Unterm Strich ist das Einkommen deutscher Männer fast doppelt so hoch wie das deutscher Frauen. Wenn man am Ende des Monats aufs Konto der Männer schaut stehen da 1,81 Euro – und bei Frauen nur 90 Cent. Das Einkommensgefälle zwischen den Geschlechtern in Deutschland beträgt 45,3 Prozent. Umgerechnet aufs Jahr bedeutet das: Frauen beginnen erst heute, am 14. Juni, mitten im Sommer, nachdem das Jahr fast halb rum ist, Geld zu verdienen. Bis dahin arbeiten sie quasi entgeltlos.

Das haben sich diese Emanzen ja wieder schön hingerechnet, werden die Alt-Machos einwenden, blanker statistischer Unsinn! Zumal gerade eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ja feststellte, dass die Lohnlücke viel kleiner sei als gedacht und "der Staat nicht handeln" müsse, wie es in der Pressemitteilung dazu heißt. Sowieso alles Quatsch, wird es am Männer-Stammtisch heißen, schließlich bleibe es doch jeder Frau selbst überlassen, ob sie in Elternzeit geht, Teilzeit arbeitet oder wegen der Kinder oder der Pflege ihrer Eltern ganz zu Hause bleibt.

Ach ja? Sollten sie jubeln ob der Berufung zur Mutterschaft, Elternzeit und all der anderen unbezahlten Care-Arbeit? Sollten Frauen dankbar sein, dass sie im Vergleich zu den Männern überdurchschnittlich oft das Glück der Teilzeitarbeit wahrnehmen? Schließlich können sie froh sein, dass sie überhaupt Geld verdienen dürfen. Es ist nämlich gar nicht lange her, da waren eigenes Einkommen oder eigenes Vermögen für Frauen, besonders für verheiratete, rechtlich gar nicht vorgesehen. Frauen und Geld – das gehörte nicht zusammen!

Frauen und Geld? Gehörten nicht zusammen

Heute vor 40 Jahren änderte sich das: Auf den Tag genau, am 14. Juni 1976, wurde das Familienrecht novelliert. Seither müssen Frauen nicht mehr ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen, ob und wie viel sie arbeiten möchten. Seither dürfen sie frei und eigenverantwortlich über ihr Vermögen bestimmen und können ihre Arbeitsverträge ohne Unterschrift des Herrn Gemahl einfach selber kündigen.

Gesetze hinken der Realität meist hinterher: Die Novellierung von 1976 bildete gesellschaftliche Veränderungen ab, die sich in den Jahren zuvor Bahn gebrochen hatten. Doch wirklich normal war derlei noch lange nicht. Und ist es bis heute nicht: Erst jetzt wächst eine Generation von Frauen heran, für die Berufstätigkeit und ein eigenes Bankkonto – zumindest theoretisch – eine Selbstverständlichkeit ist; in der Praxis leider nur bis zur gläsernen Decke, dem ersten Kind oder beidem.

Des eigenen Glückes Schmiedin

Selbst schuld!, wird da schnell jede aufkeimende Gesellschaftskritik vom Tisch gewischt: Jede schmiede ihr eigenes Glück. Die angeblich genderbedingte Lohnlücke sei bloß die Folge individueller Lebensentscheidungen. Und wenn am Equal Pay Day – nächstes Jahr am 18. März  – symbolisch auf die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern hingewiesen wird, da spotten die Herren der Lohn- und Taschenrechner. Jedes, wirklich jedes Jahr wird ebenso selbstbewusst wie süffisant behauptet, dass bei allen sonstigen Mängeln der Argumentation obendrein das Datum falsch berechnet sei. Namhafte Medien und mehr oder weniger renommierte Wirtschaftsinstitute verhöhnen die Initiatorinnen des Equal Pay Days, die Business and Professional Women Germany. Tenor: "Da denken die sich so einen Tag aus und sind zu doof, ihn auszurechnen."

Alle Jahre wieder: "Unstatistik" des Monats

Dieses Jahr wurde der Equal Pay Day sogar zum zweiten Mal zur "Unstatistik des Monats" gekürt. Dort steht er in illustrer Reihe neben dem Slogan "Alle elf Minuten verliebt sich bei uns ein Single", daseinsverlängernden Kaffeebohnen, der depressiven Wirkung von Übergewicht und lebensverkürzende Wurstwaren. Singles, Übergewicht, Kaffee, Wurst und Gender Pay Gap! Die Auszeichnungsliste des Max-Planck-Instituts spricht Bände und verrät die Ignoranz.

Die Experten für das wirklich Wichtige besserwissern, dass der Equal Pay Day bereinigt eigentlich auf den 20. Januar falle. Zufällig auf den Todestag von Audrey Hepburn, die ja sehr viel mehr verdient hätte als viele Männer sich jemals erträumten. Simple Pointe dieses Herrenwitzes: Ein Equal Pay Day ist demnach in doppelter Hinsicht nicht nötig.