Gut eine halbe Million Berufstätige in Deutschland soll von Arbeitssucht betroffen sein, so zumindest lauten die Schätzungen. Eine offizielle Statistik gibt es jedoch nirgends. Forscher, die das Phänomen genauer untersucht haben, gehen von 200.000 bis 300.000 Menschen aus, die einen zwanghaften Umgang mit Arbeit haben – und die so stark darunter leiden, dass Arbeit sie tatsächlich krank macht.

Der 5. Juli soll als Gedenktag auf Arbeitssucht aufmerksam machen. Nach wie vor haben Workaholics – so die englische Bezeichnung – keine echte Lobby. Mit Arbeitssucht wird das Bild vom überarbeiteten Manager assoziiert. Oft wird über den Begriff Workaholic allerdings auch gelacht.

Dabei steigen regelmäßig die Zahlen derer, die angeben, dass Arbeit für sie zunehmend zur Belastung wird. Erst in der vergangenen Woche veröffentlichte die Techniker Krankenkasse eine Langzeitstudie, wonach im untersuchten Zeitraum zwischen den Jahren 2002 und 2009 sowie 2010 und 2015 die Zahl der Menschen frappierend angestiegen ist, die sich selbst im Feierabend durch den Job gestresst fühlen. Im aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse gibt jeder Zweite an, dass er nicht mehr richtig abschalten könne. Immerhin 15 Prozent der Befragten sagt, dass der eigene Gesundheitszustand vor allem aufgrund der beruflichen Belastungen schlecht sei. 

Zwanghafter Umgang mit Arbeit

Arbeitssucht kennzeichnet, dass die Betroffenen zwanghaft mit ihrem Beruf umgehen. Während so gut wie jeder Berufstätige Phasen kennt, in denen die Arbeit durchaus Spaß machen kann und beruflicher Erfolg aufgrund von positiven Rückmeldungen, einem sinnhaften Erleben der eigenen Arbeit oder auch materiellen Anreizen wie Bonuszahlungen, Gehaltssteigerungen oder Beförderungen durchaus einen Kick verleihen können, schaffen es Arbeitssüchtige meist selten, noch positive Gefühle aus der Arbeit zu ziehen.

Die einen sind süchtig geworden nach dem Kickgefühl und schuften sich langsam in die Erschöpfung. Dabei werden sie immer unproduktiver. Und verzetteln sich vielfach in einer späteren Phase. Diese Erfahrungen von Misserfolg werden als stark belastend wahrgenommen. Oft kasteit sich der Erkrankte dann selbst und versucht, noch härter und noch konzentrierter zu arbeiten. Eine Abwärtsspirale beginnt. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Für Privatleben, Familie, Freunde, Hobbys und Erholung fehlt zunehmend die Zeit.

Die anderen haben schon lange keine positiven Gefühle mehr bei der Arbeit, sondern arbeiten aus Angst und aus Perfektionismus. Häufig kommt auch vor, dass Arbeit chronisch aufgeschoben wird – aus Angst, zu versagen. Auch hier sind die Effekte letztlich sehr ähnlich.  

Nicht als Krankheit anerkannt

Problematisch dabei ist: Medizinisch gilt Arbeitssucht nicht als Krankheit. Anerkannt ist der zwanghafte Umgang mit Arbeit nicht – ähnlich wie beim Burn-out. Entsprechend fehlt ein Diagnosekatalog. Und entsprechend fehlen auch valide Daten dazu. Auch gibt es in der Forschung noch wenige Studien, die Arbeitssucht und Burn-out-Erkrankungen von einander abgrenzen. Klar ist: Beides bedingt einander. Und beide Phänomene werden durch die Bedingungen in der modernen Arbeitswelt verstärkt. Der digitale Wandel macht Arbeit immer und überall möglich, Beschäftigungsverhältnisse werden brüchiger, unsicherer, flexibler – der Druck auf Arbeitnehmer steigt. Und das Abgrenzen wird immer schwieriger.

Hinzu kommt: Arbeitsschutz wird zunehmend abgebaut oder fehlt in modernen Arbeitswelten noch völlig, weil viele Vorschriften nicht greifen und wichtige Instanzen, die den Arbeitsschutz überwachen, wie Betriebsärzte und Betriebsräte, gerade in Start-ups und neu gegründeten Unternehmen fehlen. Zugleich kümmern sich Arbeitgeber auch zu wenig um Regeln, die der Gesundheit der Beschäftigten zuträglich wären. Und mit der Generation Y tritt eine Generation auf den Arbeitsmarkt, die flexibel arbeiten möchte und solange sie Tätigkeiten als sinnvoll erlebt, auch bereit ist, sich zu verausgaben.

Kein Wunder, dass Arbeitspsychologen befürchten, dass ein krankhafter Umgang mit Arbeit in Zukunft eher zu- als abnehmen wird. Ein Grund mehr, sich am Tag der Arbeitssucht mit Workaholics ernsthaft zu beschäftigten.

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