ZEIT ONLINE: Die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz hat Teile ihres Lebenslaufs frei erfunden. Warum schummeln und betrügen Menschen bei ihrer Vita, Herr Löw?

Marco Löw: Sie tun es vor allem, wenn es um Machtpositionen geht, es viel Konkurrenz gibt und die falschen Angaben in der alltäglichen Arbeit nicht sofort auffliegen können. Und wenn zugleich die Voraussetzungen sehr hoch sind, die ein Anwärter erfüllen muss, um für diese Position überhaupt infrage zu kommen. Die Politik ist ein gutes Beispiel. Abitur und abgeschlossenes Studium gelten als selbstverständlich. Vielleicht sogar Auslandserfahrungen oder ein Titel. Nicht umsonst wurden gerade in der Politik immer wieder falsche Doktoren enttarnt. Wer nicht mithalten kann und die entsprechende psychische Veranlagung hat, nimmt den einfachen Weg und mogelt sich seinen Lebenslauf zurecht. Mitunter treiben auch die Lebensumstände einen Menschen dazu, um jeden Preis eine gute Position finden zu wollen, Schulden etwa. Häufig führt dann eine Lüge zur anderen. So wird eine ganze Karriere auf einem Lügengerüst aufgebaut. 

ZEIT ONLINE: Aber das muss doch auffliegen.

Löw: Nicht immer. Das Beispiel von Frau Hinz zeigt ja, dass man mit so einem geschönten Lebenslauf mehr als zehn Jahre Abgeordnete im Bundestag sein kann – ohne dass sofort auffällt, dass man weder das Abitur gemacht noch ein Jurastudium abgeschlossen hat. Es gibt solche Fälle aber auch in der Wirtschaft. Da werden vermeintliche Anwälte, Physiker oder Wirtschaftswissenschaftler CEO eines Konzerns. Der bekannteste Hochstapler Deutschland, Gert Postel, war eigentlich Briefträger. Er brachte es zwischen 1980 und 1995 als falscher Arzt sogar in leitende Positionen.

ZEIT ONLINE: Noch mal: Das muss doch auffallen!

Löw: Nicht unbedingt. In den allermeisten Jobs kommt es ja nicht auf das während der Schul- und Studienzeit erworbene Wissen an, sondern auf praktische Schlüsselqualifikationen. Meist werden Titel und Abschlüsse auch in Fächern erfunden, die für den Berufsalltag keine praktische Relevanz haben. Außerdem vermeiden Betrüger praktische Arbeiten, bei denen ihre Lüge auffliegen könnte. Gert Postel etwa delegierte sehr viel, befragte junge Assistenzärzte nach ihrer Einschätzung, wenn er einen Fall beurteilen sollte.

Hinzu kommt: Weil solche Menschen in der Regel ein besonders starkes Machtstreben haben, treten sie auch selbstbewusst auf. Sie gelten als besonders charismatisch. Nicht zuletzt lernen sie durch Training on the job – sodass es nach einer Weile tatsächlich kaum auffällt, dass sie die formal notwendigen Voraussetzungen für einen Job oder ein Amt gar nicht mitbringen.

ZEIT ONLINE: Woran merkt man, ob jemand beispielsweise in einer Bewerbung nicht die Wahrheit sagt?

Löw: Das ist gar nicht so einfach. Beispiel Zeugnisse und Bescheinigungen: Das alles lässt sich heute einfach fälschen, man braucht dazu nur ein paar Computerprogramme. Oder Geld. Denn falsche Doktortitel und Universitätsabschlüsse kann man sich auch kaufen. Ab einem gewissen Level sollten Unternehmen daher die Unterlagen und Angaben von Kandidaten einem gründlichen Check unterziehen. Dazu gehören neben intensiven Auswahlinterviews auch Backgroundchecks. Häufig kommt es vor, dass Bewerber hervorragende Zeugnisse aus den vergangenen Jahren vorlegen und sich nur das neueste Zeugnis nicht ganz so positiv liest. Die Erklärung der Kandidaten lautet dann: Mit diesem Arbeitgeber habe es persönliche Differenzen gegeben. In vielen Fällen zeigte der Anruf bei früheren Arbeitgebern, dass Kandidaten rausgeworfen wurden –  und die positiven Zeugnisse allesamt gefälscht waren.

ZEIT ONLINE: Verrät die Körpersprache, ob jemand lügt?

Löw: Durchaus, aber die Körpersprache kann man nicht einfach entschlüsseln. In einem Jobinterview sind die allermeisten Menschen aufgeregt. Daher führt der Interviewer zu Beginn des Vorstellungsgespräch etwas Smalltalk. Dabei sieht er, wie sich der Kandidat verhält, wenn er sich etwas entspannt. Baseline nennen wir Forensiker das. Erst dann stellt er kniffelige Fragen. Zeigt sich, dass der Bewerber bei ganz bestimmten Fragen nervös wird und widersprüchliche Antworten gibt, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass etwas nicht stimmt. Besteht beispielsweise der Verdacht, dass jemand gar nicht an einer bestimmten Universität studiert hat, könnte der Interviewer nach konkreten Details fragen – und zwar ganz beiläufig.