Die Automatisierung der Produktions- und Arbeitsprozesse scheint für uns heute ein unabänderlicher Fakt zu sein. Eine Veränderung, die wegen ihrer Auswirkungen auf die Arbeitsstrukturen natürlich auch Anlass zu großer Sorge gibt, wie gerade eine Studie im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums deutlich machte. Demnach blickt die Mehrheit der Arbeitnehmer in Deutschland mit Skepsis in die Zukunft.

Einmal mehr wird hier bemerkbar, dass es im Gegensatz zu den vorigen Umbrüchen in Wirtschaft und Gesellschaft diesmal keine Vision für die Zukunft zu geben scheint, die dem Individuum in der anstehenden Transformation Kraft und Hoffnung geben könnte. Egal ob man nun eine konservative oder linke Perspektive bevorzugte, die industrielle Revolution und andere Ansätze der Modernisierung waren immer eng mit der Hoffnung auf Wohlstand oder sogar eine klassenfreie Gesellschaft verbunden. Diese Ziele forderten und förderten Ausdauer, Geduld und auch Kreativität, da sie nicht sofort realisierbar waren, aber zumindest für die Kinder und Kindeskinder eine bessere Zukunft erwarten ließen.

Das ist heute anders. Der Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine scheint in vielen Bereichen bereits entschieden. Der Sieg des Deep Blue Computers über den Schachweltmeister Garr Kasparow 1996 und zuletzt der Ausgang eines Go-Brettspiel-Matches des koreanischen Meisters gegen eine Software waren hier ja nur mediale Ausschläge eines Prozesses, der seit der Industriellen Revolution im Gange ist. Von Anfang an wurden Roboter und Automatisierung als Konkurrenten des Arbeiters angesehen und man konnte sich zuletzt nur damit trösten, dass Computer zwar Schachspielen können, aber nur motorische und sensorische Fähigkeiten eines Einjährigen aufwiesen, wie der Roboterwissenschaftler Hans Moravec in dem nach ihm benannten Paradoxon argumentierte. Aber auch diese Barrieren werden irgendwann überwunden werden.

Die Automatisierung und Technisierung, so wie wir sie kennen, folgen nämlich keinen unabänderlichen quasi natürlichen "Gesetzmäßigkeiten" des Fortschritts, sondern waren immer Resultat einer bewussten Investitionsanstrengung der Volkswirtschaften und vor allem der öffentlichen Haushalte. Viele Rationalisierungstechniken waren nämlich nicht von Anfang an wirksam sondern bedurften langjähriger Erprobungsphasen. Aus den Berichten der sechziger und siebziger Jahre wissen wir, dass diese Techniken und Tools oftmals eingesetzt wurden, obschon sie zunächst keine Effizienzeffekte zeigten. Für diese Investitionen, die zumeist aus dem militärischen Technologiebereich kamen, waren diese Anfangskosten und sogar die Effizienz nicht vorrangig. Wichtiger erschien das Ziel, den Mensch aus der Produktion herauszunehmen oder zu zähmen. Dieser war ja potenziell störanfällig und in Zeiten steigender Ansprüche und Gewerkschaftsmacht tendenziell widerständig. Nicht zufällig, war einer der Auslöser für die Gründung des Silicon Valley ein Projekt, das einen selbstlernenden Roboter zum Ziel hatte, um sich von diesen Entwicklungen abzukoppeln.

Diese Sorge vor dem Individuum ist noch immer bei uns, auch wenn selten so radikale Worte gewählt werden, wie vom CEO des chinesischen Herstellers Foxconn, Terry Gou, der klagte, dass das Management von "einer Millionen Tiere" ihm große Kopfschmerzen bereite und deshalb einen Zoodirektor einlud, um vor dem Foxconn-Managementteam Analogien aus seiner Arbeit zu referieren.

Dabei hätte die Automatisierung auch einen völlig anderen Verlauf nehmen können. Wie der amerikanische Kritiker Noam Chomsky aufzeigte, hätte man ja diese etwa auch dazu nutzen können, das Individuum zu stärken, seine Fähigkeiten besser zu nutzen und die Herrschaft der Manager zu reduzieren. Dass man sich aber dazu entschied, eher den Weg der Degradierung und Reduzierung menschlicher Arbeitskraft durch die Automatisierung zu gehen – der Historiker David Noble zeigte dies eindrucksvoll am Beispiel der digital gesteuerten Fräsmaschine – war jedoch kaum anders denkbar. Die nach der industriellen Revolution entstandene arbeitsteilige Hierarchie, und nicht etwa die bis dahin weitgehend vernetzten, dezentralen, flachen und teamorientierten Organisationen (Verlagssystem), wurden zum Standard.

Hierarchien und Arbeitsteilung versprachen mehr Macht für Investoren und Manager, obwohl der Vater der Wirtschaftswissenschaften, Adam Smith, davor warnte, dass der Mensch durch diese Organisation "… so stumpfsinnig und einfältig wird, wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann". Die gewählte Richtung der Entwicklung der Automatisierung passt somit zur hierarchischen Organisation und findet in der sogenannten Lights-out-Fabrik ihre bislang höchste Vollendungsstufe: eine Fabrik, die so vollständig automatisiert ist, dass die Roboter alleine das Licht abdrehen könnten, wenn sie nicht 24/7 im Einsatz wären.

Wen das schockiert, dem sei verraten, dass wir erst am Anfang dieser Entwicklung stehen: Denn heute werden Roboter erst in gerade einmal 30 Prozent aller möglichen Funktionen eingesetzt

Nun scheint diese Entwicklung natürlich nicht geradlinig zu verlaufen: Toyota holt etwa den Facharbeiter wieder zurück in die Fabrik, damit er den Roboter anlernt und US-Präsident Barack Obama forciert eine "nation of makers", die öffentliche Produktionsstätten jedermann zugänglich machen und so das Hacken und die Weiterentwicklung von Produkten stimulieren soll. Aber dies dürfte an den gegebenen Machtverhältnissen, die sich in der Technologie ausdrücken und diese verriegeln (Lock-in), wenig ändern. Selbst neue, alternative Bewegungen und Organisationen wie die Open-Software-Bewegung müssen sich an die Gegebenheiten anpassen und ihr Schicksal ist ungewiss.

Die Degradierung des Menschen durch die Maschine

So wird verständlich, warum die Strategie der Degradierung des Menschen durch die Maschine bislang keine überzeugende zivilisatorische Vision für den unterlegenen Menschen entwickeln konnte. Aufgrund des limitierten Menschenbildes dieser Ansätze war dies auch nicht zu erwarten. Ratlosigkeit stellt sich ein. Schon in den achtziger Jahren erkannte der Arbeitstheoretiker André Gorz: "Eine Arbeit, deren Wirkung und Ziel darin liegt, Arbeit zu sparen, kann nicht wiederum Arbeit glorifizieren."

Auch wenn die traditionelle Wirtschafts- und Sozialwissenschaft bislang wenig Visionäres anzubieten hat, kommen Impulse aus anderen Richtungen. In einem oft übersehenen Buch entwickelte Moravec in den neunziger Jahren die Vision, das im Jahr 2050 die Robotik so weit fortgeschritten sein wird, dass der Mensch zwar unterbeschäftigt sei, aber durch Steuereinkommen aus diesen Industrien angenehm leben und sich in virtuellen oder realen tribes Gleichgesinnte suchen könne. Die Nation wird weniger wichtig als Communitys, die sogar eigene Staaten oder Städte gründen können, zumindest aber weitgehend autonome Entitäten abbilden, so wie die 26 Kantone der Schweiz.

Auch aus der Science-Fiction-Literatur können wir Zukunftsvisionen entnehmen. Dieses Genre erfindet ja quasi die Zukunft durch die Umformung der Worte (Cyberspace ...), wie schon Stanislaw Lem in Der futurologische Kongreß und der dort vorgestellten "linguistischen Prognostik" mit einem Augenzwinkern aufzeigte. Hier sticht natürlich Isaac Asimov mit seinem Foundation-Zyklus heraus. Auch Asimov beschreibt ähnliche Erscheinungen wie Moravec: Das Individuum – wenn es die Wahl hat – präferiert den Umgang mit Robotern und Künstlichen Intelligenzen und verzichtet zunehmend auf den oft mühseligen Prozess der Interaktion mit anderen Individuen.

Auf der übervölkerten Erde jedoch leben in Asimovs Erzählungen die Menschen auf engstem Raum, die von Moravec erwartete Flucht aus der organisatorischen Zivilisation kann nicht stattfinden. Der angepasste Mensch lebt in Stahlhöhlen, verbannt Roboter und meidet die freie Fläche.

Ob es so kommen wird? Alles in allem sind dies keine erfreulichen, eher seltsame Visionen. Es würde wohl aber schon helfen, wenn man sich bewusst machen würde, welche Optionen zur Verfügung stehen bzw. welche Entwicklungen möglich sind. Wenn ich die Zukunft kenne, kann ich sie ja auch ändern. Dann würden die Folgen der Digitalisierung vielleicht auch weniger Angst einflößen und die Initiative wieder von dem Menschen und der Politik ergriffen werden.