Erst vor wenigen Tagen erinnerten zahlreiche Aktivistinnen, Politikerinnen und Gewerkschaftlerinnen anlässlich des Equal Pay Days an die Lohnungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Hierzulande verdienen Frauen 21 Prozent weniger Gehalt als Männer – eine unanständig hohe Differenz. Kritiker bemängeln seit Langem, diese Zahl habe keine Aussagekraft. Denn es handelt sich um den unbereinigten Gender Pay Gap: Hier werden die Einkommen der Frauen in Vollzeit mit denen der Männer in Vollzeit verglichen. Weil Frauen aber häufiger in Berufen und Branchen arbeiten, in denen das Gehaltsniveau niedriger ist als in klassischen Männerdomänen, sei es kein Wunder, dass die Frauengehälter im Durchschnitt geringer ausfielen.

Aber selbst wenn man sich die bereinigte Lohnlücke ansieht und nur die Gehälter von Männern und Frauen mit gleichem Alter, vergleichbarer Erfahrung und Ausbildung, gleicher Tätigkeit beim gleichem Arbeitgeber miteinander vergleicht, bleibt ein Unterschied. Einer, der nach einer neuen Studie der Job- und Karriereplattform Glassdoor allerdings etwas niedriger ausfällt als bisher erfasst. Im Schnitt bekommen Frauen hierzulande 5,5 Prozent weniger Gehalt, ohne dass sich dieser Unterschied zu den Männergehältern erklären ließe. Laut Statistischem Bundesamt hatte diese Differenz bisher fast acht Prozent betragen.

5,5 Prozent klingen wenig, bezogen auf ein Arbeitsleben kommen allerdings erhebliche Summen zusammen. Ein Beispiel: Bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 5.000 Euro sind das immerhin 275 Euro weniger Gehalt für eine Frau, bei einem Monatslohn von 3.500 Euro brutto sind es 165 Euro. Macht aufs Jahr bezogen bei zwölf Monatslöhnen 3.300 Euro bzw. 1.980 Euro weniger. Und innerhalb von zehn Jahren verdient eine Frau somit 33.000 Euro bzw. 19.800 Euro weniger als ein Mann – und das, obwohl sie die gleiche Arbeit macht und das gleiche Know-how mitbringt. Nimmt man an, dass die Frau sogar auf 45 Rentenbeitragsjahre in ihrem Arbeitsleben kommt, dann hat sie allein wegen der Lohndifferenz 148.500 Euro bzw. 89.100 Euro verloren!

In der Glassdoor-Studie wurden mehr als eine halbe Million Gehaltsangaben von Arbeitnehmern in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA und Australien miteinander verglichen. Dabei stellten die Autoren fest: Die Lohnungerechtigkeit ist kein deutsches Phänomen, in allen untersuchten westliche Ländern gibt es eine ähnlich hohe unerklärliche Differenz bei der Bezahlung von Männern und Frauen. Und die kann letztlich nur mit einer bewussten oder unbewussten geschlechtsspezifischen Diskriminierung zu tun haben. Denn die in der Studie berücksichtigten Daten umfassen einen Großteil von gehaltsrelevanten Faktoren – wie etwa die Anzahl der zu führenden Mitarbeiter oder die Frage, wie viele Überstunden geleistet werden. Das heißt: Die schlechtere Bezahlung der Frauen liegt nicht etwa daran, dass die Männer bei den renommierteren Arbeitgebern arbeiten und mehr (bezahlte) Überstunden machen.

Geschlechterklischees beeinflussen Zahlungsbereitschaft

Die Erklärung dürfte vor allem mit den unterschiedlichen Geschlechterklischees zu tun haben. Von Frauen wird stärker erwartet, dass sie klassische Rollenbilder erfüllen und sich etwa um die Kindererziehung kümmern. Arbeitgeber unterstellen Frauen daher, dass sie wegen der Familie ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder die Arbeitszeit reduzieren könnten. Entsprechend sinkt die Bereitschaft, in die Mitarbeiterin zu investieren. Frauen wird außerdem häufiger als Männern in Gehaltsverhandlungen ein gut verdienender Partner als Gegenargument vorgehalten.

Am Ende spielen die traditionellen Geschlechterrollen auch beim Verhandlungserfolg eine Rolle: Frauen, die offensiv und selbstbewusst mehr Geld einfordern, gelten als unsympathisch, Männer dagegen als sympathisch. Und die Sympathie hat einen gewissen Einfluss auf die Bereitschaft, mehr Gehalt zu bezahlen. All das könnten Gründe sein, warum Frauen etwas weniger Geld zugestanden bekommen. Dabei macht es Studien zufolge übrigens keinen Unterschied, ob der Verhandler auf der Arbeitgeberseite ein Mann oder eine Frau ist. Auch Frauen drücken ihre Geschlechtsgenossinnen beim Gehalt eher, als sie es bei Männern tun.

Zuletzt war auch der unbereinigte Gender Pay Gap von fast 23 Prozent auf 21 Prozent gesunken. Das dürfte vor allem an der Einführung des Mindestlohns liegen. Denn die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten im Niedriglohnsektor ist weiblich. Seit hier der Mindestlohn gilt, sind auch die Einkommen in diesem Bereich leicht gestiegen.