wirklich zu verstehen. Aktive Zuhörer behalten Informationen und deren Bedeutung oft sehr lange und nutzen dieses Wissen, um die Kommunikationswege offenzuhalten. Ihr soziales Umfeld und ihre Kollegen profitieren von diesem Einsatz von Zeit und Energie.

Die allermeisten Menschen sind übrigens weder der eine noch der andere Typus. Vielmehr bringt man eine Grundtendenz mit und wechselt zwischen den Typen je nach Situation. Will man aber den anderen besser verstehen und selbst besser verstanden werden, dann lohnt es sich, aktiv zuzuhören. Doch das ist schwer. Denn die meisten Menschen neigen dazu, viel zu sehr über sich selbst zu reden.

Aktuelle Studien von Neurowissenschaftlern der Universität Harvard zeigen, dass beim Reden die gleichen Gehirnareale aktiviert werden wie bei den existenziellen Themen Nahrung, Geld und Sex. Wissenschaftlich betrachtet gibt es anscheinend kaum etwas Befriedigenderes für unser Gehirn, als sich verbal über den letzten Urlaub, Hobbys oder die eigenen Kinder auszulassen. Im Umkehrschluss bedeutet es: Wenn wir uns nicht aktiv zurücknehmen, werden wir automatisch versuchen, jede Unterhaltung zu dominieren.

Und nicht nur das: Zuhören ist auch noch anstrengende, harte Arbeit. Während beim Sprechen Energie freigesetzt wird, macht Zuhören müde. Je aktiver man zuhört, sich auf den Redner einstellt und Informationen abspeichert, desto intensiver ist das mentale Workout.

Wer ein besserer Zuhörer werden will, muss also einen Prozess durchlaufen, der  vergleichbar mit einer Ernährungsumstellung oder dem Umstieg auf einen sportlichen Lebensstil ist.